Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316257--49147-3344073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 13 DIE^ELT Aus meinem Notizbuch (Pessach-Gedanken) „Was ist doch ein Lebendiges für ein herrliches, köstliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!" So ist das geschiehtstreue jüdische Volk. Im. Grunde nämlich gibt es nur Judentum, uro ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorhanden ist; und dies gilt von der Religion ebensowohl als von dem Volkstum. Denn das Judentum beruht hauptsächlich auf Erlebnissen des jüdischen Volkes; es hat nicht bloß, es ist Geschichte; nicht Geschichte, die man bloß erzählt, oder beschreibt, sondern Geschichte, die man erlebt und lebt. Judentum ist historische Wirklichkeit der jüdischen Nation. Vergebens wehrten sich die bewußten und unbewußten Assimilanten gegen den Begriff einer Stammesreligion und bemühten sich, ein unheimlich maskenhaftes Missionsbestreben auszuklügeln. In der Wirklichkeit beruht aber das Judentum außer seinem theologischen Gruppe aus dem Kindergarten in Jerusalem und sittlichen Gehalt auf einer fortlaufenden Volksgeschichte. Jude sein heißt deshalb, in der lebendigen Geschichte des Judentums stehen: sie mit erleben; ein guter Jude aber ist derjenige, der diese Geschichte mit Innigkeit und Hingebung miterlebt, dem die Erhaltung und Erhebung, die Ehre, der Fortbestand und die Fortbildung der jüdischen Nation als solche am Herzen liegt. Die Symbole sind Mittel zu diesem Zweck. Man braucht sich nicht einmal anzustrengen, um durch sie hindurch zu sehen und sich den lebendigen Zweck vorzustellen, dessen Inhalt ihre Existenzberechtigung bildet. Er leuchtet überall hervor, und man kann ihn, sozusagen, mit Händen greifen. „Ein jeder soll sich betrachten, als ob er selbst aus Ägypten ausgezogen wäre". Dies ist der innere Sinn der Symbolik: sich als lebendiges Glied der Volksgemeinschaft zu fühlen, ihr Schicksal als eigenstes Erlebnis zu empfinden. Es gibt keine Feste mosaischer Konfession; es gibt nur Feste des jüdischen Volkes. Alle jüdischen Feste haben historisch-nationale Bedeutung für die Juden als Volksgemeinschaft, und mit tiefster Erkenntnis haben unsere Weisen alle als „Andenken an den Auszug aus Ägypten" betrachtet, das heißt an das historische Hauptereignis, an die Gründung des Volkes angeknüpft. Und noch mehr: sie sind lokale Feste eines Volkes, welches in seinem Lande lebte. Sie sind durchweg palästinensisch; in ihnen lebt die große Seele des Orients. Sie waren früher und sind in der Bibel noch ausdrücklich bezeichnet als Naturfeste, also als solche, welche die großen Naturereignisse im rollenden Jahre in Palästina feiern. Sie sind religiös, weil sie den Blick vom äußeren Vorgang in der Natur aufs Innere lenken, die Endlichkeitserscheinimg zur Idee der Unendlichkeit, aus der jene fließt, emporheben. So sind alle durch die Religion geweihte Naturfeste, aber sie unterscheiden sich von einander in ihrer Art. Die jüdischen Feste sind nicht nachgeahmt; sie haben ihr ganzes, in eignen Angeln hängendes und bewegtes, unbefangenes und unbewegtes Naturwesen; sie haben ihr Lokalkolorit, und daher können sie nirgends so gefeiert werden, wie in Palästina. Der Grund ist klar: die Übereinstimmung von Naturwirklichkeit und Volksbrauch. Damit ein Fest Größe habe, muß eben dieses Zweierlei zusammenkommen. Und wo kann es so richtig zusammenkommen, wie in Palästina? Aber noch mehr als natur-örtlich sind die jüdischen Feste, wie alles Jüdische — national-historisch. Beginnt doch sogleich das erste der Zehngebote mit der nationalen Geschichte, indem es auf den Ausgang aus Ägypten hinweist. Wohl kann das Judentum auch als Sittenlehre und Muster für die Menschheit hingestellt werden, aber vergessen wir nicht, daß auch die edelsten Sittengesetze, zum Beispiel die Gesetze über die liebreiche Behandlung der Fremden, („lästige Ausländer"!) durch die historische Erfahrung motiviert sind: „Ihr wißt ja, wie dem Fremden zumute ist". Ja, Liebe wurde überall gepredigt, Legenden oder wirkliche Erlebnisse einzelner Menschen erzählt. Über vieles derart bläst der Hauch der Zeiten hinweg, als handele es sich um Schneeflocken. Der Ernst jüdischer Sittengesetze liegt in der Volksgeschichte, in der sie wurzeln. Selbst der Sabbat, der doch eigentlich von Geschichte ganz unabhängig ist, ist dennoch mit Ägypten in Verbindung gebracht, indem Ruhe des Knechtes und der Magd als Grund und Ziel durch die Erinnerung: „Knechte seid ihr in Ägypten gewesen" ans Herz gelegt wird. Für diejenigen, die nicht Knechte in Ägypten gewesen, ist es eine Phrase; für uns ist es historische Wahrheit. 0Fast alle sittlichen und religiösen Vorschriften, insbesondere die Feste, beziehen sich auf die Volksgeschichte und auf die Volksbefreiung. Es sind keine Phantasien; eine Tatsache ist es, daß ein kleiner Stamm, welcher in seiner kleinen Minderheit und Besitzlosigkeit in der Fremde zur Frone gedrückt war, ohne eigene Kultur und ohne selbständige Tat eine lange Zeit hingelebt hat, dennoch den Auszug aus dem Herrenlande gefunden; daß eine Sklavenhorde zu einem Volke geworden und die Bahn einer eigenen Kultur eröffnet hat. Diese Tatsache allein ist das größte aller Wunder, welche denkbar sind. Die Erklärung des Wunders oder die Lösung des Rätsels ist einfach: es lebt in diesem Volke ein Prinzip, eine treibende Kraft, eine schöpferische Macht, die sowohl bei seiner Gründung, wie bei seiner Erhaltung wirksam ist: seine sich nie auflösende Individualität, der unaufhörliche, trotz aller Schwankungen und Wandlungen nie erlöschende Zusammenhang seiner Generationen und seines wesentlichsten ganz eigentümlichen Kulturinhalts. Unterjocht und schwach, von allen Gütern der Erde entblößt, aller Fähigkeiten und darum auch aller höheren Bestrebungen beraubt, war der Sklavenhaufe in Ägypten, alle Mittel, Kräfte, alle Begierden des Aufschwungs fehlten. Was hat den Stamm dennoch wieder emporgehoben? Einzig und allein die Erinnerung an die Herkunft, an die besondere Abstammung, an die Reinheit eigener Rasse und an das — verheißene Land. Diese ungewöhnliche Schärfe und Spannung der Gegensätze tritt in der Geschichte 2*