Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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REISEEINDRÜCKE I. Chamischa Assar Bi Am Morgen des 14. Sch'wat brachen wir in Begleitung der Herren Levontin und Bermann von Jaffa auf. Es war empfindlich kalt gewesen in den letzten Tagen, wie denn überhaupt in diesem ^Jahre der Winter sich recht streng angelassen hatte. Graue, schwere Nebelschleier verhüllten die Landschaft. Aber wir hatten die Stadt noch nicht lange hinter uns gelassen, als sich mit einemale die Nebel teilten und das Sonnenlicht in lenzhafter Pracht auf uns herniederflutete. Wie versunken und vergessen war der Winter, der noch die Stadt umklammert hatte. Der Himmel lachte in reiner Bläue auf uns herab, weiche Winde strichen warm übers Gelände, und den entzückten Blicken zeigte sich das Gefilde im Grün junger keimender Saaten und im buntfarbigen Glänze der ersten Blumen, die sich überall aus dem Boden drängten. Ein schmuckes Dörfchen kam in Sicht: Sarona, der Wohnsitz einer emsig schaffenden württembergischen Templerkolonie. Die weißgetünchten Häuser, deren jedes seinen kleinen wohlgepflegten Vorgarten hat, die reinen, geraden Straßen, machen einen sehr angenehmen Eindruck. Von da ging die Reise vorwärts in weitem Bogen rechts von Pethach-Tikwah. Nach 1V« Stunden weitete sich das Gelände, und wir erblickten das Meer in seiner stillen Majestät und vor uns in weichen Linien aufsteigend das liebliche Gebirge Ephraim. Den Weg durchkreuzt das Flüßchen Odscha (biblisch: Jarkon), das durch eine kleine Brücke überwölbt ist. Uns gegenüber sahen wir die neue Chaussee, die die Regierung von hier nach Sichern (Nablus) anlegen läßt und an deren Vollendung zurzeit noch gearbeitet wird. Kurz darauf hatten wir Gelegenheit, für eine kleine Weile anzuhalten. Wir waren zum „Grabmal Benjamins" (Nebi Benjamin) gekommen, das von den Arabern als heilige Stätte verehrt wird. Auch sonst finden sich hier im Umkreis zahlreiche sogenannte „Welys", die über den Gräbern heiliger Toten errichtet sind und an kleine Kapellen erinnern. Als wir beim Grabe Benjamins ankamen, trafen wir daselbst eine Gruppe kniender und andächtig betender Araber. Wir wollten ihre Andacht nicht stören und mußten daher darauf verzichten, das Innere des Nebi Benjamin zu betreten. — Die Pferde wurden gewechselt. In frischer Fahrt ging es vorwärts. Die Sonne war indessen zum Mittag heraufgezogen, immer mehr Wärme und Glanz niederstrahlend, so daß wir uns in fast sommerliche Zeit versetzt glaubten. Als wir zur Mittagszeit im Freien Rast hielten, um ein kleines Mahl einzunehmen, bot sich den Augen ein wundervolles Bild dar. Wie ein buntgewirkter Teppich in leuchtendem Gelb und Rot, und dazwischen verstreut die schimmernden Nuancen von Grün, Weiß und Blau, breitete sich das Gefilde um uns. Die Erstlinge der reichen palästinensischen Flora, Alpenveilchen, Anemonen und Narzissen, lachten uns an in ihrer jungen Frühlingspracht. . . . Während wir Herz und Auge weideten an dem lieblichen Bild und den Reichtum dieser mi* überraschender Schnelligkeit sich entwickelnden Vegetation bestaunten» sahen wir uns mit einemmale von einer braunen Schaar umgeben. Araber mit ihren Weibern und Kindern waren von den Feldern herbeigeeilt und umstanden uns mit neugierig musternden Blicken. . . Der Weg ging weiter, die Straße nach Chaifa hinan. Das ist eine alte Chaussee, die anläßlich des Besuches Kaiser Wilhelms neu instand gesetzt wurde und die seither im Munde der Araber den Namen Suitana Prussiana, Preußische Kaiserstraße, führt. Bald aber mußten wir die breite Straße mit einem sehr sandigen Feldweg vertauschen, auf dem es viel schwerer vorwärts ging. Während der Fahrt erregten des öftern Araberkinder unsere Auf- *) Wir eröffnen hiermit eine, Reihe von Schilderungen, die nach den Reiseaufzeichnungen des Herrn David" Wolffsohn zusammengestellt sind. AUS PALÄSTINA*) Sch'wat in Palästina merksamkeit, die wir auf den Feldern mit Kräutersammeln beschäftigt sahen. Wir erfuhren, daß, was sie da auflasen, wildwachsende Gemüse und Salate waren, die in vielen Gegenden Palästinas in reicher Fülle gedeihen. