Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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am meisten diesen Haß gegen sie — eine notwendige Folge der Mißachtung — gefördert hat. Anfänglich war es eine kleine Clique, an deren Spitze die beiden Brüder Bratian u, berüchtigten Andenkens, gestanden haben, die zu politischen Zwecken den Judenhaß kultivierte. Die konservative Partei stand diesem Treiben fern. Erst als sie sah, daß mit dem Antisemitismus gute politische Geschäfte zu machen seien, nachdem die Judenhetze, systematisch betrieben, im Laufe der Jahrzehnte immer größere Verbreitung gefunden hatte, wollten die nach Regierungsmacht durstigen Bojaren nicht zurückbleiben, und betrieben nun die Judenfresserei mit den Liberalen um die Wette. Da sieht man klar, wie ein politisches Laster großgepäppelt werden kann. Und schließlich wird man niemals eine Enttäuschung erleben, wenn man auf die Erregung der niedrigsten, der tierischen Instinkte in einem Volke spekuliert. Die Machthaber in Bukarest verbreiten die „beruhigende" Versicherung, die lange geknechteten, ausgepreßten, aufs Blut gepeinigten und daher entmenschten Bauern richteten ihre Wut nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die Gutsbesitzer und gegen die Behörden. Das glauben wir ihnen recht gern. Wenn der Bauernaufstand nicht bald unterdrückt wird, so wird er zweifellos nicht bei den Juden Halt machend) Die Bewegung wird das ganze, äußerlich mit europäischer Zivilisation übertünchte Rumänien mit ins Verderben ziehen; sie wird sie verschlingen, diese sittlich verfaulte „Gesellschaft", diese Drapierung von Theatermoral und Kulissenanständigkeit, diese verlogene oberflächliche Kultur mit samt ihren Lobrednern und Speichelleckern. Dann werden auch die europäischen Wucherer und Profitmacher um ihren Sündenlohn kommen. Dieser Zusamenbruch wäre ja im Interesse der politischen Moral zu wünschen; er würde beweisen, daß die Weltgeschichte das Werk eines waltenden sittlichen Prinzips ist und nicht eines blinden Zufalls; man würde aufhören, sich zu schämen, an die Gerechtigkeit und an die Menschlichkeit geglaubt zu haben. Aber möchten wir nur zuerst die Juden, diese unglücklichen Opfer der schnöden Gewinnsucht und der politischen Felonie, aus dem Lande haben! Dann mögen sie alle von ihrem Schicksal ereilt werden, — alle, die sie seit vierzig Jahren das Volk demoralisieit und vergiftet haben. Wie sich nun die Dinge auch entwickeln mögen, — man schaut ja auf die Vorgänge mit atemloser Spannung, im Urteil der Geschichte wird es immer heißen: Rumänien — eine ewige Anklage und eine ewige Schande. :!:) Diese Voraussage Iiat sich inzwischen bewahrheitet. — Anm. der Redaktion. Die Pogrome in Rumänien Schwere Schatten fallen auf die Pessach-Festtage, die zu feiern wir uns eben anschicken. Ein ungeheures Unglück ist mit Elementargewalt über unsere rumänischen Brüder hereingebrochen. Ein barbarisches Volk, ausgepreßt, verhetzt, stürzt sich mit der Verzweiflung des Hungers auf die Ärmsten der Armen, und Zehntausende von Juden wurden in wenigen Tagen brot- und obdachlos. Daß die Vergeltung über die Urheber all dieses Elends so rasch hereingebrochen ist, daß das ganze Land sich in konvulsivischen Zuckungen windet, machtlos, die entfesselten Geister der Anarchie zu zähmen, — nur noch schlimmer für die armen Juden! „Rettet das Land! Es geht zu Grunde! Wir sind dem Tode geweiht!", schreien jetzt die Rumänen, und die Parlamentsmitglieder stürzen ratlos aus der Kammer auf die Straßen. Zu spät die Reue und die Verzweiflung für das Land! Für die Juden aber haben sie alle mitsammen auch in dieser schwersten Zeit kein Erbarmen ...... So stehen wir vor einem neuen ungeheuren Pogromelend, haben wir ein neues blutiges Datum in unsere Leidensgeschichte einzuzeichnen. Und angesichts der indifferenten Haltung der Mächte bleibt uns nichts als die Hoffnung, daß mit den ungeheuren Opfern wenigstens ein Stillstand der ärgsten Ausschreitungen für die nächste Zeit erkauft sein möge. Von zwei Korrespondenten in Rumänien gehen uns ausführliche