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Die Welt · 1907-03-22 · 12 (22.3.1907) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE3aEELT sind nach dem Aufstandsgebiet unterwegs. In Bukarest hat heute r eine große Studentenmanifestation zugunsten der Bauern stattgefunden. Die Juden schlössen ihre Läden, Exzesse konnten durch < Militär verhindert werden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folgenden Bericht aus Rumänien: Die Agrarunruhen, die in Rumänien ausgebrochen sind, nehmen einen sehr bedrohlichen Charakter an und arten in schwere Aus. , schreitungen gegen die Juden aus. Die geängsteten Juden fliehen in Scharen. An den Grenze in Itzkani sind 1000 Flüchtlinge, meist Frauen und Kinder, eingetroffen, die große Not leiden. Über den Verlauf der Unruhen in PoduMloaie, wohin der Hilfsverein der Deutschen Juden sofort eine größere Geldsumme zur Unterstützung der Geplünderten gesandt hat, geht ihm folgende Darstellung zu: Gelegentlich der Militäraushebungen waren Mittwoch den 13. März viele Bauern aus der Umgegend nach Podul-Iloaie gekommen. Unter den Bauern herrschte infolge der Teurung eine starke Gärung, so daß namentlich nach einer Bauernversammlung, die stattfand und in der der Dorflehrer Prudarin eine Rede hielt, ernste Unruhen befürchtet wurden. Die Haltung der Bauern wurde so drohend, daß die Staatsanwaltschaft in Jassy benachrichtigt und um schleunige Entsendung von Beamten und Militär gebeten wurde. Die Bauern verlangten von den Gutspächterti am Donnerstag Herausgabe des Landes. Es gelang den Beamten und den Gutspächtern, durch Versprechungen die Bauern anscheinend zu beruhigen. Gegen 12 Uhr mittags rückte das Militär, das herbeigezogen war, ab, weil es den Anschein hatte, als habe sich die Gährung gelegt. Diesen Moment aber benutzten die Bauern und No. 12 fielen, etwa 700 Personen stark, über die Stadt her. Kein jüdisches Haus blieb verschont. Eine große Anzahl Juden, darunter auch Frauen und Kinder, wurden schwer verletzt, und viele mußten ins Krankenhaus transportiert werden. Schließlich verzeichnen wir noch nachstehendes Telegramm der „Frankfurter Zeitung": Bukarest, 20. März. Die Regierung trifft energische Maßregeln zur Unterdrückung der Unruhen. Verwüstungen fanden noch statt in Vaslui, Buhuschi, Budurjeni, Lespezi und Negreschti. ■* * * Unser Gesinnungsgenosse Abgeordneter Dr. Strauch er hat sich an den Minister des Äußern Baron Aehrenthal und an den Ministerpräsidenten Beck mit der Bitte um Intervention bei der rumänischen Regierung gewandt. Daraufhin äußerte sich das Ministerium des Äußern folgendermaßen: Das auswärtige Amt beklagt wohl die Kalamitäten, die aus der rumänischen Judenhetze auch für Österreich entstehen, wohin jetzt außer den russischen auch gänzlich mittellose rumänische Juden flüchten, kann aber nur Schutz für die gleichfalls bedrohten Österreich-ungarischen Untertanen in Rumänien verlangen. Einen Druck im Sinne des Berliner Vertrages auf die rumänische Regierung auszuüben, enthält es sich, weil man die antisemitische Gesinnung beider regierungsfähigen Parteien in Rumänien kennt und aus Gründen der Wohlfahrtspolitik das freundliche Verhältnis zu Rumänien nicht erschüttern will. Die Städte Suczawa und Czernowitz sind, wie österreichische Blätter melden, von jüdischen Flüchtlingen überfüllt. AUS UNGARN .Das Verhalten der judenfeindlichen Kreise Ungarns zu den „israelitischen Mitbürgern" unterscheidet sich von dem Benehmen der Antisemiten anderer Länder durch größere Unaufrichtigkeit und Hinterhältigkeit. Unsere grimmigsten Feinde hierzulande, die ihre Haßgefühle