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Die Welt · 1907-03-22 · 12 (22.3.1907) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Juden eingesetzt hätten. Im Gegenteil standen gerade die leitenden liberalen Politiker an der Spitze derjenigen Klubs und geselligen Vereinigungen aller Art, die die Juden grundsätzlich von der Mitgliedschaft ausschließen. Die höheren kommunalen und staatlichen Beamtenposten waren den Juden auch unter dem alten Regime verschlossen. Jedoch ist's im Zeitalter der Koalition auch in diesen Beziehungen ärger geworden, und der offizielle Antisemitismus macht sich jetzt auch auf reinpolitischem und wirtschaftlichem Gebiete geltend, was früher mindestens in diesem Ausmaße nicht der Fall war. Es ist eine Errungenschaft der neuen Ära, daß den Juden das Lehramt an den staatlichen Mittelschulen unzugänglich gemacht worden ist, trotzdem ein Mangel an Lehrkräften für gewisse Fächer besteht. Oft bleibt eine Supplentenstelle an einem staatlichen Gymnasium so lange unbesetzt, bis sich ein christlicher Bewerber meldet oder aber einer der jüdischen Kandidaten, wie es unlängst geschah, den Weg zum Jesuitenpater Tomcsanyi und zur katholischen Kirche findet . . . Überhaupt ist die Unterrichtsverwaltung, seitdem Graf Albert Apponyi, der Europäer und Führer der Unabhängigkeitspartei, das Kultus- und Unterrichtsportefeuille innehat, ganz und gar von judenfeindlichem Geiste beseelt. Die ländlichen Konsumgenossenschaften, die unter kirchlicher Ägide begründet werden und Tausende jüdischer Existenzen vernichten, ohne, irgendwelchen volkswirtschaftlichen Nutzen zu stiften (es sei denn, daß sie eine Anzahl klerikaler Agitatoren mit fetten Pfründen versorgen), erfreuen sich der ausgiebigsten Protektion des Ministers Andrässy. Nun soll ein neuer Schlag gegen die Branntweinschänker, die nahezu ausschließlich Juden sind, geführt werden. Die Regierung plant nämlich schon seit längerer Zeit die Einführung des staatlichen* Spiritus- und Petroleum-Monopols und hat zu diesem Zwecke im Rahmen der Ausgleichsverhandlungen mit der österreichischen Regierung Vereinbarungen getroffen, die die Ausschaltung des Spiritus aus dem zollfreien Yerkehr zwischen beiden Teilen der Monarchie betreffen. Durch dieses Ubereinkommen ist die einzige Schwierigkeit, die der Einführung des Spiritusmonopols bisher im Wege stand, beseitigt, und die Regierung wird nun voraussichtlich bald an die legislative Durchführung dieser Maßnahme gehen. Für die jüdischen Schankwirte wird dies aber den völligen Ruin zur Folge haben. Viel besprochen wurde in der jüdischen Presse die Debatte, die jüngst im ungarischen Abgeordnetenhause über die Petition des Tolnaer Komitates geführt wurde. Das Munizipium des Komitates Tolna hatte nämlich in einer an das Abgeordnetenhaus gerichteten Petition beantragt, es möge der jüdischen Konfession eine Vertretung im Magnatenhause eingeräumt werden, gleichwie die anderen Konfessionen ihre offiziellen Vertreter im Magnatenhause haben. Der Petitionsausschuß hatte eine Ablehnung der Eingabe beantragt, das Haus beschloß jedoch nach längerer Debatte, die Petition „zum Zwecke des Studiums" an die Regierung zu leiten. Im Wesen läuft dieser Beschluß ebenfalls auf eine Ablehnung hinaus, die Juden als solche werden also entgegen den Anforderungen der Rechtsgleichheit und dem Geiste des Gesetzes über die Rezeption der jüdischen Religion im ungarischen Oberhause weiterhin ohne Vertretung bleiben. Begründet wurde dies damit, daß die jüdische Konfession der autonomen Landesorganisation entbehre. Allein die Katholiken sind außerhalb Siebenbürgens im gleichen Falle. Und die Spaltung in zwei Fraktionen kann — wie Gabriel Ugron im Abgeordnetenhause richtig bemerkte — kein Hinderungsgrund sein, denn sie hat in Ungarn ihr Analogon in der Zweiteilung der griechisch-nichtunierten Konfession in eine serbische und eine rumänische Kirche, die beide im Magnatenhause vertreten sind. Die Sache ist an sich nicht von großem Belang, hat aber doch eine symptomatische Bedeutung. Denn die Koalitionsregierung setzt die Judenheit auch in anderen Fällen systematisch zurück, so in der Frage der Kongrua. Ist es schon