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Die Welt · 1907-03-29 · 13 (29.3.1907) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 13-- - DlE^ kommenden Zeit. Nicht mehr sollen nur Tränen alte, zerbröckelnde Steine netzen, Kraft und Geist sollen neue Mauern aufrichten, die Grundmauern für den Bau eines freien Geschlechtes. Neues Leben blüht aus den Ruinen — das ist die trostreiche, erhebende Stimmung, die schon der Plan des „Bezalel" in uns auslöst. Und diese Stimmung allein ist unschätzbar wertvoll, weil sie die schmerzversunkene Lethargie in Lebenswillen, die passive Melancholie in produktiven Schaffensdrang umsetzt. Seltsam genug, daß das Schöne, daß die Kunst.— die so lange als Todfeinde des in die Satzung und ihre Sittlichkeit versenkten Geistes, als die Verführer aus der Innerlichkeit in die Äußerlichkeit angesehen wurden — daß sie es sind, die in ihrer Anmut dem neuen Leben Stütze und Kraft geben sollen. Daß der feinsinnige Plan gelinge, so gelinge wie sein Hauptträger und dessen Freunde aus tiefstem Herzen glauben und wünschen, — das hängt selbstverständlich nicht nur von der Leitung und den Schülern des „Bezalel", das hängt vornehmlich auch von der Unterstützung ab, die sie bei den Palästinafreunden finden. Jetzt natürlich ist noch alles Anfang. Aber gewiß ist, daß dieser Anfang, dieses Versuchen und erste Prüfen kein bloßes Spiel mehr ist mit dem Schönen, daß schon jetzt zwar kleine, aber gesunde Saat ausgestreut worden ist, ja, daß sich sogar schon erste Frucht zeigt. Denn ist es nicht ein hocherfreuliches Ergebnis, daß das praktisch-künstleriche Wollen, gepaart mit ideal-nationaler Begeisterung, schon jetzt einen Gegner besiegen konnte, der der gefährlichste für die palästinensische Wiedergeburt werden könnte, den Geist der Parteiung und kleinlicher Intrigue, daß der „Bezalel" imstande war, das Mißtrauen der Orthodoxesten zu brechen und daß er in keinem Lager Feinde, in jedem seine Freunde hat? Über die Einrichtung des „Bezalel" ist ja der Öffentlichkeit genug bekannt geworden. Wir haben uns innig gefreut, feststellen zu können, daß das Lob, das die vielen Besucher dem Institut gespendet haben, nicht übertrieben, daß ihre Freude über das Gute und Schöne, das hier in verhältnismäßig kurzem Zeitraum geleistet wurde, voll berechtigt war. Was uns am meisten gefiel, das war die schöne Art, wie Lehrer und Schüler mit einander verbunden sind, der deutlich sichtbare, oft geradezu enthusiastische Wille jedes Mitgliedes, dem Ganzen zu dienen, den „Bezalel" zu einer Musteranstalt zu machen, zu einem großen Beispiel zu erheben für alle Juden im Lande und außerhalb des Landes: Seht her, wir wollen arbeiten, lernen, ein Neues, ein Gutes schaffen! Wenn man vom Letter des Instituts, Professor Boris Schatz, spricht, so trifft hier wirklich die Redeformel: „Er ist die Seele des -lanzen", im vollen Wortsinne zu. Es ist vielleicht ein Kuriosuni, iber durchaus kein Zufall, daß sich Lehrer, Schüler und die Bevölkerung, auch die Nichtjuden, gewöhnt haben, die Anstalt so ^ehr mit ihrem Direktor zu identifizieren, daß sie Professor Schatz geradezu „Reb Bezalel" oder europäischer „Herr Bezalel" nennen. Der Geist der Renaissance, ein sogar übersprudelnder Geist — lenn die Mittel sind noch schwach und die Möglichkeiten sind jetzt ni Anfang noch nicht zu weitreichend — beherrscht das Ganze. Mies möchten die vom „Bezalel" gerne in ihren Kreis ziehen: uinst, Gewerbe, Arbeit, Wirtschaft. Der „Bezalel" soll ja einmal, vie sein Leiter es möchte, Tausenden Verdienst und Brot geben. \ber er soll auch ein Mittelpunkt für alles künstlerische Streben verden: So hat denn Prof. Schatz ein Museum eingerichtet, das llerdings noch rührend klein ist — aber es ist wenigstens da, als dee, als Grundstock. Und die Schüler des „Bezalel" sollen auch Kulturträger werden, Pioniere des nationalen Gedankens: darum erteilt man in dieser Anstalt der Arbeit hebräischen Unterricht und pricht beim und nach dem Unterricht nur Hebräisch. Und unbeholfen oder nicht, mit oder ohne Schwierigkeiten, alle müssen da nithalten, auch die, die vor