Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 - DIE'i Überraschung. Auf der Anhöhe erwarteten uns schon die Schul^ kinder mit ihren Lehrern und begrüßten uns mit hebräischen Liedern." Es war etwas Tiefrührendes für uns, die alte, ewiglebendige Sprache unseres Volkes in den zarten Kinderstimmen in lieblicher Verjüngung ertönen zu hören. Voll Ergriffenheit lauschten wir den Lauten dieses jungen Lebens, umfingen wir das Bild, wie Boden, Sprache und Volk in der heranwachsenden Generation zu einem harmonischen Ganzen sich einen, wie da ein Menschenschlag ersteht, der fest und sicher in seinem Erdreich wurzelt Bald kamen uns auch die Kolonisten mit ihren Frauen entgegen und bewillkommneten uns herzlich. Auch Herr Agronom Aaronsohn war hierher gekommen und geleitete uns weiterhin als freundlicher Cicerone. Die Kolonie Chederah liegt auf einer sanft ansteigenden Anhöhe, von deren Gipfel man einen prächtigen Ausblick auf das Meer und weithin über das malerische Gefilde genießen kann. Unser erster Besuch galt der Pflanzungsanlage Dorsch ei Zion. Kurz vor unserer Ankunft hatte die Orangenlese stattgefunden, und so waren nur noch vereinzelte Reste der reichen Ernte zu sehen. Auch Ethrogim waren noch da — leider im wirklichen Sinne des Wortes „Ethrogim nach Sukkoth", die uns daran erinnerten, daß in der Propaganda für die palästinensischen Ethrogim noch viel zu tun übrig ist. Und gleich wieder eine schöne Überraschung: Am Brunnen grüßten uns Rosen, voll entfaltete, herrliche Rosen, so prächtig, wie sie auch die gesegnete Riviera in dieser Jahreszeit nicht hervorzubringen vermag. Durchs Dorf und über die angrenzenden Äcker und Wiesen zogen wir unserm eigentlichen Reiseziel entgegen, nach dem Orte, wo wir die ersten Ölbäume für den jüdischen Nationalfonds anpflanzen wollten, wofür bereits vor unserer Ankunft alle Vorbereitungen getroffen worden waren. Das Grundstück, das jüngst Herr J. L. Goldberg dem Nationalfonds geschenkt hat, war für die Weihe der ersten Anpflanzung ausersehen worden. Es umfaßt ein Areal von 180 Dunam und liegt gerade gegenüber dem nach Rabbi Samuel Mohilewer benannten Gan-Schemuel, der mit Orangen und Ethrogim bestanden ist; auf der andern Seite liegen die Ölbaumpflanzungen des „Jizhar", einer Gesellschaft, zu der sich einige palästinensische Landwirte zusammen getan haben. Wir besichtigten hier die Olivenbäume und mußten von neuem staunen, wieviel Kraft und Saft dieser Boden birgt, der in wenigen Jahren die Olivenbäume zu so stattlicher Höhe emporschießen läßt. Auf dem Grundstück des Nationalfonds standen die Kolonisten schon bereit, ein jeder mit dem Spaten in der Hand. Als wir eintrafen, konnten wir sogleich an das feierliche Werk der Anpflanzung der ersten Bäume unseres Nationalfonds schreiten. Es war mir vergönnt, den ersten Stämmling in den Boden senken zu können und ich begleitete diesen Akt mit einigen Worten, die unserem teueren Toten, Theodor Herzl, galten. Ich gab meinem tiefen Schmerze Ausdruck, daß es unserem verewigten Führer nicht beschieden war, dieses Bäumchen zu pflanzen. Dieser erste Baum, — sagte ich, — den ich für den Nationalfonds pflanze, soll dem Namen und Andenken Theodor Herzls geweiht sein. Möge es mir beschieden sein, recht bald auch den ersten Baum im Herzlwalde pflanzen zu können!......Nach mir pflanzte meine Frau ein Stämmchen ins Erdreich auf den Namen eines unserer wackersten Vorkämpfer, und die andern schlössen sich an. Nachdem ich das Bäumchen für Herzl gepflanzt hatte, trat der Älteste der Kolonie vor und sprach das „El Male Rachamim" für Herzl. Und in aller Herzen verband sich die wehmütige Erinnerung an den teueren Toten und die Freude über unseren ersten Bund mit dem Boden zu dem Gefühl einer tiefen und ernsten Weihe und machte den Augenblick zu einem großen und unvergeßlichen. Die Sonne neigte dem Untergange zu. Und, — ein seltsames Zusammentreffen: Da wir eben unsere ersten Stämmchen gepflanzt hatten, standen wir schon an der Schwelle eines „Neuen Jahres der Bäume", des Rosch