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Die Welt · 1907-03-29 · 13 (29.3.1907) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Xo. 13 DIE^ELT 17 Marktplatz, während seine Soldaten der Plünderung zusahen. Auch die rumänischen Gendarmen versagen zum Teil vollständig und mißhandeln Flüchtlinge. Ein österreichischer Untertau aus Bordujeni wurde von Gendarmen schwer verletzt. Die jüdischen Soldaten werden aus den Regimentern entfernt, so in Bordujeni. Der Eindruck des Lagers der Flüchtlinge in Itzkany ist unbeschreiblich. Tausende vor einigen Stunden noch bemittelte Menschen sind bettelarm. Für die Lage beachtenswert ist, daß von 3332 Pächtern nur 479 Juden sind. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" erhielt von seinem zwecks Hilfeleistung in die rumänischen Aufstandsgebiete entsandten Berichterstatter folgendes Telegramm: Czernowitz, 25. März. Ich erreichte Burdujeni, der Eindruck ist gräßlich. Die jüdische Einwohnerschaft von 400 Familien ist geflüchtet. Zurückgeblieben sind einige Greise, Kranke und alleinstehende Frauen. Die Häuser sind meist demoliert, einige Wohnungen freilich säuberlich ausgeräumt. An allen christlichen Häusern und öffentlichen Gebäuden sind Heiligenbilder angebracht, sowie ganz gleichmäßig aufgemalte weiße Kreuze. Hierdurch wird bezeugt, daß die Unruhen einheitlich vorbereitet wurden. Vor Ausbruch der Unruhen berief Postchef Neggruzzi die Ältesten der Gemeinde, beruhigte sie und sagte: „Wir Christen haben keine Soldaten nötig." Neggruzzi vertritt jetzt den Bürgermeister und hat das Militärkommando in seiner Hand, da der beamtete Bürgermeister wegen seines humanen Benehmens flüchten mußte. Bei einiger Energie wäre die Revolte im Beginn zu unterdrücken gewesen. Ein rumänischer Grenzkapitän, dessen ehrliches Verhalten festgestellt wurde, namens Teodorescu, sagt mir, er habe mit sechs Soldaten viel Unglück verhüten kennen. Nur das strafbare Verhalten anderer Offiziere ermögli hte die Ausbreitung des Aufstandes. Kapitän Wassilescu ließ seine Soldaten an den Plünderungen teilnehmen. Der Kapitän des 15. Regiments 1. Bataillon Kalmücke Heß einen jüdischen Soldaten einsperren, als er sah, daß dieser den plündernden Bauern entgegentrat. Die Ausbreitung des Aufstandes ist auch dadurch herbeigeführt, daß das zugeschickte Militär aus Reservisten der Aufstandsgebiete bestand, die gegen die Bauern nicht vorgehen wollten. Man verständigte die Plünderer, daß nur blind geschossen werden würde. So wurden die Salven mit Lachen und Hurrarufen begrüßt. Bemerkenswert ist, daß der Vizebürgermeister Georgi Bulat den eingesessenen Juden verboten hat, mir ihre zerstörten und geplünderten Wohnungen zu zeigen. Auf eine Anfrage, ob die über die österreichische Grenze Geflüchteten zurückkehren könnten, ließ der Bürgermeister den Präfekten telephonisch hierüber anfragen. Der Präfekt versprach,mit zweifelhaften Worten, die Sicherheit zu verbürgen. Bisher lassen sich 21 Städte und Ortschaften mit einer jüdischen Bevölkerung von etwa 10 000 Familien aufzählen, wo schwere Unruhen stattgefunden haben. Die größere Hälfte dieser Familien ist völlig ausgeraubt. Der durch Plünderung entstandene materielle Schaden erscheint gering gegenüber den wirtschaftlichen Folgen der Panik. Die Geschäfte werden überall geschlossen, die Wertsachen verschickt. Aus Ortschaften, die noch vom Aufstand unberührt sind, flüchtet oft die gesamte Einwohnerschaft. So ist Mihaiieny fast verlassen. In Sereth ist die begüterte Einwohnerschaft aus der ganzen Umgegend zusammengeströmt, weil man sich dort sicherer fühlt. Das Deutsche Bureau der Alliance IsraeJite Universeile stellt uns folgende Telegramme zur Verfügung: Sofia, 26. März. Die bulgarische Regierung hat den Präfekten die gastfreundlichste Aufnahme der zahlreichen, in den Uferstädten Bulgariens eingetroffenen rumänischen. Juden anbefohlen. Rustschuk, 26. März. Die Situation in der Walachei und dem Moldaugebiet hat sich verschlimmert. Neue Verwüstungen haben in Bozieni, Buzeu, Ivesti und Husi stattgefunden. Bukarest, 26. März. In den Bezirken Temcorna und Wlaschka herrscht wahre Panik. Die Bauern zerstören und verwüsten alles und morden jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Die Betroffenen sind nicht bloß Juden, sondern christliche rumänische Gutsbesitzer und Pächter. Man glaubt, die Regierung werde die strengsten Maßregeln ergreifen müssen, um der Bewegung Herr zu werden. Zu diesem Zwecke wird die Regierung