kurzem noch kein hebräisches Wort erstanden. Und alle tun es mit Stolz und Freude — und die „Rade- KELT — 9 brechenden" nicht zum wenigsten. Und ein gediegenes, modernes Lehrinstitut für alle Fächer des Kunstgewerbes soll der „Bezalel" doch zunächst werden. So legt man denn botanische, mineralogische und anatomische Sammlungen an, zu denen die Schüler selbst beitragen. Und da gibt es manch einen jungen Kerl mit Schläfenlocken oder dem frommen Käppchen auf dem Kopf, der früher ein Bücherwurm, jetzt ganz fröhlich hinauszieht, um in Feld und Wald nach allerhand Getier zu fahnden. Ja, einer ist sogar als Schlangentöter zu besonderern Ruhm gelangt, keine ist giftig genug, daß er ihr nicht beizukommen wagte. Was da erbeutet oder erhascht oder gesammelt wurde, ist in Herbarien oder hinter Glas zu sehen, oder in Flaschen, wohlpräpariert und in Spiritus gelegt, den die Kellereien von Rischon le-Zion gestiftet hatten. So ist unter den Schülern und Lehrern innerhalb und außerhalb der Schule ein ewiges Schaffen und Streben. Und das Haus selbst ist schnell viel zu enge geworden für all diese Regsamkeit. Denen vom „Bezalel" gehfs ähnlich, wie dem prachtvollen „Messias", den Glycenstein dem „Bezalel" geschenkt hat. Sie müssen sich drängen und zwängen, so wie sich die im unteren Stockwerke postierte Kolossalstatue förmlich ducken muß, um hier noch Platz zu finden. Hoffentlich wird diese Qual der Enge für beide nicht mehr lange andauern und sich bald ein geeigneter Bauplatz für das neu zu errichtende „Bezalel"-Gebäude finden. In den Lehrstuben des „Bezalel", die wir alle besucht haben, konnten wir viele, darunter auch manche starke Proben von Talent und Geschicklichkeit bewundern. Insbesondere in der Zeichenschule gibt es tüchtige Kräfte. Es macht einem wahrhafte Freude, wenn man die Schüler an der Arbeit sieht und dabei ein lebendiges Genrebildchen erhascht wie dieses, daß um ein altes jüdisches A4ütterchen, ein Modell, das mit einem gewissen Stolze und zugleich mit lächelnder Verwunderung über seine Mittelpunktsrolle dasitzt, ein kleiner Schwärm dunkeläugiger junger Juden postiert ist, die mit flinkem und gewandtem Stift das harmlose Mütterchen auf den Karton bannen. Ein fröhliches Chorlied „von oben" gibt die entsprechende Musik zum Bilde. Die Spinnerinnen und Teppichknüpferinnen ein Stockwerk höher sind die frohen Sängerinnen. Die Spinnkunst hat ein russisch-jüdisches Mädchen aus ihrem Geburtsland hierher gebracht und unterweist nun darin mit vielem Erfolge ihre Jerusalemer Schülerinnen. Die Teppichknüpferinnen sind wohl von allen die Flinksten. Es ist geradezu erstaunlich, wie schnell ihnen schon die Arbeit von der Hand geht, und der Rundgesang bringt noch mehr Tempo in die Sache. Es sind schon erwachsene Mädchen, die hier unterwiesen werden, — erst in letzter Zeit hat man auch mit ganz jungen Mädchen versuchsweise den Unterricht begonnen. Man bekommt übrigens auch schon fert'ge Teppichmuster zu sehen — und mit Stolz bemerkt der Leiter des „Bezalel", daß alles, was dazu gehört, im Hause selbst hergestellt worden sei. „Made in Erez-Israel!" So haben sie da z. B. unter ariderem auch eine kleine, allerdings sehr kleine und primitive Färberei (für das Wollefärb enj eingerichtet. Den Abschluß der dem künstlerischen Unterricht dienenden Einrichtungen bilden die Bildhauerabteilung und die Gipsgießerei. Auch hier wie überall eine erfreuliche Mischung junger jüdischer Typen, Aschkenasim, Sephardim, russisch-jüdische Jünglinge mit vollem, wirrem Gelock, da und dort einer mit der chassidischen Pelzmütze auf dem Kopfe und hin und wieder ein junger Jemenite. Die neueste Spezialität des „Bezalel" ist, wie Prof. Schatz voll Freude erzählt, der Steinmetz-Unterricht. Für ungefähr 50 Frcs. ist durch den „Bezalel" die Ausbildung jungerLeute zu tüchtigenSteinmetzen ermöglicht worden, und mehrere dieser jungen Leute haben schon — was die Hauptsache ist — Beschäftigung in Jerusalem gefunden zu einem Tagelohn von 3 Frcs., von dem sie gewissenhaft die Kosten ihrer Ausbildung zurückzahlen.

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