Haschanah La'ilanoth", das also diesmal £ELT — 9 für uns ein Doppelfest war. Und hier, in der freien Natur, unter jüdischen Bauern, auf jüdischem Land fühlten wir zuerst, was dieses Fest für unsere Brüder in Erez Israel bedeutet. Die Sonne war untergegangen, und, einen unbeschreiblich milden Glanz auf alles breitend, stieg groß und ruhig der Vollmond auf. Wir gingen hinüber in den Gan Schemuel, besichtigten den neuangelegten Brunnen — der alte hatte nicht genügend Wasser geliefert — und erstiegen hierauf das Dach des kleinen Häuschens, das dort für die Arbeiter errichtet ist, um niederzusehen auf den schönen Garten, der den Namen eines unserer Besten trägt. Rabbi Schmuel Mohilewer —die ehrwürdige Gestalt stand vor unseren Augen, und die Erinnerung trug uns zurück zu den Zeiten, da jener vorbildliche Mann für Zion gewirkt und geworben hat. Freudige Genugtuung erfüllte uns, da wir das Einst mit dem Jetzt verglichen. Wie viele Etappenhaben wir doch in sicherem Vorwärtsschreiten seit jenen unscheinbaren Anfängen zurückgelegt! Und es war wie ein Widerhall unserer zukunftsfreudigen Stimmung, als mit einemmale von unten, angestimmt von den Kolonisten, die „Hatikwah" erklang. Kampf- und siegesfroh zogen die kraftvollen Rhythmen hinaus in die herrliche Silbernacht. . . . * * * Im Mondschein fuhren wir, ein gutes Stück Wegs von den Kolonisten begleitet, nach Sichron-Jakob. Von fernher trug uns der Nachtwind ein dumpfes Brausen herüber, es war der Wellenschlag des Meeres, der sein Rauschen ins Land dringen läßt. Ein großes, weitläufiges Gebäude fiel uns auf. Wir erfuhren, daß es von der „Ica" für die Leute von Sichron, die hier draußen arbeiten, errichtet worden ist. Es ist bekannt, daß die Kolonisten von Sichron anfangs bloß Weinbau trieben. Als sich später die Unzulänglichkeit der ausschließlichen Rebenkultur herausstellte, kaufte die „Ica" außerhalb der Kolonie für den Ackerbau geeignete Grundstücke an und baute gleichzeitig das oben erwähnte Haus für die Kolonisten auf. Über den sogenannten Krokodilfluß (Al-Sarka) hinüber, in dessen Nähe ein. Quell mit gutem Trinkwasser sprudelt, führte uns eine schlechte und holperige Straße Sichron zu, wo wir ordentlich durchgerüttel ankamen, aber gleich beim Einzug entschädigt wurden durch den herzerfrischenden Anblick dieser anmutigen, jüdischen Niederlassung. Diese Kolonie gehört zu den wenigen, deren hebräischer Name, wie er ihnen seinerzeit von der Administr ition gegeben wurde, sich merkwürdigerweise nicht einbürgern will; sie wird allgemein Samarin genannt. Für alle andern Kolonien sind nur die hebräischen Bezeichnungen gebräuchlich.) Eine Abordnung von Reitern war uns schon vorher entgegengeschickt worden, um uns ins Städtchen zu geleiten. Hier waren schon die Kolonisten mit ihren Angehörigen zu unserem Empfange versammelt und führten* uns sogleich in die prächtige Synagoge, bei deren Musterung dem Besucher sofoit die vielen f priiche und Namen, die rings an den Wänden in hebräischer und in — französischer Sprache verzeichnet sind, auffallen. Der Präsident der Gemeinde, Herr Karniol, begrüßte uns mitener schönen Ansprache, anderufolgten, darunter eine, die uns besonders rührte: Eine Begrüßung in schönstem Hebräisch, die ein zwölfjähriger Knabe an uns richtet.-. Von der Feier in der Synagoge, der übrigens auch eine größere Anzahl von Beamten der „Ica", die in Ch ufa wohnen, beigewohn: hatte, gingen wir in das Administratioisgebäude, einen wirklich präclrigen Bau von durchaus modernem Stil, den wir eingehend besieh:igien. Erwähnenswert ist, daß im großen Saale dieses Admini ionsgebäudes seinerzeit die von Herrn Ussischkin e;nberufene Ko-if-renz stattgefunden hat, die dem Versuche der Schaffung ein^r pi'.'istinensischen Organisation, („His'adruth") dien<e. Tags darauf besuchten wir den Kindergarten und du iiien und freuten uns innig, daß auch hier die Macht der VerVIi.nisse dazu geführt hat, daß das Hebräische zur allgemeinen Unt-r ie üssprache geworden ist, die in sämtlichen Klas vn!*eb au und