ein schreiendes Unrecht, daß die Dotation, die den Juden bisher zur Ergänzung der Rabbinatsgehälter gewährt wurde, etwas über 20 000 Kronen betrug, während sie sich dem Prozentsatze der jüdischen Bevölkerung gemäß von Rechtswegen auf das Zehnfache dieses Betrages belaufen müßte, so hat Kultusminister Apponyi dieser offenbaren Ungebühr die Krone aufgesetzt, indem er anläßlich der diesjährigen Erhöhung der den Konfessionen gewährten Dotationen die Juden mit dem lächerlich geringfügigen Betrag, von 8000 Kronen abspeiste, während z. B. die Unitarier, die bloß 67 000 Seelen zählen (gegenüber den 830 000 Juden) mit 60 000# Kronen bedacht wurden. Eine merkwürdige Erscheinung, die diese Debatte ferner zutage gefördert hat, ist die völlige Unkenntnis jüdischer Verhältnisse, die - die jüdischen Abgeordneten dabei verrieten. Das Mitglied der antisemitischen Volkspartei Buzäth stellte im Laufe der Debatte die gehässige und jeder tatsächlichen Unterlage entbehrende Behauptung auf, 70% der Rabbiner in Ungarn seien ausländische Staatsangehörige. Und unter den 25 jüdischen Abgeordneten fand sich keiner, der den Herrn — ausgelacht hätte! Daß die christlichen Abgeordneten die mit großer Sicherheit vorgetragene Behauptung gläubig hinnahmen, versteht sich demnach von selbst. Überhaupt legen die jüdischen Abgeordneten in Ungarn allen jüdischen Dingen gegenüber, die im Parlamente zur Sprache kommen, eine Gleichgültigkeit an den Tag, die alles in den Schatten stellt, was man bisher von den assimilatorischen jüdischen Parlamentariern aller Länder gewohnt war. Interessant ist, daß der Antrag des jüdischen Abgeordneten Bakonyi, das Abgeordnetenhaus möge entgegen dem ablehnenden Ausschußantrag die Petition zum Zwecke des Studiums an die Regierung leiten, mit allen gegen zwei Stimmen angenommen wurde. Die eine dieser zwei Stimmen aber war die des Professors Ballagi, dessen Vater der getaufte jüdische Lexikograph Moriz Bloch war » . . Herr Ballagi glaubt seine jüdische Abstammung dadurch in Vergessenheit bringen zu können, daß er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Antisemiten hervorkehrt. Vor kurzer Zeit verherrlichte er in einer Vorlesung an der Budapester Universität die spanische Inquisition und unternahm mit großem wissenschaftlichem Apparat eine Ehrenrettung der Ketzergerichte, Autodafes und Judenaustreibungen. Ein würdiges Seitenstück zu dem widerwärtigen Gehaben der Meschumodim Ballagi undSümegi (vormals Kohn, der in einer Konferenz der Unabhängigkeitspartei erklärte, er sei aus dem Judentum ausgetreten, um seine Zugehörigkeit zur ungarischen Rasse (!) zu bekunden) bildet die charakterlose Haltung der „führenden Persönlichkeiten" der jüdischen Gemeinde in Budapest und anderwärts. Als vor einigen Monaten der getaufte Sohn eines jüdischen Millionärs \n der Leopoldstädter Basilika seine Trauung mit einem christlichen Edelfräulein feierte, glänzten nach dem Berichte der Blätter die Spitzen der jüdischen Gemeinde durch ihre Anwesenheit. Der Präsident einer großen jüdischen Gemeinde in Südungarn läßt einen katholischen Katecheten in sein Haus kommen, um seine Tochter, die einen Christen heiraten soll, in die katholische Religion einzuführen und zeigt sich hierauf in einer an die jüdische Wochenschrift „Egyenlöseg" gerichteten Zuschrift ganz entrüstet darüber, daß eine „Hetze" gegen ihn veranstaltet wurde, um ihn zur Demission von seiner Ehrenstelle zu zwingen, ihn, der für den Tempelbau und die sonstigen Institutionen seiner Gemeinde soviel geleistet habe und ein begeisterter Jude sei. . . . Den Zionismus denunzieren aber dieselben Gemeindegewaltigen bei der Regierung als landesverräterisch und staatsgefährlich. Die Leiter der jüdischen Landeskanzleien haben durch derartig niedrige Einflüsterungen die Bestätigung der Statuten zionistischer Vereine bisher zu hintertreiben gewußt. Es ist allerdings Aussicht vorhanden, daß die gegenwärtige Regierung sich von unsern Gesinnungsgenossen eines Besseren wird belehren lassen. Wann werden jedoch die jüdischen Massen in Ungarn erwachen und das Joch dieser „Verderber Israels" abschütteln? Judäus.

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