Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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18 DIElSgELT No. 13 Distrikt Jassy Die Lage im Distrikte Jassy wird immer beunruhigender, und die Bewegung unter den Bauern nimmt einen immer bedrohlicheren Charakter an. — In Tobora haben die Bauern zwei geflüchtete Juden in schrecklicher Weise mißhandelt und nahezu tot liegen lassen. Der Zustand des einen der Verwundeten ist ein hoffnungsloser. — Auch in der Gemeinde Codaesti sowie in Mogoschesti sind die Bauern in vollem Aufruhr. In Macaresti sind schwere Ausschreitungen vorgekommen, und die Bauern devastierten die Häuser der dort wohnenden Juden. Das Städtchen Bivolari ist nahezu vollständig zerstört. — Auch das Städtchen Darabani ist vollständig ruiniert, und nahezu alle Häuser sind zerstört. — In Podul-Iloaei ist das Elend ein unsägliches und es haben sich Unterstützungskomitees gebildet, welche täglich Brod an zahlreiche jüdische Familien verteilen. P. Carp über die Ursache der Exzesse Aus Braila berichtet uns unser Korrespondent unterm 24. März: Endlich, endlich ist im rumänischen Parlament das wahre Wort gesprochen worden. Derselbe P. Carp, der seit Jahrzehnten der einzige rumänische Politiker ist, der in der Judenfrage anders zu denken und zu sprechen wagt, als alle übrigen, hat auch diesmal den Mut der Wahrheit gehabt. Ich übersetze aus dem Parlamentsbericht der „Diminetea"' den betreffenden Passus: „Ihr klagt die Häupter der landwirtschaftlichen Trusts an, daß sie die Bauern bedrückt haben. Nein, nein! Ich erkläre laut und entschieden, daß die Trusts den Wert des Bodens erhöht haben, aber auch d|en Verdienst des Bauern. Ich gebe zu, daß einzelne Pächter den Preis des Bodens erhöhen, den sie den Bauern verpachten, aber dabei spielt die Religion keine Rolle: die Rumänen handeln da grade so wie die Juden. Aber das ist nicht die Ursache, die den verzweifelten Zustand der Bauern veranlaßt hat." Da kein Widerspruch laut wurde, (wenigstens verzeichnet der Bericht keinen solchen), so dürfte damit bis zur Evidenz bewiesen sein, daß die Ursache der agrarischen Mißstände bei den Rumänen liegt, daß aber alle Beschuldigungen, die gegen die Juden erhoben werden, nur leere Ausflüchte sind zur Bemäntelung der eigenen Schuld, und daß die Bauern auf die Juden gehetzt werden, damit sie von den eigentlichen Schuldigen abgelenkt werden. Und wenn alle Parteien und Politiker als die einzige positive Maßregel für die Besserung der bestehenden Zustände ein Gesetz gegen die landwirtschaftlichen Trusts ankündigen, so ist klar zu erkennen, daß es sich da wieder um eine Ablenkung auf die Juden handelt. Sehr bezeichnend ist folgender Umstand: Noch ist weder im rumänischen Parlament, noch in der rumänischen Presse, irgend ein Wort des Mitleids mit den tausenden von selbstverständlich schuldlos verelendeten Juden geäußert worden. . . . Blätterstimmen zu den rumänischen Judenexzessen Die „Frankfurter Zeitung" schreibt zu den rumänischen Exzessen: „Daß von rumänischer Seite versucht worden ist, die Vorgänge in der Moldau in einem für die Regierung günstigeren Lichte erscheinen zu lassen, braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden. Da hieß es zuerst, es hätten nur ganz vereinzelte Ruhestörungen stattgefunden und bloß „ausländische" Pächter seien angegriffen worden. Dann wurde zugegeben, daß die Hauptschuld an den Agrarunruhen die Großgrundbesitzer trügen, welche auf die bequemste Art einen möglichst hohen Ertrag aus ihrem Eigentunj zu erzielen versuchten und dies in der Weise taten, daß sie ihre Güter jüdischen Großpächtern überließen, die dann „begreiflicherweise'* gleichfalls keine Rücksicht auf das wirtschaftliche Gedeihen ihrer Unterpächter, eben der Bauern, nahmen. So sei es geschehen, daß der Haß eines auf sehr niedriger Kulturstufe stehenden Volkselements sich „allmählich" auch gegen die Glaubensgenossen der Großpächter kehrte. Außerdem sei wohl eine förmliche Organisation vorhanden, die von fremden Händen geleitet sein müsse. Die Regierung habe jedoch sofort eine „anerkennenswerte Energie" entfaltet, und wenn sie zunächst durch finanzielle Opfer die Notlage der Bauern für den Augenblick gelindert habe, werde sie die lange versäumte kulturelle und wirtschaftliche Regeneration der bäuerlichen Bevölkerung „zielbewußt und mit dem Aufwände reicher finanzieller Mittel in Angriff nehmen müssen". Das kann man abwarten, indessen darf man nicht vergessen, daß keine der herrschenden Parteien, Liberale wie Konservative, wenn sie am Ruder waren, auch nur die geringste Neigung gezeigt hat, das Los der Bauern auf Kosten der Großgrundbesitzer zu vetbessern. Die offiziöse Darstellung hat aber auch in ihrem, wir möchten sagen, historischen Teil einen großen Fehler. Nicht „allmählich" haben die Bauern ihren Haß gegen die jüdischen Großpächter auf deren Glaubensgenossen