Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 13 DIE^ELT 13 Rumänien — eine ewige Anklage Von Dr. Simon Bernfeld Vor etwa vierzehn Tagen noch war in der börsenfreundlichen Presse der deutschen Reichshauptstadt zu lesen, in Rumänien herrsche jetzt bezüglich der Behandlung der Judenfrage ein liberaler Geist. Die rumänischen Politiker hätten mit einem Male ihr Herz für die Juden entdeckt, und ohne Unterschied der Parieistellung seien sie zu der Überzeugung glangt, man müßte die Juden als ein nützliches Element im Lande zu Bürgern machen. Wenige Tage darauf tauchte im Handelsteil der Berliner Blätter die Nachricht auf, die rumänische Regierung beabsichtigte, an den deutschen Börsen eine neue Anleihe in der Höhe von 100 Millionen Francs abzuschließen.' Zwar wurde diese Nachricht von Bukarest aus „dementiert", aber kundige Thebaner wußten schon Bescheid. Man wird sich erinnern, daß vor fünf Jahren, al; Rumänien stark in der Klemme war und ohne eine neue Anleihe gar nicht mehr fertig werden konnte, der jungkonservative Staatsmann Peter Carp in Wien und in Berlin wegen der Juden einige freundliche Versprechungen machte. Es geschah dies freilich keineswegs in verbindlicher Form, es waren eben Freundlichkeiten, um den jüdischen Bankiers die Hilfeleistung an Rumänien moralisch zu erleichtern. Als jedoch Peter Carp nach Hause kam, wurde er von den rumänischen Chauvinisten recht unfreundlich empfangen. Man warf ihm vor, er hätte die Ehre des rumänischen Volkes (ja, ja, das rumänische Volk erhebt auch auf Ehre Anspruch!) an die Berliner und Wiener Juden verkauft und verraten. Der arme Carp mußte von der Regierung zurücktreten und, was für ihn sehr schlimm war, seine Gegner behielten wirklich Recht. Die Anleihe mußte ohne jede Bedingung gewährt werden. Im andern Falle würde die Regierung einfach den fälligen Coupon nicht einlösen, und die deutschen Staatsgläubiger jüdischen und christlichen Glaubens (oder Unglaubens) hätten zusehen mögen, wie sie zu ihrem Gelde kämen. Rumänien bekam damals seine Anleihe. Als das Geschäft abgeschlossen und jeder, der dazu beigetragen hatte, im Besitz seiner Bakschischquote war, brachte ein von Juden und für Juden geschriebenes Börsenblatt in Berlin die frohe Botschaft mit dein Aus druck der Genugtuung darüber, daß „verständigermaßen" Geschäft und Humanität auseinander gehalten worden seien. In der letzten Zeit ist Rumänien in der Achtung der gesitteten Welt ziemlich hoch gestiegen; es wird beinahe als ein zum zivilisierten Europa gehöriges Land behandelt Als vor nicht langer Zeit König Karol und seine dichtende Gemahlin das Jubiläum ihres vierzigjährigen. Herrschertums über das „Belgien des Ostens" feierten, konnte man in allen Zeitungen lesen, welch großartigen Kulturfortschritt das Land unter der Herrschaft des Hohenzollernprinzen gemacht habe. Vergessen und verziehen waren die ewigen Judenhetzen, die schmachvolle Knechtung einer Viertelmillion Menschen, die man allem Recht zum Hohn für „Fremde" erklärt hat, die bodenlose Korruption der herrschenden Klassen, die Rechtlosigkeit und schamlose Ausbeutung der Bauern, die Feilheit der Rechtsprechung, die unverhüllten Gaunereien. Rumänien ist nun einmal ein Kulturstaat. Und da die Parteihäuptlinge einige judenfreundliche Worte näseln, so versteht es sich von selbst, daß der neue Pump gebilligt werden muß. Leider kam nun plötzlich und unerwartet die „Bauernrevolte" und warf das schöne Kartenhaus über den Haufen. Haben die jetzigen Machthaber, wie in den vorigen Jahren, diese unerhörten Greuel selbst veranstaltet? Bei der Objektivität, deren ich mich bei der Beurteilung aller politischen Vorgänge befleißige, will ich zugeben, daß diese Frage zu verneinen ist. Aber was hilft das? In Rumänien ist jetzt die giftige Saat aufgegangen, die auf diesem Boden von ruchlosen Menschen seit dreißig Jahren gestreut wird. Und nicht die rumänischen Machthaber allein sind für die Ruchlosigkeit und für diese Bestialität verantwortlich