Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316257--49156-3344082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Znojmo 1× ep/1046086
OCR text
lieh ausgeschwiegen und „packeln" ungeniert mit den Antisemiten deutschnationaler Couleur weiter. In den sechs Wahlbezirken, in die sich ihre Parteigrößen mit sicheren Mandatschancen zurückgezogen haben (Brünn, Olmütz, Iglau, Znaim, M. Ostrau, Göding), sind sie ihrer Juden sicher. In allen übrigen Wahlkreisen, speziell in den ländlichen, haben sie ohnehin nichts zu suchen und überlassen überall dort das Feld kampflos den antisemitischen deutschen Parteien. * * * In den Sudetenländern tritt auf deutscher Seite ein neuer Machtfaktor auf den Plan. Die Wiener Rathauspartei hat es sich in den Kopf gesetzt, als dominierende Deutsche Partei ins neue Parlament einzuziehen und ä tout prix eine Reichspartei zu werden. Dr. Lueger hat schon vor Jahren die Etappen des Eroberungszuges festgestellt: zuerst Wien, dann Niederösterreich, dann das Reich. Die ersten Etappen sind glücklich erreicht: die Christlichsozialen herrschen unumschränkt im Wiener Gemeinderate und niede österreichischen Landtage. Schon im letztenAbgeordnetenhause haben sie aus agrarischen Kreisen der Alpenländer Zuzug erhalten, während es ihnen in den Sudetenländern nicht gelingen konnte, festen Fuß zu fassen. Es ist nicht anzunehmen, daß ihre Bemühungen diesmal von großem Erfolg gekrönt sein werden. Für uns Juden ist es lehrreich und bemerkenswert, daß die von den Wiener Antisemiten mit aller Energie in die Sudetenländer getragene Parteipropaganda Wurzeln zu fassen beginnt und die „freiheitlichen" Deutschen ernstlich beunruhigt. Bisher haben sie sich klerikaler Gegner im eigenen Lager noch erwehrt und konnten schadenfroh die Jungezechen höhnen, als diesen bei den mährischen Landtagswahlen von den Katholischnationalen Mandate en masse abgejagt wurden. Die Christlichsozialen werden, wie es schon wiederholt geschah, Teilerfolge vielleicht erringen, aber auf stärkeren" Mandatszuwachs aus den Sudetenländern, der ihnen die reellen Merkmale einer Reichspartei auch hier geben soll, bei'diesen Wahlen wohl noch verzichten müssen. Es ist für die zukünftige Entwicklung der politischen Verhältnisse in den drei Kronländern Böhmen, Mähren, Schlesien nicht ohne Bedeutung, daß sich die Christlichsozialen unter aktivster Mithilfe der Geistlichen und Klöster eine gutfundierte Organisation schaffen und besonders in bäuerlichen und kleinbürgerlichen Kreisen ihren Anhang immer mehr verstärken. Vor den Wahlen — da rührt sich sogar bei den Jungezechen der sogenannte Freisinn und macht sie von Partei wegen zu Gegnern antisemitischer Agitationen. Sie, die bisher die ausschlaggebende czechische Partei gewesen sind, aber in agrarischen und radikalnationalen Fraktionen gefährliche Konkurrenten gefunden haben, so daß sie stark dezimiert ins Parlament des allgemeinen Wahlrechtes zurückkehren werden, haben sich nach langen,langen Jahren ihrer freisinnigen Parteigrundsätze erinnert und auf Intervention jüdischer Wähler den zu offenen, rüden Antisemitismus zweier Klubkollegen milde und schonungsvoll gerüffelt. Nach den Wahlen mögen sich die Parteigänger nach Herzenslust wieder austoben! Vor den Wahlen weist die Parteileitung sogar den Herrn Abg. Breznovsky in die Schranken. Das ist der Wiener Ritualmordapos'tel Schneider, ins Czechische übertragen. Der gute Mann hat an der Polnaer Affäre das HauptverdiensL Er hat damals die blutrünstigsten Hetzreden gehalten und im Abgeordnetenhause die unwürdigsten antisemitischen Allotria gegen Hilsner aufgeführt. Die Jungezechen, die in ihrer Parteifirma das Wort „freisinnig" führen, haben us geduldet, gefördert, insgeheim gebilligt. Ihre Presse hat dem Parteiantisemiten Breznovsky unverdrossen sekundiert, ihnsogar überboten. Wo blieb da der Freisinn der Jungezechen? Es ist auf den Gipfelpunkt politischer Unehrlichkeitgetriebener Opportunismus, wenn eine „freisinnige" Partei einen Abgeordneten vom Schlage Breznovskys zuerst ruhig in ihrer Mitte duldet und ihm, während er den pöbelhaftesten antisemitischen Instinkten schmeichelt, Beifall klatscht, nun aber plötzlich, knapp vor den Wahlen eine bestellte Deputation jüdischer Wähler mit philosemitischen Redensarten traktiert und damit Wählerfang zu treiben versucht. Es ist eine stereotype Redensart geworden: Die Jungezechen sind die unaufrichtigste Partei in Österreich und gehen an" ihrer Unehrlichkeit zugrunde. Der Fall Breznovsky illustriert dies harte Urteil. R. N. UW2% ED; □!