Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No.-13-- =D1E3 mehr zu zerstören gab, gings in die Städte, wo große Mengen Juden wohnen, und hier natürlich in die gottverlassensten Quatiere der Ärmste«. Tausende von Familien sind heute bereits ihres Obdachs und ihrer Habe beraubt. Im rumänischen Parlamente aber interpelliert der Führer der liberalen Partei, Herr Demeter Sturdza, die Regierung, was für Maßregeln sie gegen die Pächter-Trusts zu ergreifen gedenkt. Darin sieht er das Heil, und er beweist dadurch, daß es jüdische Gutspächter gibt — wie gut es den Juden in Rumänien geht! ... Was das Ende sein wird? Wer kann es heute sagen? Rumänien ist das verwöhnte Kind Europas. Von allen Seiten wird es gehätschelt und getätschelt. Daß es an 250 000 seiner Einwohner einen einzig dastehenden Rechtsraub begeht, das verschlägt nichts; sonst gäbe es ja ein europäisches Gewissen! Wird die öffentliche Meinung durch die Juden des Auslandes auf die Lage der Juden genügend aufmerksam gemacht, so kann vielleicht eine Verschlimmerung der gesetzlichen und tatsächlichen Lage verhindert werden, wo nicht, dann steht uns wieder eine Reihe von legislativen Bedrückungen der Juden bevor. . . II. . . . Wie den Lesern Ihrer Zeitung bekannt ist, hat die antisemitische Agitation bei uns in den letzen Monaten wieder eine besondere Rührigkeit entfaltet. Die im großen Maßstabe betriebene Wühlarbeit wird von den Universitätsprofessoren Jorga und Cuza angeführt. Ein ganzer Stab von Mittelschullehrern schart sich um sie und leistet ihren Anordnungen Folge. Diese Jugendbildner flößen ihren Zöglingen fanatischen Judenhaß ein. Die Herren Jorga und Cuza geben sich nicht damit zufrieden, an der Universität und an den Mittelschulen wüste Hetzreden gegen die Juden zu halten und die Jugend zu Roheiten und Gewalttaten aufzustacheln, sondern unternehmen allsonntäglich und an den Feiertagen Agitationsfahrten durchs ganze Land und berufen in allen Städten und Städtchen Volksversammlungen ein, wo sie in unerhörter Weise gegen die Juden losziehen und den schlummernden Judenhaß des ungebildeten und gebildeten Pöbels bis zum Paroxisrous steigern. Unter der Einwirkung solcher Brandreden sind im Dezember v. J. die Ausschreitungen in Crajovaausgebrochen, über die die gesamte jüdische Presse eingehend berichtet hat. Seitdem ruhen die Mittelschüler nicht. Wo irgend eine größere jüdische Versammlung oder sonstige Veranstaltung stattfinden soll, dringen sie, mit Stöcken und Knüppeln bewaffnet, ein, schlagen ohne jede Veranlassung auf die Versammelten los und treiben sie gewaltsam auseinander. Die Polizei läßt sie ruhig gewähren —- unter dem Vorwande, daß sie dadurch größeren Unruhen vorbeugen wolle. In der letzten Zeit haben nun die Mittelschüler Ausflüge in die Dörfer gemacht und die unzufriedenen Bauern nach allen Regeln der Kunst bearbeitet. Sie suggerierten ihnen, daß die jüdischen Pächter allein an ihrer schlimmen Lage schuld trügen und daß ihnen mit einem Schlage geholfen wäre, wenn sie sich gegen die jüdischen Pächter erhöben und diese sowie alle Juden aus ihren Besitzungen vertrieben. So kam es, daß am 13. d. M. 300 Bauern ins Städtchen Dorohoi, das 3000 jüdische Einwohner zählt, einfielen, blindwütend sich auf die Läden und Häuser der Juden stürzten und entsetzliche Verwüstungen anrichteten. Tags darauf zog eine große Schar von Bauern nach Podul-lloie, einem Städtchen mit 400 jüdischen Einwohnern, raubte und plünderte Hab und Gut der Juden, schlug alles kurz und klein und steckte schließlich das Städtchen in Brand. Es gibt in Podul-lloie fast keine jüdische Familie, die nicht Schaden erlitten hätte. Die Grausamkeiten, die die Bauern bei ihrem Zerstörungswerke verübten, lassen sich nicht beschreiben. Einzelne Juden wurden halbtot geprügelt. Eine jüdische Frau verlor angesichts der schrecklichen Martern, die ihr Mann und ihre Eltern von seiten der entmenschten Horde erdulden mußten, den Verstand . . . Nunmehr verbreitete sich das Pogromfeuer mit rasender Schnelligkeit. Am nächsten Tage wälzte sich ein Strom von tausenden und abertausenden fanatisierter Landleute nach den nahegelegenen Ortschaften Tirgu-Frumos, Biwalari, Bucecea etc." Alle jüdischen Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht, die Kramläden ausgeraubt und zerstört und die wenigen Juden, die nicht rechtzeitig hatten die Flucht ergreifen können, in gräßlichster Weise mißhandelt und zu Krüppeln geschlagen. Alle Juden wurden vertrieben, Frauen mußten mit Säuglingen und kleinen Kindern eilends entfliehen. Immer weiter breitet sich der Pogrom aus. Heute gibt es fast keinen Ort in der oberen Moldau, der von den Banden verschont geblieben wäre. Die folgenden Städte und Flecken sind (außer den bereits oben erwähnten) mehr oder minder schwer heimgesucht, zum Teil — soweit jüdische Heimstätten in Betracht