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Die Welt · 1907-03-29 · 13 (29.3.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Und der Zaddik fragte weiter: „Und was hattet Ihr im Sinne, als Ihr das Gesäuerte verbranntet?" Da dachte jener nach und betrübte sich und sagte endlich zögernd: „Herr, ich habe völlig vergessen, es zu verbrennen. Und nun entsinne ich mich, es liegt noch auf dem Balken. Und dies mögt Ihr mir vergeben, Herr, daß ich es vergessen habe." Als Rabbi Levi Jizchak dies hörte, ward auch das Letzte in ihm unsicher; aber er fragte weiter: „Und das saget mir noch, Rabbi Chajim: Wie habt Ihr den Sseder gehalten?" Da war es, als erwache jenem etwas in Aug' und Gliedern, und er sprach mit weicher und demütiger Stimme: „Rabbi, ich will Euch die Wahrheit sagen. Seht, ich habe von je gehört, daß es verboten ist, Branntwein zu trinken die acht Tage des Festes, und da trank ich gestern am Morgen, daß ich genug habe für acht Tage. Und da wurde ich müde und schlief ein. Und dann weckte mich meine Frau, und es war Abend, und sie sagte zu mir: „Warum hältst du nicht den Sseder wie alle Juden?** Sagte ich: „Was willst du von^ mir? Bin ich doch ein Unwissender und mein Vater war ein Unwissender, und ich weiß nicht recht, was tun und was lassen. Aber sieh, das weiß ich: Unsere Väter und unsere Mütter waren gefangen bei den Zigeunern, und wir haben einen Qott, der hat sie hinausgeführt in die Freiheit. Und sieh, nun sind wir wieder gefangen, und ich weiß es und sage dir, Qott wird auch uns in die Freiheit führen." Und da sah ich den Tisch stehen, und das Tuch leuchtete wie die Sonne, und standen drauf Schüsseln mit Mazzoth und Eiern und anderen Speisen, und standen Flaschen mit rotem Wein, und da aß ich die Mazzoth mit den Eiern und trank den Wein und gab meiner Frau zu essen und zu trinken. Und dann kam die Freude über mich, und ich hob den Becher zu Qott und sagte: „Sieh, Qott, ich trinke diesen Becher zu dir. Und du neige dich zu uns und mache uns frei!" Und so saßen wir da und tranken und freuten uns vor Qott, und dann kam die Müdigkeit über mich und ich legte mich hin und schlief ein." Also erzählte Chajim der Wasserträger dem Zaddik von Berditschew und seinen Schülern. EINE PESSACH-NACHT IN PALASTINA Von A. HERMONI . . . Mittemacht . . . Festlich gestimmt gehen wir, die Jugend der Kolonie R., die Straße Benjamin entlang. ... In den hohen, stattlichen Häusern auf beiden Seiten ist helles Licht und Fröhlichkeit. Die Fenster sind fast alle offen, und ein Gewirr vielfältiger Laute dringt zu uns herüber. Das Klappern von Tellern, Schüsseln, Messern, — ein Durcheinander männlicher und weiblicher Stimmen und vereinzelte Melodien aus dem zweiten Teile der Hagadah. Da und dort tritt eine Gestalt ans offene Fenster, und schwarze und blaue Augen blitzen uns an, wie wenn sie sagen wollten: „Bei uns hat der Vater den Seder spät begonnen, — aber bald werden wir bei euch sein." Am Brunnen der Kolonie, auf dem Wege nach Jaffa, versammelten wir uns und erwarteten die Ankunft der Genossen und Genossinnen. Dort ist der gewöhnliche Treffpunkt, und dahin lenkten wir Jungen aus allen Straßen der Kolonie unsere Schritte. Soeben kommt Penina, ein Mädchen von 16—17 Jahren, uns entgegen. In ihrem Gefolge eine Schar von Jünglingen und Mädchen. Jene blicken bewundernd, diese nicht ohne Neid zu ihr auf, wie sie ihnen allen hoheitsvoll voranschreitet. Ihre klangvolle Stimme erschallt kräftiger als die aller andern; sie erhebt ein fröhliches Lachen, in das