wahrscheinlich den Belagerungszustand verhängen müssen. In Alexandria, wo Sonntag antisemitische Ruhestörungen stattfanden, wurden Läden folgender Kaufleute geplündert: Manufakturwarenhändler: Segal, Romozik, Avvrom Segal, Markus Lewit, Jakob Lewit, Nissim David, Salomon Greiff; Kleiderhändler: Samuel Lebu; Goldwarenhändler: Ascher Lebu; Glaswarenhändler: Markus Cara; Wechselstubenbesitzer: Aron Loebel; Blechwarenhändler: Salomon Deitelbaum; Uhren warenhändler: Melas; Kolonialwarenhändler: Nicolopol, Besitzer einer Bierstube, ferner eines Kaufmanns und Vertreters einer Versicherungsgesellschaft. Sämtliche Läden wurden total ausgeplündert. Außerdem wurden folgende Wohnungen zerstört: von Jakob Ascher, Alois Nosliak, Geurgiu, Fulka, Frojim Sigmann. In Alexandria selbst herrscht jetzt Ruhe, aber im ganzen Bezirke lodert die Flamme des Aufruhrs. In der Moldau ist die Ruhe, wie es scheint, ziemlich hergestellt. Dagegen ist die Lage in der Walachei noch immer äußerst kritisch. Im Dorfe Bozjen, einer kleinen Ortschaft in der Moldau, erfolgten gestern Zusammenrottungen. Nachdem ein Gutshof verwüstet war, griffen die Bauern das Wirtshaus an, dessen Eigentümer ein Jude ist. Dieses sowie mehrere jüdische Geschäfte wurden zerstört. Militär schritt ein und stellte die Ruhe wieder her. Bei Roman haben die Bauern im Dorfe Tripesti den Gutshof eines Rumänen angegriffen. Sodann schickten sie sich an, das Wirtshaus eines jüdischen Pächters zu stürmen. Die Bauern wollten die Weinfässer öffnen, konnten jedoch nicht in die Keller eindringen, da der Wirt dort große Massen Schwefel angezündet hatte. Der Besitzer des Wirtshauses und sein Sohn stellten sich den Aufrührern mit Revolvern entgegen. Vier Bauern stürzten verwundet /u Boden, worauf die übrigen die Flucht ergriffen. Ein im Namen des Königs erlassenes Manifest ist heute erschienen und wurde in allen Dörfern affichiert. Dasselbe enthält u. a. die Ankündigung eines Gesetzes gegen die Pächtertrusts und der scharfen Anwendung des Gesetzes, welches die Niederlassung der Fremden (lies: Juden) in den Dörfern verbietet. Von unserem ständigen Korrespondenten erhalten wir aus Bukarest folgende Zuschrift: Nach lOtägigem Aufenthalte an den verschiedenen Schauplätzen der grauenhaftesten Schandtaten, kehrte ich für einen Tag hierher zurück. Zu meiner größten Verwunderung fand ich nun die abgesandten Telegramme vor, die mir vom Postamt zurückgestellt waren, ferner zwei Briefe mit Originalberichten. — Ähnliches soll übrigens fast sämtlichen Korrespondenten der ausländischen Zeitungen passiert sein. Anbei einige kurze Meldungen. Näheres lasse ich ihnen für die nächste Nummer zugehen. — Letzte Nachricht: „Die Liberalen (Antisemiten), die eigentlichen Urheber der Judenausschreitungen sind wieder am Ruder. Nur falls die fremden Mächte einschreiten werden, kann sich das schreckliche Schicksal der Judenschaft änderen. Ben Zion. Die angeschlossenen Meldungen unserer Korrespondenten besagen : 23. März 1907. Distrikt Neamtzu. Unter der jüdischen Bevölkerung von Piatra-Neamtzu herrscht große Furcht vor Ausschreitungen. Die Polizei hat umfassende Maßregeln getroffen und die Behörden der Stadt werden von den Truppen bewacht, welche den Bauern den Eintritt in die Stadt verwehren. Aus den Dörfern treffen zahlreiche jüdische Familien sowie Grundbesitzer und Pächter ein, die sich vor der Wut der Bauern geflüchtet haben. In Tzibucana schleppten die Bauern den Gutspächter Rappaport in die Primarie, wo sie ihn zwangen, einen für sie günstigen Kontrakt zu unterzeichnen. Der Gutspächter Kohn in Balanesti wurde gefesselt und mißhandelt, und die Bauern raubten ihm einen Geldbetrag von 18.000 Frs. Distrikt Baslui Im Städtchen Codaesti wurden große Devastierungen und Räubereien verübt, und die jüdischen Bewohner nahezu um ihr ganzes Hab und Gut gebracht. Viele jüdische Kaufleute wurden mißhandelt und zum Teile verwundet. Die Frauen und Kinder haben die Gemeinde verlassen. Aehnliche Ausschreitungen haben sich auch in der Gemeinde Valea Rea zugetragen. — Aus Negresti wird gemeldet, daß die Unruhen sich wiederholt und einen akuten Charakter angenommen haben. Man befürchtet, daß die Aufrührer das Städtchen in Brand stecken werden, und es wurden zahlreiche Truppen an Ort und Stelle gesendet. Weitere Nachrichten besagen, daß an vielen Stationen die Bauern in die Waggons der Züge einsteigen und die jüdischen Reisenden ausrauben.

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