Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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schlagen darf. Man mag daher noch so viel an den agrarischen Verhältnissen zu verbessern versuchen, die wichtigste Bedingung einer gründlichen Besserung derselben bleibt doch' immer die rechtliche und politische Gleichstellung der Juden mit den übrigen Teilen der Bevölkerung. Diese Gleichstellung wenigstens in Rumänien zu verlangen, haben noch heute alle Unterzeichner des Berliner Vertrages das Recht, und wenn sie es aus Opportunitätsrücksichten nicht tun, so sind auch sie bis zu einem gewissen Grunde mitschuldig an den immer wiederkehrenden Jtidenhetzen in Rumänien." Die „Vossische Zeitung" schreibt: „Verelendete Bauern ziehen in blinder Wut gegen elende rumänische Landstädte, um ihrer Verzweiflung durch Raub und Plünderung einige Luft zu machen. Die ersten, die angefallen werden, sind die Juden. Das ist selbstverständlich, denn die Juden in Rumänien sind vogelfrei. Von den Behörden haben siekeinen Schutz zu erwarten. Im Gegenteil. Gerade die Behörden sind es, denen eine Judenhetze zumeist ganz willkommen ist, weil eine solche die hungrigen Bauern und das arbeitslose städtische Gesindel vielfach von Gewalttätigkeiten gegen andere Bevölkerungsklassen ablenkt. Die politischen Parteien selbst sind in jedem Augenblicke auf dem Sprunge, sich des Antisemitismus für ihre Zwecke zu bedienen. Keine Partei, die ihn nicht in ihre Rechnung gestellt hätte. Fast jedesmal, wenn ein Ministerium wackelig wird, entstehen in Rumänien Judenhetzen kleinen oder größeren Umfanges. Mit teuflischem Vergnügen sendet dann die jeweilige Opposition ihre Wanderagitatoren aus, um das Volk zu veranlassen, durch Gewalttätigkeiten gegen die Juden der Regierung Verlegenheiten zu bereiten und ihr auf diese Weise womöglich den Fangstoß zu versetzen. Und es ist in der Tat für jede rumänische Regierung das schwierigste Problem, einer Judenhetze einen Riegel vorzuschieben. Wie können Regierungsmänner, die früher, als Oppositionelle, selbst den Judenhaß geschürt haben, auf einmal als Verteidiger der Juden auftreten? Wie könnte ein Minister in einem Lande, wo der Judenhaß zum politischen Handwerk gehört, es wagen, das schwere Odium eines Judenfreundes auf sich zu nehmen? Es ist aber auch klar, weshalb, von Rußland abgesehen, gerade Rumänien der Schauplatz periodischer Bauernunruhen und Judenhetzen ist. Rumänien hat zwar auf dem Papier eine der freiheitlichsten Verfassungen Europas, in Wirklichkeit aber wird es von einer Grundbesitzer-Oligarchie beherrscht. Was wissen die großen Herren, die in Bukarest ihre prächtigen Villen haben, die sich einen großen Teil des Jahres in Paris und Monte Carlo aufhalten, von dem Dasein ihrer Bauern? Zumeist haben sie nichts anderes gelernt, als ihr Geld zu verprassen. Die Güter werden verpachtet, und da unter den Rumänen Pächter, die ihr Fach verstehen, selten zu finden sind, so gehen die Güter vielfach in die Verwaltung von Juden über. Oft kommt es natürlich auch vor, daß der Herr Geld braucht. Der Getreidehandel liegt in den Händen der Juden. Nichts Einfacheres, als daß der Gutsbesitzer sein Gut dem Juden zur Bewirtschaftung übergibt, mit dem er seine Getreidegeschäfte macht, und bei dem er bereits vor der Ernte eine hochprozentige Anleihe aufgenommen hat. So gerät der Jude zwischen den gewissenlosen Gutsbesitzer und den hungrigen Bauer, der in ihm seinen Bedrücker erblickt. Die Männer aber, die die hohe Politik machen, haben keinen Anlaß, an diesen Zuständen etwas zu ändern. Sie fühlen sich ja ganz wohl dabei. Wird aber der Bauer durch sein Elend zur Verzweiflung getrieben, nun dann gibt es ja Juden genug im Lande, gegen die man ihn führen kann, wenn nur der Grundbesitzer mit heiler Haut davonkommt. Die herrschende Klasse, die für die bestehende Judengesetzgebung und für die elende Lage der Bauern verantwortlich ist, hat das größte Interesse daran, daß alles beim alten bleibe. Man wird bloß einige hochtönende Phrasen von Vaterlandsliebe, sozialen Pflichten, rumänischer Kulturhöhe und dergl. im Parlamente vernehmen." Die Juden in den Sudetenländern Heiße nationale Kämpfe werden bei den kommenden Wahlen den Juden der Sudetenländer erspart bleiben und daher auch die normalen Begleiterscheinungen solcher Kämpfe — antisemitische Zeitungshetzen, wirtschaftlichen Boykott, geschäftlichen Rückgang — nicht bringen. Die neue Wahlordnung schaltet dort, indem sie den nationalen Besitzstand gesetzlich festlegt, Mandatskämpfe zwischen den Nationen S\is und führt sehr geschickt das Prinzip durch, daß Wahlkämpfe sich nur innerhalb der Nationalitäten nach bestimmten politischen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten abspielen. In Böhmen und Schlesien erzielt die