Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316257--49144-3344070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 DIE ELT No. 13 gebreitet liegt, haben wir damals gepflanzt! Und alles gedieh uns prächtig, schöner, als wir es erwartet hatten. — Eine unsagbare Freude kam über die Kolonisten angesichts solcher Erfolge, und so beschlossen sie, Pessach herrlicher als je zuvor zu feiern. Vom ersten Sederabend jenes Pessach will ich erzählen. Alle Einwohner der Kolonie, Sephardim sowohl als Aschkenasim, Junge und Altef Frauen und Kinder, — alle hatten sie sich in jener ersten Nacht des Freiheitsfestes in dem einzigen gemeinsamen Hause, der „Küche", versammelt und sich an langen Tischreihen niedergelassen. Die Hagadah war zu Ende, und man begann mit dem Abendessen. Der Wein floß in Hülle und Fülle. Wohl gehörte dieser Wein noch nicht uns, die Kolonisten aus den Nachbardörfern hatten ihn uns gesandt. Aber der Gedanke, daß wir in drei oder vier Jahren unseren eigenen Wein, der auf unseren Bergen gewachsen und von unserer Hände Arbeit gediehen war, haben würden, machte uns über die Maßen froh, ja übermütig. So tranken wir und sangen fort und fort, immer jubelnder und ungezügelter, daß es weithin brauste und die Holzwände des Raumes förmlich erzitterten. Selbst ich, der ich damals ein ganz kleiner Junge war, fühlte, daß man heute Freude empfinden mußte, und .[so trank ich mehr, als ich vertragen konnte, von dem berauschenden Wein und sang mit den Erwachsenen um die Wette. Auch die Ermahnung der Mutter: „Salomen, geh doch schlafen!" beantwortete ich trotzig: „Ich bleibe beim Vater!" So saßen wir bis Mitternacht. Plötzlich erdröhnten unweit von uns die Hufschläge eines>ilenden Pferdes. Im selben Augenblick: verstummen diese Schläge wieder. Der Gesang hörte auf, und jemand von uns ging hinaus, zu sehen, wer in so später Stunde zu uns kommen mochte. Aber bald kehrte er wieder in Begleitung eines Wächters und schrie: „Die Beduinen verwüsten unsere Weinberge!" Ihr könnt euch den Eindruck dieser Worte auf uns kaum vorstellen. All diese Menschen, die sich einen Augenblick vorher der ungebundensten Freude hingegeben hatten, waren wie umgewandelt. Ein Gefühl der Starrheit hatte sich ihrer bemächtigt. Aber .dies dauerte nur ganz kurze Zeit. Gleich wieder faßten sie sich; der Erste war der Kommandierende des Heeres. „Frauen und Kinder", rief er, „bleiben hier mit euch, Mena ehern und Jehuda! Alle übrigen aber rasch auf die Pferde! Und vergeßt nur nicht, eure Revolver mitzunehmen!" Und in wenigen Minuten erscholl das sich immer mehr entfernende Getrampel der Pferde. Dann trat Stille ein, — eine tiefe, unheimliche Stille. In der „Küche" wurde auch alles ruhig. Auf den Tischen standen noch Flaschen, halb geleerte Becher, aber keiner sprach ein Wort. Die Gesichter der Frauen — bleich wie Linnen. Einige waren der Ohnmacht nahe, und Jehuda und Menachem, die zu ihrem Schutze da geblieben, reichten ihnen Wasser. Aber ich und mein gleichalteriger Freund — er arbeitet jetzt in Rosch-Pina — verstanden nichts von dein, was sich um uns abspielte, und indem wir uns in einen Winkel setzten, spielten wir mit Nüssen. Es vergingen einige Minuten. Plötzlich — Schüsse! Die Frauen konnten nicht länger an sich halten und begannen laut zu weinen. Und auch wir beide schoben die Nüsse fort und weinten mit ihnen. Dort aber, in den Weinbergen — krach — burnm — ein fortwährendes Dröhnen. Mit einem Male hörten die Schüsse auf, und wieder breitete sich Ruhe über uns aus. Ein Schweigen draußen und eine lange, bange Stille drinnen. Wir hörten nur das Klopfen unserer