Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE iE LT No. 12 worden, das Städtchen Botuschani soll in Flammen stehen. Hunderte von jüdischen Familien sind an den Bettelstab gebracht worden. Eine schreckliche Panik geht durch die Judenschaft des Landes. Es ist kein Ende abzusehen. Wenn ein barbarisches, unter der Faust der Großgrundbesitzer, der Bojaren und Phanarioten keuchendes, von Rußland aus und von den rumänischen „Patrioten" auf die Juden gehetztes Volk rasend wird, wenn die Regierung nicht willens ist, diese Parias des Landes zu schützen, was haben die Juden dann zu erwarten? Rußland, das von jüdischem Blute triefende Rußland, hat gelehrige Schüler in Rumänien gefunden. Das konstitutionelle Bojarenland lernte von seinem mächtigen Nachbar, daß auch eine „Konstitution" Judenpogrome nicht ausschließt. Das kleine Rumänien, das die Dreistheit hatte, trotz des Berliner Traktats 250 000 Juden ihrer ihnen verfassungsmäßig zugestandenen Rechte zu berauben, ohne daß in Europa ein Hahn darnach krähte, will jetzt den Versuch machen, ob nicht die treuen Moldawanen die Judenfrage in Rumänien, die hie und da doch der hohen Regierung Scherereien bereitet, auf eine einfache, wenn auch primitive, aber dafür echt russische Art zu lösen vermöchten. Ja, es hat sogar ein paar „Echt- Russen" ins Land gezogen, die ihre Pogromerfahrungen zur Ausbildung der Moldawanen verwenden. Und schließlich ist ja auch der „echte Russe" Pavolaki Kruschewan, der Bluthund von Kischinew und jetzige Leader der Rechten in der Duma, ein Moldawane von echtem Schrot und Korn. Gedacht, — getan! Und jüdische Häuser stehen in Flammen, Juden werden zu Tode geprügelt, ihr Hab und Gut vernichtet. ... Ob die rumänische Regierung wirklich ernste Schritte gegen die Pogrome und die Pogromagitation unternehmen wird, — ist noch nicht bekannt. Das offizielle Europa ist bis jetzt still. Die „öffentliche Meinung" hat sich mit Judenmetzeleien bereits abgefunden und nimmt sie als eine Naturerscheinung hin. Und von den gewissen jüdischen Bankiers, denselben, die für Rußland das Geld lieferten, mit dem die Pogromhelden sich über Wasser hielten, hat Rumäniens Staatssäckel noch weniger zu befürchten. Im Gegenteil, die Schacherdialektik dieser edlen Herren wird sie noch engere Liaisons mit Rumänien abschließen lassen. Und der Welt gegenüber wird das kleine Rumänien sagen dürfen: quod licet Jovi, licet et mihi.---- Und was das Tragischste ist: — die Pogrome werden zu einem Gewohnheitsrecht, zu einem ius commune des XX. Jahrhunderts. Sie ziehen immer weitere Kreise. Heute heißt es Rußland und Rumänien. Aber Botuschani ist auch in der nächsten Nähe von Österreich. Wenn eine Sturmwelle sich ergießt, — wer weiß, wo sie Halt machen wird? Als zu Anfang Januar die ersten Exzesse in Crajova stattfanden, schrieben wir: „Diesmal aber ist die Sache allem Anschein nach gefährlicher und nicht nur für die Juden Crajovas, sondern für alle Juden im Lande. Die rumänische Bestie ist gereizt durch den Blutgeruch, der aus dem benachbarten Russenreich hinüberdrang . . . Die Situation ist jedenfalls bedrohlich genug, um die Aufmerksamkeit der europäischen Judenheit zu fordern. Es erscheint hoch an der Zeit, daß sie ihre Stimme für die rumänischen Brüder erhebe . . . ." Ein verbreitetes amerikanisch-jüdisches Blatt nahm die Sache von der heiteren Seite: Was doch die Zionisten immer für Schwarzseher und Übertreiber sind! — schrieb das Blatt. Und jetzt? Ein schmachvolles Dokument Eben haben die deutschen Studenten den billigen Heroismus aufgebracht, gegen die Zulassung russisch-jüdischer Hörer an den deutschen Universitäten zu protestieren, „da die Östler ein kulturell minderwertiges Element darstellen und das geistige Niveau der deutschen Universitäten herabdrücken/' Wer wollte es noch unternehmen, mit