übertragen, sondern sie haben gleich damit angefangen, die Juden in den Städten anzugreifen. Wir haben, bereits eine lange Reihe von Orten angeführt, in denen die jüdischen Häuser und Läden und nur diese, nicht auch christliche, ausgeplündert und zerstört worden sind, in denen ferner die Juden selbst und nur diese, nicht auch Christen, mißhandelt worden sind. Ein großer Teil dieser Orte liegt an der Eisenbahn, und es wäre leicht gewesen, die Angegriffenen durch Militär zu schützen, falls die örtliche Polizei dazu nicht stark genug war. Dagegen sind genügend beglaubigte Fälle bekannt geworden, in denen die Soldaten sich jeder Aktion enthalten haben, bis das Zerstörungswerk vollendet war. Was aber noch schlimmer ist, selbst ein so hoher Beamter, wie der Präfekt von Botuschani, Herr Vasescu, hat sich direkt an den Angriffen gegen die Juden beteiligt, und die Regierung hat ihn noch nicht abgesetzt.") Die eigentlichen Leiter der Regierung haben nicht nur gegen die jüdischen Pächter, sondern gegen die Juden überhaupt gehetzt. Dabei verdient hervorgehoben zu werden, daß die Zahl der jüdischen Pächter in der Moldau kaum ein Achtel der Zahl der Pächter ausmacht, deren größerer Teil Griechen sind, die aber, soweit bis jetzt bekannt, unbehelligt geblieben sind. In Wirklichkeit haben die Unruhen wie auch einer der bedeutendsten rumänischen jüdischen Pächter, der zurzeit in Wien weilende Herr K. Fischer, einem Mitarbeiter der „Zeit" bestätigt hat, zur selben Zeit begonnen, als von der Regierung in Bukarest an die Präfekten der 32 rumänischen Distrikte eine amtliche Note erging, daß es den Juden nicht gestattet sei, in diesen Dörfern zu wohnen. Dieser Befehl, so erzählte Herr Fischer, machte zuerst auf die Bauern gar keinen Eindruck, da sie sich mit der jüdischen Bevölkerung jederzeit gut vortrugen. Anscheinend auf höhere Weisung traten aber bald darauf die Lehrer* und die Geistlichen auf den Plan. In aufreizenden Reden predigten sie den Haß gegen die Juden. Sie hielten Versammlungen ab und suchten den Bauern zu beweisen, daß die Juden es sind, denen sie ihre Not zu danken haben. Wenn einmal diese Fremdlinge aus dem Lande gejagt oder erschlagen seien, dann werde sich das Los der Bauern um vieles verbessern. Die Bewegung erstreckte sich auf die vier Moldaudistrikte Dorohoi, Jassy, Botuschani und Roman. Die erschreckte jüdische Bevölkerung, die sich an Leben und Gut bedroht sah, wendete sich telegraphisch an die Regierung nach Bukarest. Fast gleichzeitig mit diesen Telegrammen trafen aber auch Mitteilungen der allmächtigen Präfekten in der rumänischen Hauptstadt ein, die besagten, daß nicht der geringste Anlaß zur Beunruhigung vorhanden und daß jeder militärische Schutz, der verlangt werde, unnötig sei. Ohne Zweifel haben außer den Hetzereien cjer liberalen Presse auch von Rußland herübergekommene Agitatoren viel zur Erregung der rumänischen Bauern beigetragen. Wie in Rußland die Minister des Innern, Graf Ignatjew vor fünfundzwanzig Jahren und Herr v. Plehwe vor vier Jahren, die Aufmerksamkeit einer unzufriedenen Bauernschaft durch eine Hetze gegen die Juden auf diese abzulenken versuchten, so gehört eine gelegentliche Judenhetze auch zu der Taktik der beiden maßgebenden Parteien in Rumänien. Sie suchen sich hierdurch gegenseitig Schwierigkeiten zu bereiten. Der König selbst hat einer Abordnung von Gutsbesitzern erklärt, daß an allem Unglück die Politik schuld sei; vor dreißig Jahren sei die Verwaltung besser gewesen, jetzt stehe sie nicht auf der Höhe der Zeit, und die Politiker sollten zunächst die Agrar- und die Judenfrage lösen. Ein frommer Wunsch. . . Dabei ist es völlig gleichgültig, ob die Konservativen oder die Liberalen am Ruder sind. In dieser Beziehung hat also der neueste Ministerwechsel in Bukarest keine Bedeutung. Nur daß die Liberalen, nachdem sie ihr Ziel erreicht, versuchen werden, die Geister, die sie gerufen haben, wieder zu bannen. An Anlässen zu Judenhetzen wird es freilich auch in Zukunft nicht fehlen, denn die Gründe zu denselben liegen in Rußland wie in Rumänien viel tiefer, als diejenigen anzunehmen scheinen, welche darin nur eine wirtschaftliche Bewegung sehen. Gewiß ist die Lage der Bauern eine trostlose, und auch die jüdischen Pächter werden ebenso wie die Großgrundbesitzer und die griechischen Pächter oft genug von persönlicher Schuld nicht freizusprechen sein; allein die" Hauptsache ist doch, daß diesseits wie jenseits des Pruth die Juden als ein minderwertiges, rechtloses Element der übrigen Bevölkerung dargestellt und auch in dieser Weise von den Regierungen wie von den gesetzgebenden Körperschaften behandelt werden. Daraus zieht dann der Bauer gleichfalls den Schluß, daß er den Juden straflos berauben, schlagen und er- *) Mittlerweile ist Vasescu von dem neuen Kabinet seines Amtes enthoben und — durch seinen Bruder ersetzt worden, i Anm. der Redaktion).