Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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10 DlE3§g ELT No. 13 Man berichtet aus Bukarest vom 22. d. M.: Der Aufruhr tobt jetzt bereits durch die ganze Moldau, und überall spürt man die Angst, er könnte auch die Bauern in der Walachei erfassen. Die Reserven wurden im ganzen Lande einberufen, und man hofft dadurch, daß man die jüngeren Elemente aus den Dörfern entfernt, die Ausdehnung des Aufstandes verhindern zu können. In den aufrührerischen Bezirken wurden Lehrer und Geistliche in die Hauptstädte berufen, wo an sie die Aufforderung erging, zur Beruhigung der Gemüter beizutragen. Den Zeitungen wurde der Verkauf in den Landgemeinden bis auf weiteres durch die Post untersagt. Diese Verfügung dürfte wohl ihren Zweck verfehlen, da gerade der Mangel an authentischen Meldungen allen Gerüchten, auch den phantastischsten, Glauben verschafft. Aus der Fülle von Meldungen, die aus der Moldau eintreffen, — in keinem Dorfe wurden die Juden und ihre Habe geschont — sollen hier einige wiedergegeben werden. Am Montag nach den antisemitischen Unruhen in Botuschani versammelten sich die Bauern mehrerer Dörfer in dieser Stadt. Ihnen gesellten sich Lipowaner und anderes Gesindel, das sie zu neuen Angriffen auf die Juden anfeuerte. Die Vertreter der Behörden wollten beruhigend wirken. Umsonst, die Menge drang vor und ließ sich gegen einen Major zu Tätlichkeiten hinreißen. Da wurde dreimal gewarnt und darauf eine Salve abgegeben. Vier tote und neun schwer verwundete Bauern blieben auf dem Platze. — Auf dem Gute Ro?now im Bezirke Neamtsu erzwangen die Bauern von dem Pächter Herschkovici die von ihnen vorgeschriebenen Bedingungen, verwüsteten aber trotzdem darauf die Geschäfte und Wohnungen der Juden. Da die Menge sogar den eingetroffenen Staatsanwalt bedrohte, wurde sie von Militär umzingelt, wobei 50 Rädelsführer verhaftet wurden. — Im Dorfe Slobozia wohnten vier jüdische Familien. Sie wurden vertrieben, und ihre Habe wurde vernichtet. Die Unglücklichen mußten mit Frauen und Kindern die Strecke bis zum nächstgelegenen Bahnhof zu Fuß zurücklegen und zwar durch aufständisches Gebiet. In Zaneschti wurden die dort wohnenden Familien fürchterlichen Martern ausgesetzt, und in Podoleni wurden die Juden gleichfalls mißhandelt. — Buhuschi, ein größerer Marktflecken, wurde vollständig zerstört. Hunderte jüdische Familien wurden ihrer zum größten Teil geringen Habe beraubt, und soweit sie nicht flüchten konnten, leben sie in Hunger und Angst. — Im Dorfe Kukuteni (Bezirk Jassy) entstand ein Kampf zwischen den dortigen Einwohnern und ungarischen Bauern, die seit Jahrhunderten in einem nahe gelegenen Dorfe wohnten. Ursache des Kampfes soll die Weigerung der Kukutenier Bauern gewesen sein, sich dem Aufstande anzuschließen. Militär mußte einschreiten. Es gab 4 Tote und 30 Verwundete, — alles Ungarn. — In Valea lui-John (Bezirk Bakau) wurden die wenigen jüdischen Läden und Wohnungen vernichtet. — In Blegeschti (Bakau) devastierten und plünderten die Bauern 13 den Juden gehörende Geschäfte und Wohnungen. — Der Flecken Negreschti im Bezirke Vaslui ist gänzlich verwüstet. Es haben sich hier wahre Schreckensszenen abgespielt. Die Juden wurden fürchterlich mißhandelt. Die reicheren wurden gemartert, um Geld von ihnen zu erpressen. — Von einem in die rumänischen Aufstandsgebiete entsandten Berichterstatter hat der Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin über Czernowitz folgendes Telegramm erhalten: Czernowitz, 23.März. Nach nunmehriger einigermaßen zuverlässiger Zählung kann ich die Zahl der Flüchtlinge in Itzkany und Suczavva auf 2600, in Sereth und Sinoutz auf zirka 1000 angeben. Darunter befinden sich etwa 400 Personen, die über größere oder geringere Mittel verfügen. Die Hotels in größeren Orten weiter jenseits der Grenze sind überfüllt. Hier die wohlhabenderen Flüchtlinge. Die jüdische Bevölkerung der österreichischen Grenzorte brachte Flüchtlinge in Bethäusern und Vereinslokalen unter. Soweit sich bis jetzt überblicken läßt, werden die Flüchtlinge, sobald Beruhigung eintritt, nochmals nach Rumänien zurückkehren, um den Rest ihres Besitzes zu retten. Sie werden hierauf auswandern, so daß Vorbereitungen für eine sehr starke Emigration getroffen werden müssen. Die Bewegung, die ursprünglich ausschließlich eingeleitet war durch eine antisemitische Hetze, ist jetzt gleich bedrohlich für Juden und christliche Großgrundbesitzer. Die Organisation der Bauern ist eine sehr gute. Die Scharen verständigen sich untereinander durch berittene Boten und telephonisch. An einzelnen Orten leisteten die Juden tapferen Widerstand, so in den Orten Botuschani, Bohusch, Vaslui. Durch die Demolierung der Gerätschaften und Vernichtung des Viehstandes, durch