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Die Welt · 1907-03-29 · 13 (29.3.1907) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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No. 13 DIE^ELT DER SSEDER DES UNWISSENDEN Eine chassidische Legende Von MARTIN BUBER Meiner Schwester Nellv Rabbi Levi Jizchak von Berditschew hütete mit sorglicher Seele die Weihe aller Bräuche und gab jedem seinen Sinn aus der Tiefe. Einmal hatte er den Sseder der ersten Pessachnacht mit aller Inbrunst und Andacht gehalten, also daß jedes Gebot und jede Sitte lebendig und des Geheimnisses voll an des Zaddiks Tische erschien, und jedes Tun der Menschenhände und des Menschenmundes war wie ein gläserner Schrein, der wunderwirkende Kleinodien birgt. Mit einer Stimme, die wie Saitenspiel war, erzählte der Rabbi die alte Erzählung, und aus seiner Rede stieg das Sinnbild auf und leuchtete wie verschleierte Sterne im Räume. Mizrajim war die Verbannung der Seele und das Rote Meer ihre Befreiung. Sie hatte dem Pharao Städte bauen müssen, und die Fronvögte hatten sie wund geschlagen. Aber die Lösung wurde gesandt, und das Wunder kam und die Dinge der Welt wandelten ihre Art, . und der Tag der Seele brach an, und die Seele ging trockenen Fußes durch das Meer. So stieg das Sinnbild aus des Rabbis Seele auf und leuchtete über der Nacht. Und so ging die Nacht dahin, und die Versammelten wurden nimmer müde. Und als das Morgenrot kam, da schien es ihnen selbst wie ein Zeichen des Geheimnisses, und es war ihnen, als ob zwei Sinnbilder einander grüßten, das Wort des Zaddiks und das Morgenrot. Aber als der Sseder zu Ende war und Rabbi Levi Jizchak allein in seiner Kammer saß, mußte er an diese Nacht denken, die er gefeiert hatte, und an den Sseder, der gewachsen war aus dem Willen seines Herzens. Und es dünkte ihn schön und vollkommen, was geschehen war. Und er sprach zu Gott: „Du Grund und Heimat meines Lebens, meiner Seele Herr und Herrlichkeit, wahrlich, ich habe dir recht gedient in dieser Nacht und deine Ehre verkündet in Flammengesängen." Und er hielt inne und horchte auf den Grund seines Lebens. Aber da war nichts als Schweigen. Da erschrak der Rabbi, denn nie noch war ihm dies widerfahren, und sammelte sein Herz und sprach mit hastigen Worten: „Habe ich nicht mit meinem Tun getaucht in die Mysterien deiner Gnade? Habe ich nicht die ungesäuerten Brote erhoben als das Siegel des Streites, den die Seele um dich streitet, und das Bitterkraut gegessen als die Pflanze des Leides, das die Seele für dich trägt, und des Pessachlammes gedacht als des Zeichens des Opfers, in dem die Seele sich dir entgegenbringt?" Doch das Schweigen lagerte wie zuvor. Und stammelnd sprach der Rabbi weiter: „Habe ich nicht die Hungrigen gerufen, daß sie kommen und essen, und auch die noch, die dahingingen im Hunger ihrer Sehnsucht und nicht genährt worden sind? Habe ich nicht die Durstigen gerufen, daß sie kommen und trinken, und auch die noch, die dahingingen im Durste ihres Erkennens und nicht gestillt worden sind? Und sind nicht die Geister gekommen und haben gegessen und getrunken an meinem Tische?" Aber das Schweigen lag starr und ungestört da. Da kroch das Unheil wie ein Wurm in das Herz des Rabbi, und er warf sich nieder und schrie mit der letzten und zerbrechenden Stimme: „Habe ich nicht deine Tat verkündet, o Befreier?" Da wurde das Wort wach auf dem Grunde seines Lebens, wie die Kraft in der Erde wach wird an einem Spätwintermorgen, und das Wort redete: „Warum rühmst du dich und nennst schön und vollkommen, was durch dich geschehen ist? Fürwahr, lieblicher ist mir der Sseder Chajims, des Wasserträgers, als der deine." Da erhob sich Rabbi Levi Jizchak zitternd und verstört und rief seine Hausleute und seine Schüler zusammen und fragte sie: „Ist in dieser Stadt einer, der Chajim der Wasserträger genannt wird? Und kennt ihr ihn?" Da flüsterten sie miteinander und unterredeten sich, und ein Schüler sprach: „Wir glauben wohl, daß es hier einen Mann dieses Namens gibt, aber wir kennen nichts von ihm und nicht, wo er wohnt." Und ein anderer fügte dazu: „Sicherlich ist es der Unwissenden einer. Und wohnen mag er wohl an der Grenze der Stadt, wo die Häuser der Armen sind.'k Da rief der Zaddik: Gehet hin und suchet ihn und bringet ihn eilig zu mir." Und sie gingen, ihn zu suchen. Indessen schritt der Rabbi Levi Jizchak in seiner Kammer hin und her und mühte sich, seiner Seele die Ruhe wiederzubringen. „Gewiß ist es einer von den Verborgenen," so redete er ihr zu, „von den heimlichen Gottessöhnen einer, die in Knechtesgestalt unter uns leben und ihr heiliges Wesen hinter rohem und bäurischem Getriebe verhüllt halten, also daß sie nur ihrem Herrn sich öffnen und gewähren. Einer von den Sechsunddreißig ist es, von den Zaddikim der unsichtbaren Welt, die sich ewig erneuern und durch die die Welt erneuert wird." Aber seine Seele gab sich nicht zufrieden und wehrte ihn ab und sprach: „Mag es auch einer von diesen sein, was hat er geschaut, was ich nicht geschaut hätte, und welchen Dienst kennt er, den ich nicht kennte? Und in welchem Abgrund wohnt er, in dem nicht auch ich wohnte?" Also redete die Seele zu ihm und verachtete die Ruhe und haderte mit dem Nichts. Die Schüler aber liefen in der Stadt umher und fragten nach Chajim, dem Wasserträger. Endlich wurde ihnen sein Haus gewiesen, und sie gingen hin und klopften an die Tür. Eine Frau kam heraus und fragte nach ihrem Begehr. Als sie erfuhr, wen sie suchten, verwunderte sie sich und sagte: „Wohl ist Chajim, der Wasserträger, mein Mann. Aber er kann nicht mit euch kommen, denn er hat gestern viel getrunken, und nun schläft er noch, und wenn ihr ihn auch wecket, wird seine Müdigkeit ihn gefesselt halten, und er wird seine Füße nicht zu heben vermögen." Jene aber antworteten nur: „Der Rabbi hat es befohlen!" und gingen hin und rüttelten ihn auf. Da sah er sie aus blinzelnden Augen an und verstand nicht, wozu sie seiner bedurften, und wollte sich wieder hinlegen, Sie jedoch hoben ihn vom Lager und nahmen ihn in ihre Mitte und trugen ihn fast auf ihren Schultern zum Zaddik. Der ließ ihm einen Sitz in seiner Nähe geben, und als er stumm und verwirrt dasaß, neigte er sich zu ihm und sprach: „Rabbi Chajim, mein Herz, worauf ging Euer Gedanke, als Ihr das Gesäuerte zusammensuchtet?" Da sah ihn jener mit stumpfen Augen an und schüttelte den Kopf und antwortete: „Herr, ich habe mich umgesehen in allen Winkeln und habe es zusammengesucht."

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