Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 12 DIE1SKELT: Politischer Boykott In einigen Ortschaften der Rheinprovinz haben die Zentrurnsleute gegen die Juden eine wahre Hetze, die mit allen Mitteln des Antisemitismus arbeitet, zu inszenieren für gut befunden. Da gibt es wirtschaftlichen Boykott und öffentliche Schmähungen und Mißhandlungen von Juden. Grund: die Juden wählten liberal. Wenn nun auch die Gründe politischer, also allgemeiner Natur waren, die Methode der Hetze war speziell antisemitisch. Alle Zeitungen brachten diese Nachricht, — keine, auch die mossisch-liberalen nicht, erhob ihre Stimme zu einem Schrei echter Entrüstung. Der „Vorwärts" entrüstete sich sogar über das Bischen der so ungeheuer mäßigen, lauen und lendenlahmen Kritik, die diese Hetzen durch die jüdisch-liberalen Blätter erfahren. Die Juden werden boykottiert, verhöhnt, — recht so, urteilen die Herren Stadthagen & Co. Warum wählen sie nicht sozialdemokratisch? Und da sie es nicht tun, so haben sie alles verdient. Warum, fragt das Sozialistenblatt, schlagen die Blätter sofort einen Heidenlärm, wenn es sich um Juden handelt, verschweigen aber alle Unbill, die den Sozialdemokraten widerfährt? Daraus ergibt sich also die Moral der deutschen Sozialdemokraten mit dem doppelten Boden: Sie führen immer Klage über alle möglichen wirklichen und imaginären Ungerechtigkeiten, — verstummen aber, oder fordern sogar von den andern Schweigen, sobald es sich um Juden handelt Und die Herren wunderten sich noch, weshalb die Juden ihnen diesmal die Gefolgschaft versagten! . . . JUDENEXZESSE IN RUMÄNIEN Über die Bauernunruhen im Distrikte Botuschani erhalten wir von unserem Korrespondenten folgenden Bericht: Mittwoch nachmittag verbreitete sich in Harlau das Gerücht, daß die Bauern in Maxut und Deleni in die Stadt kommen würden, um judenfeindliche Kundgebungen zu veranstalten. Unter der jüdischen Bevölkerung entstand große Panik, und die Juden zogen sich in ihre Häuser zurück und schlössen die Geschäfte. Um 4 Uhr nachmittags kamen die Bauern, etwa 200 an der Zahl, in die Stadt, wo der Direktor der Präfektur ihnen entgegentrat. Auf die Frage der Behörden, was sie in Harlau suchen, antworteten die Bauern, daß sie von Herrn Ronetti-Roman die Aufteilung seines Grund und 'Bodens verlangen wollten. Als die Polizei ihnen antwortete, daß Herr Ronetti-Roman nicht in Harlau sei, antworteten die Bauern, daß sie sich persönlich überzeugen wollten und zogen, von der Polizei geführt, vor das betreffende Haus. Erst als sie sich überzeugten, daß Herr Roman tatsächlich abwesend sei, zogen sie ab. — In der Gemeinde Maxut drangen die Bauern in den Geschäftsladen des Mose Bebis. Im Hause befanden sich bloß die beiden kleinen Töchter des Kaufmanns. Die Bauern erbrachen die geschlossenen Türen des Geschäftes und befahlen den Kindern, bis zum nächsten Morgen das Dorf zu verassen. Dann begaben sie sich nach Deleni und drangen in das iaus des Magazineurs Lustgarten, den sie zwangen, sofort seine Sachen zusammenzupacken und das Dorf zu verlassen. In gleicher Weise gingen die Bauern mit den Juden auf den Gütern Delenie- Vlaxut, Cucueta und Sigepa vor. Die Bauern verübten keinerlei -Gewalttätigkeiten, da die Behörden einerseits sich dem Vorgehen ler Bauern gegen die Juden anschlössen und den Juden befahlen, licht mehr in die Dörfer zurückzukehren, und anderseits den Bauern ersprachen, daß ihrem Verlangen nach Grund und Boden willfahrt verden würde. Die aus den Dörfern nach Harlau geflüchteten Juden iahen den Minister telegraphisch um Schutz gebeten, erhielten aber uf ihr Telegramm keine Antwort. Auch aus dem Distrikte