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Die Welt · 1907-03-22 · 12 (22.3.1907) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 16)
Language
German
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vollständiges Zurücktreten und seine Initiativlosigkeit in einem solchen kritischen Momente nicht verhehlen. Unterschrieben: Der Oberkommandierende, Generaladjudant Skalon. Dieses in seinem Zynismus unüb er trefft) are Aktenstück, das bezeichnenderweise 7 Monate nach dem schauerlichen Pogrom angefertigt wurde, verfolgt offensichtlich den Zweck, für alle Fälle der Duma gegenüber als Deckung zu dienen. Aus dem Vereine für Jüdische Gleichberechtigung in Rußland Die Konflikte und der Zwiespalt in dem Vereine für jüdische Vollberechtigung, in dem sich bekanntlich in letzter Zeit einzelne Gruppen (Zionisten, jüdische Volksgruppe, die Jüdische Volkspartei, die „Demokratische Gruppe" usw.) abgesondert haben, zwangen dazu, eine Konferenz zu berufen, damit über die weiteren Schicksale des Vereines Beschluß gefaßt werde. Auf der Konferenz wurden folgende Anträge gestellt: 1) Auflösung des Vereines infolge der in ihm entstandenen Konflikte. (Antrag der von Winawer geführten „Volksgruppe".) 2) Der Verein soll weiter existieren unter der Bedingung, daß für ihn ein Programm-Minimum (sowohl ein nationales, wie auch ein politisches) ausgearbeitet wird. (Antrag der Vertreter der von Dubnow geleiteten ,,Volkspartei".) 3) Der Verein soll als eine Föderation der verschiedenen Gruppen weiter existieren. 4) Der Verein soll nur besondere bestimmte Ziele verfolgen. Alle Anwesenden sprachen die Ansicht aus, daß man eine allgemeine Konferenz des Vereines einberufen müsse, die die entscheidenden Beschlüße nach dieser oder.jener Richtung zu fassen hätte. Diese Konferenz soll Ende März stattfinden. Es wurde vorläufig beschlossen, daß im Falle der Auflösung des Vereines ein Komitee organisiert werden solle, das den jüdischen Mitgliedern der Duma zur Seite stehen soll. Bis zur Konferenz wird diese Rolle das Zentralkomitee des Vereines erfüllen. Hierzu wird ferner berichtet: Das Organisationskomitee der „Jüdischen Volkspartei" hat auf seiner letzten Sitzung in der Frage über das Weiterbestehen des „Vereines für Jüdische Vollberechtigung" folgende 1 Resolution angenommen: Das Organisationskomitee der „jüdischen Volkspartei" hält es für notwendig, daß innerhalb der Judenheit eine Teilung nach verschiedenen Parteien existiere; das Organisationskomitee hält es aber zugleich für zweckmäßig, die geeinigte Tätigkeit der verschiedenen Parteien und Gruppen auf die Erreichung der Vollberechtigung der Juden und die Organisierung des Judentums zu konzentrieren. Deswegen erachtet das Organisationskomitee der „Jüdischen Volkspartei" es für notwendig, dem „Vereine für Jüdische Vollberechtigung" anzugehören um in ihm diejenigen Forderungen durchzusetzen, die das Programm der „Jüdischen Volkspartei", aufgestellt hat. Von den Unruhen in Ispahan Der Präsident, der Aliiance Israelite Universelle hat von dem französischen Gesandten in Teheran nachstehenden Brief auf eine telegraphische Vorstellung bezüglich der jüngsten Bedrückungen der Juden in Persien erhalten: Französische Gesandtschaft in Persien. Teheran, 23. Februar 1907. Herr Präsident! Ich habe das Telegramm empfangen, das Sie am 11. d. M. an mich wegen der Bedrückung gerichtet haben, denen die israelitische Gemeinde von Ispahan ausgesetzt gewesen ist. Ich bin sofort bei Sadi Azam vorstellig geworden, der deswegen alsbald ein Telegramm an den Gouverneur von Ispahan geschickt hat. Ich hoffe, daß die gegenwärtigen Schwierigkeiten sich nicht allzu lange ausdehnen werden. Nach den von dem englischen Konsulat eingezogenen Erkundigungen soll in Ispahan die Agitation unter den Mollahs abermals zunehmen, die den Juden das Recht zum Verkauf von Wein und Branntwein und zum Handel im Umherziehen bestreiten wollen. Genehmigen Sie, Herr Präsident, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. L. Descos. An den Präsidenten der Aliiance Israelite Universelle 35, rue de Trevise Paris. Aus der jüdischen Wahlbewegung in Osterreich Eine sehr zahlreich besuchte Wählerversammlung in der Leopoldstadt hat am 11.März die Kandidatur Dr. Schalits einstimmig angenommen. Die Kandidatenrede Dr. Schalits, der das Programm der jüdischen Nationalpartei eingehend entwickelte, fand lebhafter Beifall. Die Kandidatur wurde besonders von Herrn Lüziai Brunn er unterstützt, der sich in schärfster Weise gegen den Gegen kandidaten, Herrn