zu machen, sondern auch die europäische Diplomatie, die Männer der Politik in allen Staaten und — ein Teil der westeuropäischen Juden. Was in Rumänien seit dreißig Jahren unter Mithilfe der Vertreter der europäischen Gesittung gesündigt wurde, darüber ließen sich zehn dicke Foliobände schreiben. Dem heutigen Geschlecht dürfte es wohl bereits unbekannt sein, daß Rumänien noch vor etwa einem halben Jahrhundert unter der Herrschaft der barbarischen Türkei für die Juden ein Dorado war. Ihre Lage war, politisch und wirtschaftlich, eine sehr gute, und wie es immer zu geschehen pflegte, beteiligten sich die Juden eifrig und lebhaft an der kulturellen Hebung des Landes. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zeigte gegen die Juden Feindseligkeit, die sich liberal nennenden Vertreter der „Intelligenz". Diese Partei ijt unter der Herrschaft des Königs Karol zu Einfluß gelangt, weil sie rückhaltlos dessen auswärtige Politik unterstützte. Im Jahre 1878 hätte Rumänien den Forderungen des Berliner Kongresses in der Angelegenheit der jüdischen Gleichberechtigung nachgegeben, wenn nicht ein bekannter jüdischer Großbankier in Berlin den hochmütigen Chauvinisten seine Hilfe gewährt hätte. Seitdem folgte Niedertracht auf Niedertracht. Die Österreich-ungarische Regierung gewährte den Rumänen um den Preis eines günstigen Handelsvertrages die Anerkennung der staatlichen Selbständigkeit, ohne daß Rumänien der ihm auferlegten Pflicht hinsichtlich der Juden nachgekommen war. Es war das zu einer Zeit, wo der Einfluß der Juden in Wien und in Budapest ungemein groß war, wo sie in der tonangebenden Presse eine große Macht behaupteten. Uni ihren Profit und ihre Pauschalien verrieten sie die Sache der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit. Ich gebe zu, daß die Macht der jüdischen Großbankiers und der jüdischen Journalisten häufig überschätzt wird. Es ist also möglich, daß sie die Anerkennung der staatlichen Selbständigkeit Rumäniens auch beim besten Willen nicht hätten verhindern können. Aber jedenfalls wäre dem jüdischen Volke die unauslöschliche Schmach erspart geblieben, Rumänien politisch und wirtschaftlich mit gefördert und gestärkt zu haben. Es ist noch immer nicht gesagt, daß ich, wenn es mir unmöglich ist, eine ruchlose Tat zu verhindern, das Recht hätte, an ihr mitzuwirken. Denn darauf geht ja die landläufige Entschuldigung der profitgierigen Juden hinaus, die mit dem rumänischen Staat Geschäfte machen: es wird auch ohne uns geschehen. Hätten sie eine Ahnung davon, was ihnen Ehre und Selbstachtung gebieten, dann brauchte man ihnen nicht erst zu beweisen, daß sie trotzdem Rumänien wie die Pest meiden müßten. Vielleicht hätte sich die europäische Diplomatie trotz des von Ungarn gegebenen Beispiels doch noch geschämt, die Forderung des Berliner Kongresses so offenkundig zu mißachten, wenn nicht bald darauf, ich glaube anfangs 1880, der bekannte französische Staatsmann Charles Louis de Freycinet die Verteidigung der wortbrüchigen rumänischen Regierung übernommen hätte. Als Minister des Auswärtigen ließ er den europäischen Großmächten erklären, man könne das rumänische Volk nicht zwingen, eine ihm nach Rasse und Kultur fremde Bevölkerung in sich aufzunehmen. Es ist dies derselbe Ehrenmann, der sich später als Kostgänger der Panamakompagnie entpuppte und um sich eine wohlwollende Behandlung seitens der antisemitischen Nationalisten zu sichern, sich zu den klerikalen Fälschern schlug und bei dem traurigen Dreyfusprozeß zu Rennes, im August 1899, eine so klägliche Rolle spielte. Auf sein Konto ist es wohl zu stellen, daß die rumänischen Antisemiten ihren Willen durchsetzen konnten. Oft kann man die entschuldigende Bemerkung hören: Was hätte es denn genützt, wenn die Juden in Rumänien gegen den Willen des Volkes emanzipiert worden wären? Sie hätten doch unter dem Haß der Bevölkerung und dem wirtschaftlichen Boykott zu leiden gehabt. Darauf ist zu antworten, daß gerade ihre Rechtlosigkeit