die Verspätung des Anbaues wird die Krisis über die betroffenen Gebiete weit hinausgreifen und die schwersten Folgen zeitigen. Die landwirtschaftliche Erneute wird die Kreditverhältnisse des Landes stark erschüttern. Der gesamte materielle Schaden ist vorläufig noch nicht zu schätzen. Charakteristisch für die Lage ist, daß der hiesige]rumän|ische Konsul Pässe nach Rumänien nur visiert mit der Warnung, es könne eine Sicherheit für das Leben der Reisenden nicht gewährt werden. Ein Berichterstatter des „Berl. Tagebl." berichtet aus Itzkany: Das Elend der Flüchtlinge ist unbeschreiblich, hunderte Familien sind in Dachkammern und Scheunen untergebracht und leiden Mangel an Nahrung und Kleidung. Die neuesten Nachrichten melden neuerliche Verwüstungen im Bezirke Roman. Die Ortschaft Sarat wurde von 4000 Bauern angegriffen. Blutige Szenen spielten sich ab. Ein rumänischer Gutspächter sagte mir, die Bewegung sei eine rein antisemitische und von der liberalen rumänischen Partei inszeniert. Außerdem sei auch der Einfluß fremder Elemente zu konstatieren. An der österreichisch-rumänischen Grenze wurde ein russischer Student, Alexandrow, verhaftet, weil er die Bauern aufreizte. Man fürchtet ein Übergreifen der Unruhen auf die Bukowina. Die Unruhen sind von langer Hand vorbereitet. Die Antisemitin Tica Pawleska, die ein Wochenblatt „Sentinela" herausgibt, betrieb die Hetzereien -gegen die Juden planmäßig. Die Pawleska unterhält Beziehungen mit Lahovary und den größten Persönlichkeiten Rumäniens. Czernowitz, 24. März. Neue Hiobsposten bringt teils der Draht, teils die Schar der Flüchtlinge aus der Walachei. Tanciu ist total zerstört. Dem Kaufmann Schächter wurden von den Bauern die Augen ausgestochen. — Budestye ist niedergebrannt, aus Bacau werden große Verheerungen gemeldet. Czernowitz, 25. März. Die näheren Nachrichten, welche über das gestrige Blutbad in Alexandria berichten, lauten schrecklich. Die Bauern zündeten den Gutshof an und warfen den jüdischen Gutspächter in die brennenden Flammen. An vielen Juden wurden entsetzliche Verstümmelungen vorgenommen. Hier eingelangten Privatrneldungen zufolge wurde der frühere Präfekt von Botuschani, Vasescu, verhaftet. Bukarest, 25. März. Ein bekannter jüdischer Großpächter hat an den Justizminister ein Schreiben gerichtet, in dem er sich dagegen verwahrt, daß die jüdischen Gsoßpächter als Ausbeuter der Bauern hingestellt werden. Er erbietet sich, den Beweis der Unrichtigkeit dieser Beschuldigung, insofern sie sich auf ihn selbst bezieht, zu erbringen und schlägt dem Minister zu diesem Zwecke vor, eine Untersuchungskommission zuernennen, deren Mitglieder folgende Universitätsprofessoren sein sollen: der bekannte Antisemit Jorga, der Sozialdemokrat Cantacuzene und der Demokrat Sion. Die drei Universitätsprofessoren haben sich nun auf Ansuchen des Ministers bereit erklärt, die Untersuchung in dieser Angelegenheit zu führen unter der Bedingung, daß die Verwaltungsbehörden sich vollständig passiv verhalten und die zu vernehmenden Bauern in keiner Weise beeinflussen. Man berichtet aus Bukarest vom 25. d. M.: Aus der Walachei sind schrecklichere Nachrichten als die aus der Moldau hierher- . gekommenen angelangt. Die Bauern gehen namentlich im Bezirke Teleorman nicht mehr mit Plünderungen, sondern mit Brand und Mord vor. Die Wut der Bauern richtet sich auch gegen die Bojaren. Das Gut des früheren Ministerpräsidenten Cantacuzene wurde ebenfalls : in Flammen gesetzt, nachdem sich der Verwalter nur mit schwerer Mühe retten konnte. Alexandria wurde gestern von den Bauern in Brand gesteckt; die Bauern wüteten hier in schrecklicher Weise, an einigen jüdischen Familien wurden direkt Massakrierungen vorgenommen. Die Aufständischen zündeten den Gutshof an und warfen den jüdischen Pächter in die Flammen. Es ist zwar Militär eingetroffen. : doch ist dasselbe ungenügend. Es wurde festgestellt, daß die Anführer der Bauern bei den Plünderungen eingerückte Reservisten waren. Ein Telegramm, das der Hilfsverein der deutschen Juden am 1 23. d. M. aus Czernowitz erhielt, besagt: Von der Grenze zurückgekehrt, muß ich leider statt Besserung Verschlimmerung der Lage in Rumänien konstatieren. Die aufrührerische Bewegung breitet sich noch immer aus. Sie umfaßt jetzt das Gebiet von Dorohoi bis Jassy. Auch im Süden von Jassy ist gefährliche Gärung bemerkbar. Es sind auch Anzeichen vorhanden, daß die Bauern der Bukowina mit den rumänischen Bauern gemeinsame Sache machen wollen. Die Soldaten sehen zum Teil den Scheußlichkeiten tatenlos zu und schützen plündernde Bauern. Oberst Marasascu in Dorohoi sagte öffentlich: „Bringt mir alle Juden, damit ich sie in Stücke schneiden kann, um jedem Christen ein Andenken zu geben." Ein anderer Oberst plauderte mit öffentlichen Dirnen auf dem