Jassy kommen besorgniserregende Nachrichten. In der Gemeinde Badeni begaben sich die Bauern orgestern auf den Gutshof und verlangten, daß man an sie Grund :nd Boden verteile. Als sie hier niemanden antrafen, zogen sie uf das benachbarte Gut, von wo sie den jüdischen Pächter davonagten. Hierauf zogen sie vor die Häuser der übrigen Juden des )orfes, die sie unter Drohungen zum Verlassen der Gemeinde wangen. Die Bauern sind sehr erbittert, und man befürchtet den vusbruch schwerer Unruhen. Die Empörung der Bauern in Badeni •iroht auch in die Gemeinde Ceplenitza überzugreifen Es sind ierüchte im Umlauf, daß die Bauern gedroht haben, die Stadt- : irgu-Frumos und das Städtchen Harlau, deren Bevölkerung der lehrzahl nach Juden sind, in Brand zu stecken. Über die Unruhen im Distrikte Botuschani weiß die „Dimineatza" olgendes sehr merkwürdige Detail zu melden: Der Präfekt des Distriktes Herr Vasescu wurde vom Ministerpräsidenten gerufen, der ihm Vorwürfe machte, weshalb er ihn nicht über die Bewegung auf dem Laufenden erhalten habe. Herr Vasescu erwiderte, daß keine Gefahr für die Rumänen vorhanden sei. Der Ministerpräsident replizierte: „Es handelt sich nicht bloß um die Rumänen, sondern um die Sicherheit und das Leben aller Bewohner des Landes." — „Ich" — erwiderte Herr Vasescu — „gebe nicht eine Million Juden für eine einzige Christenseele her." — „Dann können Sie nicht die Verantwortung für diesen Distrikt übernehmen", sagte der Ministerpräsident. — Herr Vasescu seinerseits erwiderte: „Ich gebe meine Demission nicht und erwarte, daß ich wegen dieser Sache aus dem Dienste weggejagt werde." Ben Zion. Ein Telegramm der „Frankfurter Zeitung" aus Bukarest vom 15. d. M. berichtet ferner: 700 Bauern drangen in das Städtchen Podul-Ilöei und demolierten die Häuser und Läden von Juden. Militär stellten die Ordnung wieder her. Weitere Telegramme der „Frankfurter Zeitung", datiert aus Bukarest und Czernowitz vom 18. d. M., berichten: In Botuschani wollten Bauern in die Stadt eindringen. Das Militär feuerte. Vier Bauern wurden getötet, acht verwundet. Die Unruhen im nördlichen Rumänien, die nebst einem agrarischen hauptsächlich antisemitischen Charakter tragen, haben gewaltige Dimensionen angenommen. Im Jassyer und Dorohaier Bezirk kam es zu großen Verwüstungen, das Städtchen Botuschani steht in Flammen, Handel und Verkehr stocken. Der „N. Fr. Pr." wird aus Czernowitz vom 19. März abends telegraphiert: Die gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Juden, die sich über die ganze Walachei ausgebreitet haben, sind hauptsächlich durch den Präfekten Varsescu von Botuschani ins Werk gesetzt worden. Die Soldaten beginnen bereits, das Einschreiten gegen die Exzedenten zu verweigern, von den größeren Orten hat Botuschani am meisten gelitten. Die Zahl der Toten ist noch nicht bekannt. Viele Landhäuser sind zerstört und Wertpapiere von den Bauern zerrissen worden. In den Gutshof Teodoreni drangen mehrere hundert Bauern ein, sie drohten den zwanzigjährigen Sohn des Gutspächters Kroßnoselsky zu erschlagen, worauf dieser Revolverschüsse abfeuerte und dadurch gerettet wurde, daß die Gendarmen ihn verhafteten. Mehrere tausend flüchtige Familien sind bereits bei Itzkany auf österreichisches Gebiet gekömmen. Neben Botuschani haben noch die Städte Bordujeni und Bucecca schwer gelitten. Dem „Berl. Tageblatt" telegraphiert man unter den 20. d. M. aus Bukarest: Die auf ständigen Bauern zerstörten die jüdischen Geschäfte im Botuschani, Burgujeni, Harlau, Tigulfrumos und Buchusek. In Botuschani gab das Militär Feuer. Vier Bauern wurden getötet, acht verwundet. Große Truppenmassen 2