Herzen. Und wieder erschollen Rufe, Hufschläge. Das Traben kam näher und näher: plötzlich hörte es auf, und mit fröhlichen Liedern traten die Männer herein, alle unverletzt. Die Gesichter der Frauen strahlten von neuem. „Was ist denn vorgefallen?" „Ach, gar nichts. Einige Beduinen, hol' sie der Teufel, sind auf den Gedanken gekommen, uns unvorbereitet anzufallen, aber wir haben sie mit Schanden weggejagt.4< „Lechajini — lechajim! Gebe Gott im nächsten Jahr einen solchen Seder!" Und wieder kehrten Freude und Frohsinn, Lieder und Wein — bis zum Anbruch des Tages. Und dann stand, vom genossenen Wein ein wenig wankend, der grauhaarige F. auf und rief: „Ra—bo—bo—boisai, higia zman krias schma schel schach'ris!*) — Laßt uns schlafen gehen." Salomon war mit seiner Erzählung zu Ende, und unter uns herrschte lautlose Stille. Wir schwiegen vor Aufregung über das eben Gehörte und wegen der namenlosen Gefühle, die über uns gekommen waren, und wollten diese Stille nicht unterbrechen. . . . „Gott, wie schön, wie herrlich waren „jene Tage!" sagte endlich Amnon halblaut vor sich hin, als hätte er nur zu sich gesprochen. Er war ein schöner Jüngling, der schnellste Reiter im ganzen Bezirk. — „Wie gern möchte ich auch mal eine Kolonie gründen mitten unter den Beduinen, jenseits des Jordans, und mit ihnen kämpfen und kämpfen, bis wir den Sieg gewonnen hätten." Es ist dunkel. Der Glanz der Sterne blaßt immer mehr und mehr ab. Und nur dort, weit im Osten, am Rande des Ölbaumwaldes, auf dem Wege nach Ramieh sieht man einen leichten Schimmer. Immer rosiger. Der Mond birgt sich verschämt hinter den alten Bäumen des Waldes. Noch ein Augenblick, und die Morgenröte kommt heraufgezogen. Und um uns ist es still. Die geheimnisvollen Stimmen der Nacht sind verklungen. Nur hier und da tönen in das große Schweigen hinein merkwürdige Klagelaute, die mit dem Weinen kleiner Kinder eine gewisse Ähnlichkeit haben. Es ist das Geheul der Schakale. ,>Ra—bo—bo—boisaiI" sagt AwigaTl lachend, „higia zman krias schma schel schach'ris. . . . Laßt uns schlafen gehen." . . . *) „Meine Herrschaften, es ist Zeit, das Morgengebet zu verrichten." REISEEINDRUCKE AUS PALÄSTINA II. Ein Besuch im „Bezalel"") Am 1. Sch'wat — es war ein herrlicher Tag — langten wir um 5 Uhr abends in Jerusalem an. Es war zum zweitenmal, daß wir Jerusalem besuchten. Und doch: das Gefühl der Ehrfurcht und pietätvoller Andacht, das einem unwillkürlich das Herz erfüllt, wenn man sich den Toren der königlichen Stadt nähert, beherrschte uns auch diesmal in ungeschwächter Kraft. Und wieder zog es uns, wie alle Juden, die ihren Fuß auf den durch die teuersten Erinnerungen geweihten Boden setzen, zunächst nach der Stätte, die das starre, aber mit tausend Zungen redende Symbol des Endes unserer alten Herrlichkeit und des Anfanges unseres unerschöpflichen Elends ist — zur Klagemauer. *) «Aus den Aufzeichnungen des Herrn David Wolffsohn. Vgl.Nr. 12. Doch wir kamen diesmal nicht dazu, zuerst den tränenreichen Erinnerungen nachzugehen: schon vor unserer Ankunft in Jerusalem hatten wir versprochen, einen unserer ersten Besuche dem „Bezalel" zu widmen. Und der ganz von seinem Werk erfüllte Professor Boris Schatz ließ es sich nicht nehmen, uns, ehe wir noch recht zu Atem gekommen waren, seinen Stolz zu zeigen, der auch der Stolz des neuen Jerusalem ist. Also — wenn hier ein Vergleich gestattet ist — nicht Ruinen und Trümmer, ein freier, fröhlicher Bau der Zukunft war es, den wir zuerst in der altneuen Stadt sehen sollten. Und so ward uns auch der „Bezalel" in seinen Zielen sofort zu einem Symbol: dem Zeichen der neuen und der