wahrlich ohne alle zarten Gewissensregungen praktisch betätigen, wo und wann immer sie können, tragen doch in neunundneunzig von hundert Fällen Scheu, sich unumwunden und vorbehaltlos als Antisemiten zu bekennen. Man will sich durch derlei übelberufene Bezeichnungen nicht kompromittieren. Anstatt dessen wettert man gegen das Überhandnehmen des „merkantilen Geistes", gegen die zersetzenden Einwirkungen des „Journalismus", gegen die „fremden Elemente aus Galizien", und wenn man sich schon ganz deutlich ausdrücken will, zieht man gegen die „Chazarenstärnmlinge" los, die das Bauernvolk im Nordosten wirtschaftlich zugrunde richten. (Seinerzeit hat der Ministerialrat Egan an der Hand der Anthropologie festgestellt, daß diese „Chazaren" ihrer Abstammung nach von den Israeliten grundverschieden seien). — Ist man klerikal wie Herr Barköczy vom Unterrichtsministerium und redet der Pflege des religiösen Geistes in der Schule des Wort, so fügt man hinzu, daß damit natürlich nicht „der Geist irgendeiner positiven Afterreligion" gemeint sei. Bekämpft man die kommunale Demokratenpartei in Budapest wie der gewesene „Lilienminister" Polönyi, so verhöhnt man „die Leute, die vermöge ihrer Geburt ohnehin nichts anders sein können als Demokraten". Überhaupt ist man hierzulande unerschöpflich in der Erfindung immer neuer Umschreibungen für den odiösen Namen „Jude". In einer Anwandlung von Großmut hielt unlängst der bekannte ungarische Schriftsteller und Präsident des Budapester Journalistenvereins Franz Herczeg dem „Judenjungen" — womit er den jüdischen Journalisten meinte — eine Lobrede. , Er sei es, der die ungarische Presse auf ihre heutige Höhe gebracht habe, er habe auf das öffentliche Leben stets regenerierend eingewirkt usw. Natürlich fehlte es an einer Gegenkundgebung nicht. In einem judenreinen Journalisten verein wandte sich dessen Vorsitzender, ein katholischer Bischof, in entschiedenen Worten gegen Herczegs Panegyrikus, stellte es aber hinterher in Abrede, das „Judenkind" bei seinem Namen genannt zu haben. Er habe bloß dagegen Verwahrung eingelegt, daß man irgendwelchen Jungen als Repräsentanten der ungarischen Presse hinzustellen versuche. Ist das nicht köstlich? So sind sie alle! In der vordersten Reihe derer, die das „ancien regime" in Ungarn, die ehemalige liberale Partei und ihren Anhang, niedergerungen und mausetot geschlagen haben, standen die Juden. Sie waren die lautesten, vorlautesten Rufer im Streite, die unentwegtesten Kämpen für die ungarische Kommandosprache, die hitzigsten Demonstranten gegen die Komitatschefs der „Trabantenregierung", sie haben bei den letzten Reichstags wählen für die Unabhängigkeitspartei gestimmt und damit .der Koalition zur Herrschaft verholfen. Der geborene Demokrat Väzsonyi war Mitglied des leitenden Ausschusses der Koalitionsparteien, ist aber, als es zur großen Teilung kam, selbstverständlich leer ausgegangen und wird gegenwärtig von seinen ehemaligen Waffengenossen heftig befehdet. Ähnlich ist es den Juden im allgemeinen ergangen. Sie haben nur Undank geerntet. Es hat sich herausgestellt, daß die Unabhängigkeitspartei, auf die die Juden so große Hoffnungen gesetzt hatten, durch und durch antisemitisch ist, natürlich more patrio verkappt und in allerlei Deckmäntel gehüllt, wie wir den ungarischen Antisemitismus im vorhergehenden kennen gelernt haben. Mit der Judenfreundschaft der alten Liberalen war's freilich auch nicht weit her. Niemals hat es bei uns freisinnige Politiker gegeben, die sich für die gesellschaftliche Emanzipation der \

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