Dr. Josef Bloch, aussprach. Kandidatur Dr. Birnbaums (Mathias Acher) in Buczacz Die Parteileitung der zionistischen Organisation beschloß, wie uns von dort berichtet wird, für den Wahlkreis Buczacz die Kandidatur Dr. Nathan Birnbaums zu empfehlen und den früher % diesen Kreis ausersehenen Rabbiner Schmelkes anderwärts aufzustellen. Die Jungezechen und der Antisemitismus Im Prager Jungezechenklub gab es am 12. d. Mts. eine Anti semitendebatte. Tags zuvor war nämlich eine Deputation einei czechischen Gemeinde im Landtage erschienen und hatte beim Ob manne des Jungezechenklubs Dr. Skarda Beschwerde über die antisemitischen Allüren der Abgeordneten Brzeznovsky und Dr Roiczek geführt. Dr. Skarda gab der Deputation das Versprechen, daß er die Angelegenheit vor den Jungezechenklub bringen werde Dies tat er denn auch. In der Debatte, welche sich über dieser: Gegenstand entspann, wiesen einzelne Redner darauf hin, daß eine große Zahl czechischer Juden sich als treue Anhänger der jung czechischen Partei erwiesen habe und daß es der Partei be den nächsten Wahlen zum Schaden gereichen müßte, wenn der Klub in dieser Angelegenheit nicht einschreiten würde. Sie schlugen vor, daß Brzeznovsky und Dr. Roiczek eine Erklärung abgeben sollten. Diese erklärten jedoch, unter gas keiner Bedingung von ihren antisemitischen. Tendenzen abstehen zu wollen, welche sie vom nationalen und sozialen Standpunkt für opportun hielten. Andere Redner verlangten nun, s die Parte als solche möge die Erklärung abgeben, daß sie für das'Vorgehen der beiden Abgeordneten nicht verantwortlich gemacht werder könne, die Verantwortung vielmehr diesen selbst überlassen müsse Es wurde denn auch ein Beschluß in diesem Sinne gefaßt und ewird eine derartige "Kundgebung des Klubs erfolgen. Eine Märzfeier in Wien Die diesjährige Märzfeier des Demokratischen Zentralverein.- verlief bewegter als sonst. Auf ausdrückliche Einladung der Leitung hatten sich die Wiener Zionisten sehr zahlreich eingefunden. Dies sei deswegen besonders hervorgehoben, weil aus den tendenziöser Berichten der Wiener Pressegefolgert werden könnte,' daß dii Zionisten in die Versammlung eingedrungen seien und absichtlich in die sonstige idyllische Ruhe solcher Veranstaltungen einen Mißto: getragen hätten. Es ist allerdings wahr, daß ihre Beteiligung ar der Diskussion dieser und somit auch der ganzen Feier ein andere^ Gepräge gegeben hat. Die Festrede hielt Dr. Ferdinand Krona wetter, der bekannte Demokrat und gewesene Reichsratsabgeord nete. Seine Erörterung der Vorgänge im Jahre 1848 und de gegenwärtigen politischen Lage in Oesterreich zeigte abermals; dai Dr. Kronawetter und sein auf eine Tischgesellschaft zusammengeschrumpfter Anhang den nationalen Zug unserer Zeit nicht begriffe! haben und Idealisten ohne Aussicht auf praktische Erfolge um: größere Gefolgschaft geblieben sind. Namens der Zionisten sprac! Gg. Adolf Böhm, der den Standpunkt der Jüdischnationale! darlegte und ihren Sympathien für alle freiheitlichen Bestrebunger Ausdruck gab. Damit war das Signal zu einer langen und teil weise erregten Diskussion über die Jüdischnationalen gegeben Freiherr von Hock, gegenwärtig der populärste freisinnig Politiker in Wien — als Freiherr, als Hofrat, als hoher Verwaltung? beamter ganz besonders für diese Rolle prädestiniert — ließ es sie! nicht nehmen, gegen die Jüdischnationalen recht ausgiebig zu po lemisieren und seine Unkenntnis der nationalen jüdischen Bewegung nachzuweisen. Natürlich mußten als Gegenargumente die antisc mitischen Zeitungen herhalten, die angeblich die jüdischnationalen Bestrebungen mit lebhaftesten Sympathien begrüßt haben, natürlich fehlte der Hinweis auf die den österreichischen Juden mangelnde nationale Sprache und auf das fehlende nationale Gebiet nicht, um5 ebenso selbstverständlich wurde vom Herrn Hofrat das echtliberal. Argument ins Treffen geführt, daß die jüdischnationale Partei dk Separierung von den freiheitlich gesinnten Gruppen bezwecke Kurz und gut, alle Feld- und Wiesenschlager, zu denen ein-oberflächlich informierter Freisinnsmann in solcher Situation seine Zuflucht nimmt! Ihm erwiderte Dr. Isidor Schal it. Nach ihn: bemühten sich auch der Sekretär der „Union" Herr Fleischer und Herr Lucian Brunner, Herrn von Hock über den Werde gang und die Berechtigung der jüdischnationalen Bewegung it Österreich halbwegs aufzuklären. Dies ist in Wirklichkeit die Ge schichte dieser würdevoll verlaufenen Märzfeier, die liberalen Wiener

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