apologetischem Eifer zu Felde zu ziehen gegen diese jungen Herren mit ihrem preußisch-junkerhaften Ichgefühl, das Heine einmal so unübertrefflich den „eingefrorenen Dünkel" genannt hat? Was aber soll man sagen, wenn Herr Albert Bier, liberales Mitglied des Repräsentantenkollegiums der Kölner Synagogengemeinde, in Übereinstimmung mit seinen liberalen Kollegen gegen die Wahl ausländischer Juden -in die Repräsentanz mit den Worten protestiert, „daß die Gefahr nicht zu verkennen ist, daß fremde Sitten und Gebräuche — und ganz besonders Ansprüche — die man sonst vermieden sehen möchte, um sich greifen würden." Wenn man nicht wüßte, daß ebenderselbe Hejr schon einmal einen Protest eingebracht hat, der allerdings von der Behörde abgewiesen wurde, und wenn man seinen fein säuberlich auf acht " großen Seiten autographierten Rekurs gegen diese Abweisung nicht vor sich hätte, man würde es nicht glauben, daß sich eine solche Schmach wirklich ereignen könne. Die jüdische Presse Deutschlands und anderer Länder hatte sich schon dem ersten Versuch des Herrn Bier, zwischen Juden innerhalb der Synagogengemeinde die Scheidewände des Ausländertums aufzurichten, mit Entrüstung entgegengestellt. Aber damals konnte man immerhin noch an eine — allerdings schlimme — Entgleisung, an die Unüberlegtheit eines durch eine Wahlniederlage Gereizten glauben. Jetzt aber wissen wir, das Herr Bier und seine Kollegen wirklich den Mut haben, sich und die deutsche Judenheit dem Spott und Hohn der Öffentlichkeit preiszugeben, sich und der deutschen Judenheit einen Schandfleck anzuheften. Man höre einmal, mit welcher Art juristischer Findigkeiten Herr Bier in seinem Rekurse operiert: „Im weiteren gestatte ich mir ergebenst zu bemerken," daß das Judengesetz vom Jahre 1847 nur für die Untertanen des weiland Königs Friedrich Wilhelm IV. gilt, somit nur bei preußischen Juden in Betracht kommt, nicht aber für ausländische. Nur in einem einzigen Falle ist von diesen die Rede und zwar in § 71, der es verbietet, ohne Genehmigung des Ministers des Innern Ausländer als Gesellen, Lehrlinge, Dienstboten usw. bei einer Strafe von 20—300 Talern anzustellen. Wenn also die ausländischen Juden darnach nicht einmal als Dienstboten usw. angestellt werden dürfen, so erscheint es doch ausgeschlossen, daß ihnen Wahlrechte und Ehrenstellen zustehen." Es fehlen einem die Worte, um diese schmähliche Degradation der osteuropäischen Juden, zu der sich ein paar wohlgenährte Kölner Juden, die an ihres Großvaters Hausierpacken schon vergessen haben, erkühnen, gebürend zu geißeln. Jeder Versuch der Verteidigung der Ostjuden gegen dieses schnoddrige Protzentum aufgeblähter Gemeindegewaltiger wäre eine Beleidigung für jene. Die wohlanständigen „Sitten und Gebräuche" der Kölner liberalen Juden auf der einen, die sittliche und geistige Kraft der Ostjuden anf der anderen Seite, man könnte auflachen über die groteske Gegenüberstellung, wenn dieProvokation zu solchemVergleiche nicht etwas so Tief schmerzliches für uns wäre, gerade für uns, die wir uns so sehr mühen, Brücken zwischen Ost und West zu schlagen und brüderliche Bande zu knüpfen zwischen den Juden aller Länder und Sprachen. Darum auch ist unser Zorn so groß, daß in Deutschland dieser erbärmliche Hochmut der „Eingesessenen" nicht schwinden will, daß die Gemeinderepräsentanzen noch immer den Typus des Geldjuden in den Vordergrund rücken, der im besten Falle dem Ostjuden eine Banknote hinwirft, damit er mit dem Pogromelend fertig werde, und sonst im Alltag den Bruder von drüben wie einen Aussätzigen behandelt, schlimmer, als er je wagen würde, den lumpigsten Nichtjuden zu behandeln. Mit diesem kläglichen Zustande muß endlich aufgeräumt werden: Die jüdische Gemeinde muß ein Platz für die Gemeinschaft sein, nicht für die Gemeinheit,