□ KORRESPONDENZEN OB o o o o □§□ % (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Berlin, den 27. März 1907. Mauerstr. 2. Zugunsten des Wahlfonds unserer österreichischen Gesinnungsgenossen! Zentralbureau der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Rundschreiben Nr. 15. Die österreichischen Zionisten haben sich, wie Ihnen aus der Presse bekannt geworden sein wird, an dem Wahlkampf für die Neuwahlen zum österreichischen Reichsrat beteiligt und in den meisten jüdischen Wahlkreisen, insbesondere in Galizien, nationaljüdische Kandidaten aufgestellt. Der Ausfall der Wahlen wird für die Ausbreitung des nationaljüdischen Gedankens in Österreich von entscheidender Bedeutung sein. Sollte es unseren Freunden in Österreich gelingen, einer nennenswerten Anzahl von Zionisten zum Siege zu verhelfen, so wäre damit die Entwicklung der österreichischen Judenheit im nationaljüdischen Sinne gesichert. Da somit der Ausfall der österreichischen Wahlen eine allgemein-zionistische Bedeutung gewonnen hat, so wendet sich die österreichische Landesorganisation mit der Bittte an uns, sie durch Zuwendungen zum Wahlfonds zu unterstützen. Der Wahlkampf wird von allen Parteien mit größtem Eifer geführt und erfordert natürlich sehr erhebliche Mittel. Wir halten es daher für unsere Pflicht, Ihnen von der Bitte der österreichischen Zionisten Kenntnis zu geben. Geldsendungen nimmt unser Schatzmeister, Herr Max Wollsteiner, Berlin N. W. 23., Holsteiner Ufer 10, entgegen. Mit Zionsgruß Zionistische Vereinigung für Deutschland Centraibureau : gez. Hantke. Die Rechtfertigung des badischen t)herrats Im „Verordnungsblatt des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten, ausgegeben Karlsruhe, den 14. März 1907", findet sich im nichtamtlichen Teil, der unter „Verantwortlichkeit des Großherzogl. Oberrats, Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer" erscheint, eine lä igere Ausführung über die Gründe, die den Oberrat zum Rückzug in Sachen der Wahlrechtsänderung veranlaßt haben. Nachdem die Vorgeschichte mitgeteilt ist und festgestellt wurde, daß hinsichtlich der Einzelheiten des Entwurfs eine Übereinstimmung im Oberrat erzielt wurde, heißt es weiter: Nun aber erhob sich im Schöße des Oberrats selbst ein prinzipielles Bedenken von entscheidender Bedeutung . . . Wie leicht könnte die Zulassung der außerterminlichen Stimmabgaben zu unzulässig erWahlbe ei nfl us su ng, und zwar nicht von seiten der kirchlichen Behörden, Beamten und Bedientesten, denen der Oberrat volles Vertrauen schenkt, sondern von privater Seite führen. . . . An demselben Tage, an dem sich diese Oberzeugung dem Respizienten des Oberrats aufdrängte, — es war am 7. März — trat erfürdieZurückziehung der Vorlage ein,*) welche tags darauf von dem Kollegium des Oberrats beschlossen und unverweilt sämtlichen Abgeordneten mit dem Anfügen mitgeteilt wurde, daß nach neuerlicher Erwägung die Zulassung der außerterminlichen Stimmabgabe auch bei korrektester Haltung der Synagogenräte zu unzulässiger privater Wahlbeeinflussung Gelegenheit und Anreiz geben würde. Es ist nicht ohne Interesse dies festzustellen, damit es etwa nicht den Anschein gewinne, als ob die ganz unverständigen, von haltlosen Einwänden und unbegründeten Unterstellungen erfüllten Auslassungen, welche in Nr. 10 der Jüdischen Presse vom 8. März gegen die Vorlage des Oberrats gerichtet worden sind, irgendwie ins Gewicht gefallen wäre." Demgegenüber ist nun folgendes festzustellen: Am 7. März bis abends nach 9 Uhr, hat der Respizient des *) Von uns gesperrt gedruckt.