Darstellungen der Entstehungsgeschichte und des Verlaufs der grauenhaften Verfolgungen zu, von denen unsere vielgeprüften Brüder in diesem Lande gegenwärtig heimgesucht sind. Wir geben im nachfolgenden beide Berichte auszugsweise wieder: I. . . . Leider kann ich diesen Brief nicht so schreiben, wie ich gerne gewollt hätte, denn ich befinde mich, wie allzuleicht begreiflich, in fortwährender Erregung. Sie haben ja inzwischen reichlich Gelegenheit gehabt, zu lesen, was hier vorgeht/ Wenn auch die Einzelheiten vielleicht nicht ganz so barbarisch sich, abspielen wie in Rußland, so ist die Situation, in die gerade die Ärmsten unserer armen Brüder hierzulande gebracht worden sind, eine geradezu verzweifelte. Es ist noch gar nicht abzusehen, wo das Ganze enden wird. Vorläufig greift das Feuer täglich und stündlich um sich, und es sind schon eine große Anzahl von Städtchen und Städten des Landes verwüstet. Wenn ich sage v er wüstet, bezieht sich das natürlich nur auf die jüdischen Häuser. Die Einzelheiten zu schildern bin ich jetzt nicht imstande. Die Motive des Ganzen will ich aber versuchen, Ihnen darzulegen. Die Not der rumänischen Bauern in der Moldau scheint tatsächlich groß zu sein. Die agrarische Frage harrt schon seit einem halben Jahrhundert ihrer Lösung. Aber keine der politischen Parteien hat bisher einen Schritt in dieser Richtung getan. Von den sechs Millionen Einwohnern des Landes sind fünf Millionen Bauern und eine Million Städter. Von den Städtern wieder sind die 14 Million Juden abzuziehen. Bleiben also ca. 750 000 Seelen, die es verstanden haben, sich alle Vorrechte zu sichern und die Landbevölkerung politisch zu entrechten. Die kleine Anzahl von politisch Berechtigten hat es also sehr gut. Sie lebt in dulci jubilo auf Staatskosten. Und sie will die Vorteile, die sie hat, nicht aus der Hand geben. Deshalb die schlechte Situation von Bauern und Juden. D:e Bauern haben schon häufig versucht, eine Lösung herbeizuführen. Aber jedesmal blieben die Unruhen lokalisiert und erstickt. Jetzt kommt der zweite Faktor. Die antisemitische Agitation hat im letzten Jahre außerordentliche Dimensionen angenommen. Zur größten Befriedigung der rumänischen Politiker. Die Opposition freute sich, dadurch der ohnehin schwachen Regierung Schwierigkeiten bereiten zu können, die Regierungspartei fand es nicht nötig, einzuschreiten, da sie doch selbstverständlich antisemitisch ist. Die ersten Erfolge der von Universitätsprofesoren und Lehrern ^betriebenen systematischen Hetze zeigten sich in den Städten. Überall war hier die Schuljugend an der Spitze. Sie gab Beweise ihres Heldenmuts, indem sie jede jüdische Vorstellung hintertrieb und an eine zionistische Versammlung in Crajova lärmende Demonstrationen knüpfte. Sie blieben unbestraft. Unter der Bauernschaft wurden inzwischen die aufreizenden Blätter verbreitet und ihnen immer eindringlicher suggeriert, daß ihr einziges Unglück die Juden sind. Wohl gibt es in der Moldau einige Juden, die eine größere Anzahl von Gütern in Pacht haben, aber was kann der arme geplagte Luftjude für diese paar Reichen? Und wenn einzelne Gutspächter vielleicht — ich weiß es nicht —' wirklich die Bauern ausbeuten, so ist gewiß der rumänische Gutsbesitzer und der Staat, insoferne er Gutsbesitzer ist, schuld daran. Wenn einer dieser jüdischen Pächter für ein Gut, dessen Pacht normalerweise 100 000 Lei beträgt und immer betrug, nunmehr die doppelte Pachtgebühr zahlen muß, so müßte sich der Besitzer doch fragen, woher er die Differenz aufbringen wird, und daliegt es doch nahe, daß das nicht ohne eine Bedrückung der Bauern abgehen wird. Danach fragt der national und patriotisch tuende Gütsbesitzer aber nicht. Ihm ist. Handelschaft keine Gevatterschaft. Die Hauptsache ist, einen möglichst hohen Pachtschilling herauszuschlagen. — Den Bauern aber wird eingeredet, daß er nur den Juden zu verjagen brauche, um genügend und billig Land zu bekommen. Und eines Tages war die Sache reif, eine blinde Wut ergriff die Bauern, erst machte sie sich auf dem flachen Lande Luft. Und als es dort nichts