Heilwirkung eine im Kompromißwege und sehr mühselig zustandegekommene Wahlkreiseinteilung, in Mähren scheidet das bereits bei den letzten Landtagswahlen erprobte System nationaler Wahlkataster die gesamte Wählerschaft des Landes in zwei scharf abgegrenzte nationale Lager. Und in dem Maße, wie der nationale Kampf bei den Wahlen abflaut, tritt auch der Judenpunkt, wenigstens vorübergehend, in den Hintergrund. Der nationale Radikalismus, der unter Badeni mächtig anschwoll und auch durch schärfere und schärfste Betonung des Antisemitismus den gemäßigten Parteien allen Wind aus den Segeln nehmen wollte, hat auf deutscher Seite seinen Höhepunkt schon überschritten und an Werbekraft sehr viel eingebüßt. Das allgemeine Wahlrecht hat die parlamentarische Stellung der Deutschen in Östereich so durchgreifend verändert, es hat ihre Vorherrschaft im Staate so sehr ins Wanken gebracht daß sie sich den Luxus eines ewig polternden und negierenden Radikalismus mit seinen chauvinistisch-antisemitischen Extravaganzen, wie sie vor einigen Jahren in Deutsch- Österreichs Gauen auf der Tagesordnung waren, nicht mehr leisten können. Es scheint, das neue Wahlrecht hat doch die deutschen Wählermassen der Sudetenländer viel ernster, reifer und besonnener gemacht, weil sie fühlen, daß die „geschichtlich gewordene Machtstellung der Deutschen in Österreich" unwiederbringlich aufgegeben ist und die Judenfrage nicht mehr unter dem Gesichtswinkel kommersierender Burschenschafter die ganze deutsche Politik beherrschen kann. Das deutsche Bürgertum hat damit durchaus nicht, wie Optimisten unter den Juden heute schon hoffen und jauchzend verkünden, den Antisemitismus aufgeben oder verschworen, es hat nur unter dem Zwange der nationalen Not und aus unverfälschten Opportunitätsrücksichten seine Taktik geändert und den Radikalismus in puncto Judenfrage der hohen Politik zuliebe gedämpft. Die schärfere Tonart wird wiederkommen, weil die politische Wesensart dieser Bürgerschicht sich nur in ihr auslebt. Die Konzentration der freiheitlich gesinnten Deutschen vor den Wahlen ist mißlungen, der Wahlkampf, der vermieden werden sollte, im besten Gange. Die Fortschrittlichen, die durch den Verlust der Mandate der Handels- und Gewerbekammern, dieser Versorgungsstübchen ausgedienter Parteiveteranen, die größte Einbuße erlitten, haben in Böhmen das ausgegebene Losungswort von der Konzentration am lebhaftesten aufgegriffen und am meisten propagiert. Den Plan eines engeren Zusammenschlusses der in Betracht kommenden Parteigruppen, der auch aufs Tapet gebracht und ernstlich erörtert wurde, hat man schon nach den ersten Beratungen aufgegeben. Klippe: natürlich der Judenpunkt. AlleKompromißbestrebungen der Fortschrittlichen sind an der Beutegier der Radikalen gescheitert. Die Alldeutschen, die bei den letzten Wahlen die liberale Partei in Böhmen hinwegzufegen drohten, haben — bescheiden, wie sie schon sind — den Löwenanteil der Mandate für sich gefordert. Die deutsch-böhmischen Liberalen, die auch sonst, ganz im Gegensatze zu ihren Wiener Gesinnungsgenossen, in der harten Schule der Politik der letzten Jahren zweifellos viel gelernt und den Radikalen in der Agitation und Organisierung der Wähler manches abgeguckt haben, lehnten das ihnen zugemutete Harikiri ab, und treten mit großer Zuversicht und mit einer ungewohnten Rührigkeit in den Wahlkampf. Der Einfluß und die Machtsphäre des Prager Deutschen Kasinos, von dem aus vor Jahrzehnten die ganze deutschösterreichische Politik diktiert, ja sprichwörtlich sogar Westösterreich regiert wurde, ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Die letzten Reste der mächtigen altliberalen Kasinopartei raffen sich verzweifelt und unter sehr energischer Führung zum Entscheidungskampf auf, um den Abbröckelungsprozeß, während dessen jahrelanger Dauer ein Fähnlein nach dem anderen absplitterte und das deutschvolkliche, alldeutsche, agrarische Parteigebilde schaffen half, zum Stillstande zu bringen und die Liberalen Böhmens vor dem vollen Debacle zu bewahren. Ihrem jüdischen Anhang gegenüber haben sie auf ihrem Parteitage, der vor einigen Wochen in Prag stattfand, jedenfalls aufrichtiger und loyaler gehandelt als die mährischen Liberalen. Der Führer der Fortschrittspartei Böhmens hat — man braucht die platonische Liebeserklärung vor den Wahlen nicht allzuhoch einzuschätzen, aber die Tatsache allein sei hervorgehoben — mit energischen Worten für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden eine Lanze gebrochen und hat auf ihr „ehrliches Deutschtum" ein Loblied gesungen. Wenn man mit Alldeutschen im schärfsten Kampfe steht, ist dies ohne Zweifel anerkennenswerter Mut. Die Liberalen Mährens, die doch sozusagen auch das politische Gnadenbrot der Juden essen, haben sich gründ-