kommen — gänzlich verheert worden: Fokschani, Mihaileni, Lespesi, Roznow, Podoleni, Vaslui, Berlad, Jassy, Botuschani. Die letztgenannte Stadt, ein bedeutender jüdischer [ELT 15 Mittelpunkt, hatte am meisten zu leiden. Es spielten sich da Schreckensszenen ab, die jeder Schilderung spotten. Die Stadt Jassy war förmlich belagert; man konnte tagelang nicht aus, nicht ein. Heute geht uns die Nachricht zu, daß die Städte Bohuschi, Her lau u. a. völlig zerstört sind. An einzelnen Orten hielten die Bauern Eisenbahnzüge an und suchten in den Wagen nach Juden, nm sie zu mißhandeln. Der materielle Schaden ist ungeheuer; hunderte wohlhabender Familien haben nichts als das nackte Leben gerettet. Obdachlos irren sie von Ort zu Ort umher. Eine große Anzahl ist ins Ausland geflohen. Am 19. d. M. fand in Bukarest eine antisemitische Monstreversatnmlung statt, die sechs Stunden dauerte, und an der Doktoren und Universitätsprofessoren mit „zündenden" Reden sich beteiligten. Man sieht also: Scham und Gewissensbedenken sind diesen Herren unbekannte Begriffe. Auch in Galatz ist für kommenden Sonntag eine große Versammlung mit Prof. Jorga als Hauptredner geplant. Die zionistische Bewegung hat unter den Pogromen schwer gelitten. Die Ortschaften, in denen wir die besten und eifrigsten Gesinnungsgenossen zählten, erscheinen am meisten 'vom Unglück betroffen. Das Ende der Schrecken ist gar nicht vorauszusehen. Die Regierung ist, wie sie teilweise selbst gesteht, zu schwach, die Unruhen zu unterdrücken. Voll banger Besorgnis sehen wir den kommenden Tagen entgegen. Ist der Kelch unseres Leidens noch nicht voll? Woher wird uns Hilfe kommen? . . . Aus Botuschani geht uns von einem langjährigen Abonnenten folgende herzerschütternde Schilderung zu: Ein unbeschreibliches Elend herrscht hier. Heute ist der fünfte Tag, das alles in Kellern und Dachböden versteckt liegt, sich nicht auf die Straßen hinaus wagt. Das Judenviertel ist total ausgeplündert. Von den mißhandelten Juden sind zwei gestorben, während viele schwer verwundet im jüdischen Spitale liegen. Ebenso sind auch von den geschlagenen Kindern einige gestorben. Erst nachdem alles ausgeplündert worden ist, hat der unmenschliche Judenfresser, der Präfekt Vasescu, Militär von Bukarest verlangt, das jetzt in den Straßen herumpatrouilliert. Die Marktflecken um unsere Stadt, nämlich Sulita, Bucecea, Burdujeni, die ausschließlich von Juden bewohnt sind, wurden total verheert. Bettelarm sind alle 5—6000 Juden, die in diesen Städtchen gewohnt haben. Das einzige Glück dieser Menschen ist, daß die Städtchen in der Nähe der österr. Grenze sind. so haben sie wenigstens das nackte Leben retten können, da ihnen Österreich gestattet hat, sich hinüber zu retten mit allem, was sie überhaupt haben retten können. — Bei uns in der Stadt herrscht eine unbeschreibliche Panik, da man des Lebens absolut nicht sicher ist. — Wer wird sich unserer gegen dieses Zigeunervolk annehmen?! Die Bukarester Blätter sind gefüllt mit Nachrichten über die Bauernunruhen. Wie „Dimineatza" mitteilt, hat in Jassy am 15. März die Polizei die jüdische Bevölkerung aufgefordert, spätestens um 8 Uhr abends die Läden zuschließen. Diesem Befehl wurde entsprochen und um 8 Uhr waren die Straßen buchstäblich verödet. Noch am 17. März waren, wie „Adeverul" meldet, die polizeilichen und militärischen Streitkräfte in Botuschani ungenügend, um den Aufständischen die Spitze zu bieten. Der Polizeichef und der Staatsanwalt durcheilten nach allen Richtungen die Stadt, um die Gemüter zu beruhigen, jedoch vergeblich, und so telegraphierte man nach Neamtz um Verstärkungen. Die Truppen wurden angegriffen und der Kornmandant Bureanu wurde durch Steine, die gegen ihn geworfen wurden, ernstlich verwundet. Die Soldaten feuerten und töteten vier Bauern. Die Juden verteidigten sich selbst. Die einzelnen, von den Bauern angegriffenen und ausgeraubten kleinen Ortschaften haben zum Teil eine stark jüdische Bevölkerung, so Bucecea 1280 Israeliten, welche die Mehrheit der Einwohner bilden, Burdujeni 2038 Juden. In Stefaneschti, wo ebenfalls Unruhen stattgefunden haben, leben 2392 Juden. In Bucecea, das vollständig ausgeplündert wurde, befanden sich während der ganzen Zeit der Unruhen nur drei Soldaten. In Botuschani waren es übrigens hauptsächlich in der Nähe des jüdischen Viertels wohnende Strolche, welche die Plünderungen vollzogen. Da der vielgenannte Präfekt Vasescu erklärt hatte, daß es nicht anginge, zur Verteidigung von Juden Christen das Leben zu nehmen, so zogen sich die Soldaten, die vorher auf die Räuber gefeuert und dabei vier getötet und sechs verwundet hatten, in das Zentrum der Stadt zum Schutze der Magazine zurück und überließen die armen Juden der wilden Bande, die aus dem Verhalten des Militärs schließen durfte, daß es erlaubt sei, die armen Juden anzugreifen.