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir den Chan Tul-Karam. Hier ist eine Wegscheide: ein Weg führt nach Sichron Jakob, der andere nach Chederah. Schon konnten wir in der Ferne die beiden jüdischen Kolonien unterscheiden: rechts Sichron auf der Anhöhe und links in der Ebene Chederah. Es bereitete uns eine große Freude, als uns hier eine Anzahl Kolonisten erwartete, die uns weiterhin auf dem Weg nach der Kolonie geleitete. Wir passierten das Araberdorf Kakun, wo die Bewohner mit dem Scheich an der Spitze uns entgegenkamen und uns in der berühmten orientalischen Gastlichkeit ihren Willkommengruß entboten. Sie ließen es sich nicht nehmen, uns bis außerhalb der Gemarkung des Dorfes zu begleiten, und ehe sie von uns schieden, riefen sie uns ein herzliches: Mabäs Salami! (Glückliche Reise) zu. Der Weg, in recht schlechtem Stande, holperig und versandet, wurde von da an beschwerlicher, bis wir endlich zu den Sümpfen von Chederah gelangten und im Hintergrund die üppigen Eukalyptuspflanzungen aufragen sahen. Der Anblick der Sümpfe wirkt natürlich nicht gerade ermutigend, zumal er schmerzliche Erinnerungen au einen betrübenden Abschnitt in der Geschichte unserer Kolonisation auslöst. Als Herr Chankin seinerzeit, sicher erfüllt von den besten Absichten, diese Bodenfläche erworben hatte, ahnte er nicht, daß giftige Fäulnis hier niste und todbringende Seuchen auf Beute lauerten. Die Pioniere kamen, machten sich ansässig und gingen daran, das Sumpfland bestellbar zu machen. Doch die Giftkeime, die der Boden barg, forderten immer neue Opfer. Eine traurige Zeit, aber auch eine heroische: Die braven Männer, die den Boden der Väterheimat erobern wollten, achteten nicht der furchtbaren Gefahren von Siechtum und Tod. Mit immer neuem Mut, mit immer gesteigerter Hoffnung rangen sie mit dem Boden, Der Gräber wurden immer mehr, insbesondere der kleinen Gräber. Verzweifelt rang die heiße Heimatsliebe mit dem Würgengel, — und sie blieb schließlich Siegerin. Der Eukalyptus, der dem Boden die Giftkeime entzieht, war die Waffe, mit der die Kolonisten kämpften. Noch ist zwar nicht alle Gefahr beseitigt, noch bringen die Sümpfe genug Krankheit und Siechtum, aber die Hoffnung ist begründet, daß mit der Vermehrung und Entwicklung der Eukalyptuspflanzungen die endliche völlige Sanierung dei Gegend gelingen wird. Glücklicherweise ist ja auch Chederah die einzige Kolonie, die unter der Sumpfplage in so starkem Maße zu leiden hat. Eine kleine Episode aus der Geschichte der Eukalyptuspflanzungen von Chederah möge hier, weil sie charakteristisch ist, Platz finden. Als Baron Rothschild in Palästina weilte, ordnete er an, daß zu den bereits im Umkreis von Chederah vorhandenen Eukalyptusbäumen mehrere Hunderttausend neu hinzugepflanzt werden sollten, und er beauftragte die Administration der Kolonie einen Kostenvoranschlag zu machen. Die betreffenden Beamten veranschlagten die Kosten der neuen Pflanzungen auf eine gewisse Summe. Gleichzeitig aber reichten die Kolonisten von Chederah einen Kostenvoranschlag ein, aus dem sich ergab, daß sie bereit waren, die Anpflanzungsarbeit für ein Fünftel der von der Administration vorgesehenen Summe auszuführen. Der Baron übertrug den Kolonisten die Arbeit, die von ihnen vorzüglich geleistet wurde und das bemerkenswerte Schlußergebnis brachte, daß die Kolonisten bei der ihnen zur Verfügung gestellten Summe noch einen beträchtlichen Gewinn erzielen konnten. — Als wir nach Chederah kamen, wartete unserer eine schöne