Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Zeitungen willkommenen Anlaß bot, die Zionisten in phantasievoller Berichterstattung als Störenfriede hinzustellen und für ihren derzeitigen Liebling, Freiherrn von Hock, wohlfeile Reklame zu machen. Die judische Studentenschaft Österreichs für die Anerkennung ihrer Nationalität Das Unterrichtsministerium hat knapp vor den Inskriptionen die Ausführung des Beschlusses des Czernowitzer akademischen Senates, wonach auch den jüdischen Studenten in einer Nationalitätetiklausel ein offenes und wahres Bekenntnis ihrer Nationalität ermöglicht wird, sistiert. Die Regelung der Angelegenheit soll nach dem Ministerialerlasse an allen Hochschulen einheitlich erfolgen. Die Wiener jüdische Studentenschaft hat eine umfassende Aktion eingeleitet, -die der Durchsetzung ihrer Forderungen dienen soll. Ende April finden in allen Hochschulstädten große Studentenversammlungen statt. Eine Deputation von Vertretern aller Hochschulen wird dem Unterrichtsminister ein ausführlich begründetes Memorandum überreichen. Außerdem soll und wird durch Sammlung von Unterschriften der ziffernmäßige Nachweis erbracht werden, daß ,die überwiegende Mehrheit der jüdischen Hochschüler Österreichs jüdisch-national ist und von der Forderung nach behördlicher An^rkennuug ihrer Nationalität abzustehen nicht gewillt ist. Es ist zu erwarten, daß die geplante Aktion mit möglichster Energie durchgeführt wird und erfolgreich endet. Die erste Wählerversammlung in Lemberg Auf Sonntag, den 17. d. M., berief das hiesige Wahlkomitee der Jüdischen National-Partei eine Wählerversammlung, die sowohl der Teilnahme als auch der Wirkung nach überaus imposant ausgefallen ist. Um 8 Uhr abends eröffnete Herr Philip, der als Vorsitzender fungierte, die Versammlung und erteilte Herrn D. Ti eger als Referenten däs Wort. Dieser legte in einer formvollendeten, sachlichen Rede zuerst die Ziele der Nationalpartei dar, verwies hierauf auf den sehr ernster und wichtigen Moment und schlug sodann der Versammlung Herrn Dr. Brau de als Kandidaten für das III. Viertel vor. Es wurde hierauf die Diskussion eröffnet. Als erster ergriff ein Oppositioneller, Herr Raab, das Wort, welcher den Referenten aufforderte, „er möge doch die Verdienste dieses jungen Menschen, der seiner Meinung nach würdig sei, das Judentum zu vertreten, nennen ..." Um dieser Aufforderung Folge zu leisten, meldeten sich viele zum Worte, unter anderen auch Herr Dr. Zipper und der gerade anwesende Dr. N. Birnbaum aus Wien. In einer mehr als halbstündigen Rede schilderte Dr. Zipper in einer sehr gelungenen Parallele die Verdienste der „alten erfahrenen Israeliten" polnischer Nationalität und die der jungen Führer der Nationalen Partei. Wenn Dr. Braude nur das einzige Verdienst hätte, sagte der Redner, daß er die halb und ganz verlorene Jugend dem Judentume zurückführte und aus ihnen eifrige Zionisten und mutige Vorkämpfer der nationalen Sache machte, so dürfte schon das allein ihn berechtigen, als parlamentarischer Repräsentant aufzutreten. Aber wer Dr. Braude keane, wisse ganz gut, mit welcher Verzichtleistung auf die eigenen Interessen Herr Dr. Braude seit mehr als 10 Jahren im jüdischen Lager gewirkt habe. Er war es, der, vor die Alternative gestellt, entweder auf die Lemberger Matrikenführerstelle oder auf seine Tätigkeit als Zionist zu verzichten, das erstere wählte. Stürmisch begrüßt, ergriff dann Herr Dr. Birnbaum das Wort, der in sehr sachlicher Form die Kandidatur Braudes unterstützte. Hierauf wurde die Resolution des Herrn Dr. Held: „Die heutige Versammlung-beschließt, Herrn Dr. Markus Braude als Kandidat im III. Viertel aufzustellen" einstimmig angenommen. Um V2II Uhr schloß der Vorsitzende die Versammlung. Eine Debatte über jüdische Lehrer im preußischen Abgeordnetenhaus In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 18. März besprach der Abg. Cassel abfällig die bekannten Aeußerungen des Ministerialdirektors Schwartzkopff im Herrenhause, wonach die Anstellung jüdischer Lehrer in christlichen Schulen nur im Falle des unbedingten Bedürfnisses stattfinden werde. Danach könnte man annehmen, daß die Anstellung von jüdischen Lehrern nur in seltenen Ausnahmsfällen erfolgen soll. Der Sinn der in der Volksschulvorlage angenommenen Bestimmungen ist aber der, daß die jüdischen Lehrer ebenso angestellt werden sollen, wenn sie neben der Erteilung des