ihre Begleiter einstimmen, und die sanft bewegte Luft trägt das helle Jauchzen dieser jungen Menschenkinder weit hinaus in die stille Nacht. Von der entgegengesetzten Seite des Brunnens naht uns eine andere Gruppe. An ihrer Spitze AwigaTl, die Freundin und — Rivalin der Penina. Beide sind ungefähr gleichaltrig. Doch welch ein Gegensatz in ihrem ganzen Wesen! Penina ist zart und schmächtig, ihr Antlitz ist nicht so schön wie das der Freundin, allein ihre Züge sind edel und von unsagbarer Anmut. Ihr Haar ist hell und wallt in schweren Flechten herab. Sie ist klug, aber nicht verschlagen. Sie liebt es, sich in die Dinge zu versenken und überall nach den letzten Gründen zu forschen. AwigaTl ist schlank und hoch gebaut. Ihre Gesichtszüge sind von ebenmäßiger Schönheit, doch nicht sehr ausdrucksvoll. Die dunkelbraunen Haare sind in zwei Zöpfe geflochten und winden sich wie ein Kranz um den schön geformten Kopf. Auch an Geist und Gemüt ist sie der gerade Gegensatz von Penina. Sie ist von durchdringendem Verstand, doch haftet ihr eine gewisse Oberflächlichkeit an. Beide Mädchen haben ihren Anhang in der Kolonie und teilen diese in zwei Lager: in die „Partei" AwigaTls und die Peninas. Ein stiller, aber darum nicht weniger zäher Wettstreit besteht zwischen diesen beiden „Parteien". Allein an diesem Abend, am Pessach, haben sich die Lager vereinigt und wandeln einträchtig nebeneinander her. Und wir gehen gemeinsam den Weg, der ostwärts von der Kolonie führt. Überall Spaziergänger! Alle Einwohner der Kolonie sind herausgekommen, um die wohltuende Luft der Nacht zu : .genießen. Sie haben sich in Gruppen geteilt, — hier die Alten, * dort die zweite Generation: junge Kolonisten mit ihren Frauen; die Jünglinge und Mädchen wieder für sich. Hinterher tollt eine mutwillige Kinderschar. Und auf dem Wege fühlt man deutlich das " freudige Aufjauchzen des Festes. Das naive, fröhliche Lachen der Kinder, die Lieder der Jugend vereinen sich zu einem schönen Liede, dem Nachtlied des Freiheitefestes. Und immer weiter gehen wir den Weg, der sich zwischen Weinbergen, Äckern und Ölbäumen windet, und entfernen uns mehr und mehr von den andern Gruppen der Spaziergänger. Jetzt haben wir einen Weg durch einen engen Pfad, welcher zum Ölbaumwalde führt, gewonnen. Ober unsern Häuptern leuchtet der blaue, von Myriaden funkelnder Sterne übersäte Himmel. Vor uns liegen Weinberge, die schon ihre Knospen geöffnet haben und denen ein lieblicher Duft entströmt. Und die Mandelbäume stehen noch in ihrem Winterkleide, dem weißen Blütenschmuck, da. Ein leichter Wind schaukelt die silberfarbenen Blätter der Ölbäume, und ihr leises Erzittern vermischt sich mit den Stimmen, die vom Wege her zu uns herübertönen und uns bald nahe, bald entfernter erscheinen. Alle diese Klänge vereinen sich und verschmelzen in ein heimliches Lied von banger, unerhörter Schönheit, in ein Lied, das uns Mütter Natur selbst in dieser wundervollen Nacht anzustimmen scheint. Da keimt in der Seele der Menschen das Sehnen auf, sich ganz an die Natur anzuschmiegen und regunglos, mit angehaltenem Atem, ihrem geheimnißvollen Raunen zu lauschen, die Luft, die von leichten, süßen Düften durchsättigt ist, in sich einzusaugen und in die Tiefe der rätselvollen Geheimniswelt einzudringen. — — Diese weihevolle Stimmung hat sich unser alier bemächtigt, und an einander gelehnt lagern wir beisammen, horchend und schauend, ohne ein Wort zu sprechen. Aber dieses süße Schweigen dauert

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