Religionsunterrichtes auch an der übrigen Unterrichtserteilung beteiligt werden können, wie die katholischen und evangelischen Lehrer angesteilt werden, wenn eine Minderheit von Kindern ihrer Religion die Schule besucht. Die jüdischen Mitbürger, fuhr der Redner fort, müssen durch ihre Steuern zu den Kosten der Volksschule beitragen, und es würde eine große Härte und Unbilligkeit bedeuten, wenn das religöse Bedürfnis der Juden weniger r befriedigt wird als das der andern Konfessionen. Der Ministerialdirektor hätte also im Hinblick auf die bestehende gesetzliche Regelung sich nicht in der von mir wiedergegebenen Weise äußern dürfen. (Sehr richtig! links.) Hierauf antwortete äer Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff: Zur Frage der jüdischen Lehrerinnen und des jüdischen Religionsunterrichts muß ich mich etwas vorsichtig ausdrücken. Wenn schon aus dem Worte „unbedingt" Schlußfolgen gezogen werden sollen, deren Tragweite ich nicht übersehen kann, so ist es : begreiflich, wenn ich mich einer gewissen Zurückhaltung in der Ausdrucksweise befleißige. Soweit ich Herrn Cassel folgen konnte, besteht eine Differenz unserer Auffassungen nicht. Das Gesetz wollte den geltenden Rechtszustand bezüglich der Anstellung jüdischer Lehrer an christlichen Schulen unberührt lassen, irgend eine Erweiterung des geltenden Rechts ist nicht erfolgt. In der Frage des Bedürfnisses zur Anstellung jüdischer Lehrer an christlichen Volksschulen steht die Unterrichtsverwaltung noch auf dem Standpunkt des Ministers Falk, daß diese Anstellung nur zulässig ist, soweit jüdischer Religionsunterricht nötig ist. Darin besteht zwischen Herrn Cassel und mir keine Differenz, ich übersehe nur nicht, ob er etwa meint, daß die Anstellung jüdischer Lehrer Sache der Gemeinden allein ist, sie bedarf natürlich der Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde, die das Bedürfnis prüft. Auch für die speziellen Berliner Verhältnisse steht die Unterrichtsverwaltung auf dem Boden des Ministers Falk. Auch hier hat Falk erklärt, daß die Anstellung jüdischer Lehrer an christlichen Volksschulen nur soweit zuzulassen sei, als es zur Erteilung des Religionsunterrichts notwendig ist. Eine Organisation der Talmudjünger In allen Berufsarten kommt heutzutage das Streben nach Zusammenfassung der Kräfte, nach einer einheitlichen Vertretung der materiellen und ideellen Standesinteressen zur Geltung. Bei unsern osteuropäischen Brüdern beginnen sogar die Schächter, Melamdim und „Belfer" berufliche Organisationen ins Leben zu rufen. Aus Galizien berichtet man nun, daß dort unter den Bachurim, die sich in den Bate-Midrasch dem Talmudstudium widmen, eine Organisationsbewegung im Zuge sei. Die Talmudjunger geben sogar eine diesen Bestrebungen dienende Monatsschrift unter dem Titel „Haschachar" heraus. Für den zweiten Tag Chol-Hamoed Peßach hat das Organisationskomitee eine allgemeine Konferenz der Talmudjünger nach Rzeszow einberufen. Auch in Ungarn regt es sich unter den Jeschiwa-Bachurim. Diese geben unter dem Namen „Nit'e Bachurim" eine Halbmonatsschrift heraus, in der die Mißstände in den Jeschiwoth eingehend besprochen werden und einer Reorganisation der Jeschiwoth das Wort geredet wird. Letzte Nachrichten aus Rumänien Die Exzesse in Rumänien scheinen noch schrecklichere Dimensionen anzunehmen, als man im ersten Augenblicke vermutete. Ein Telegramm aus Jassy berichtet: Die Distriktshauptstadt Jassy ist von 30000 Bauern eingeschlossen. Die Garnison ist zu schwach, um diesen Scharen entgegentreten zu können. 300 Bauern stürmten Pacurari, wurden aber von den Truppen zurückgeworfen und erlitten große Verluste. Der Kriegsminister General Mano ordnete die Mobilisierung des IV. Armeekorps an. Die Kammer stimmte dem Antrage des Kriegsministers auf Einberufung sämtlicher Reservisten auf die Dauer von 14 Tagen zu. In Botuschani fand eine förmliche Schlacht zwischen den ärmern Juden und den Bauern statt, die mehrere Stunden dauerte. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete. Betrunkene Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, zerstörten die Häuser und verbrüderten sich mit dem Pöbel. Das Elend ist ungeheuer, die Bewegung gewinnt an Ausdehnung. Die Empörung breitet sich an der ganzen oberen Moldau aus. Personalnachricht. Der Sekretär der English Zionist Federation, Mr. Percy Baker, hat sich mit Frl. Edith Salomon in Berlin verlobt.