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Die Welt · 1907-03-22 · 12 (22.3.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 \i ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. KÖLN, 22. März 1907 p-urf? PlW« }D'-2 "? No. 12. Dl DI REVUE DER WOCHE D D Imperialismus und Palästina „Wenn nicht alles täuscht, stehen wir gerade jetzt wieder vor einem besondern Verjüngungsprozeß Palästinas. Dabei will ich nicht einmal an die Unwandelbarkeit der jetzt so deutschfreundlichen Orientpolitik und der guten Beziehungen zum Sultan des Landes glauben. Heut weht für die Deutschen ein günstiger Wind in Kanaan. Was sie jetzt nicht säen, werden sie nie ernten. Aber können nicht die Winde wechseln? Politische Prophezeiungen sind unsicher. Worauf es aber ankommt im Heiligen Lande, das ist: nach den bleibenden Werten zu suchen, nach dem Gold, das in diesen Bergen und Tälern immer schlummern wird, nach den kulturfähigen Flußbetten des vielfach so wasserarmen Landes, in denen wirklich „Milch und Honig fließt!" . . . So zu lesen in einem neuerschienenen Palästinabuch eines deutschen Pastors, des Herrn Paul Menzel, (der, nebenbei bemerkt, mit dem Zionismus und den jüdischen Beziehungen zu Palästina gut vertraut ist). Während die katholische Geistlichkeit immer kirchlichinternationale Politik trieb und darauf ausging, das Reich Petri zu vergrößern, ist die protestantische Geistlichkeit fast immer die Trägerin des Gedankens der nationalen Politik. Und da im gegebenen Augenblick die auswärtige Politik Deutschlands im Zeichen des Imperialismus steht, so ist die Auslassung des zitierten Pastors charakteristisch. Der von Ehrfurcht für die Reichspolitik erfüllte Geistliche schließt das Kapitel über die „Zukunft Palästinas" mit folgenden, gesperrt gedruckten Worten: „Wenn der solide deutsche Geist fürderhin auf den Konkurrenzplatz der Geister im Orient pilgert, . . . vielleicht wird dann auch die Hoffnung unserer besten Kreuzfahrer neueren Stils nicht wieder aus dem Heiligen Lande abziehen müssen, wie es die alten Kreuzfahrer so tragisch erlebten. Sondern ich denke: Dann kann auch über dem einst so glücklich gewesenen, später so heimgesuchten und von so dunklen Geschicken übernachteten Lande Abrahams noch einmal anbrechen ein besseres Morgenrot." . . Hier fehlt nichts, um im Stile zu bleiben, als ein inniges: Amen! Die Zukunft Palästinas auf Deutschland gebaut! Das ist der Imperialismus in theologischer Färbung. Wenn man sich erinnert, was die Imperialisten anderer Länder über dieses Thema geschrieben haben, so müßte man über den naiv anmutenden Glauben des deutschen Pastors lächeln. Uns ist erinnerlich, was der alte Judenhetzer Suworin, der die blutrünstige „Nowoje Wremja" redigiert, in seinem Reisebericht aus Palästina über die Stellung des Russentums im Heiligen Lande geschrieben hat; noch mehr, wie er die Bestimmung des Zaren als Erben von Byzanz, als Verweser des griechischen, unverfälschten Glaubens, für die Herrschaft über das Morgenland bewiesen hat. Damals hatte Rußland seine Weltreichpläne nicht aufgegeben, — von denen sich übrigens die meisten russischen Politiker auch jetzt noch nicht befreit haben. Und liest man die temperamentvollen Auslassungen der französischen Orientpolitiker, so wird man förmlich erdrückt von Argunienten, daß gerade Frankreich das Erbe Judäas undRoms undOsmans übernehmen muß... So legt jeder Bewerber eine Urkunde vor, die sein Recht dartun soll. Aber die einzige Urkunde, die historisch verbürgte, noch nicht verjährte, liegt nicht vor, — die harrt erst der Anerkennung. . . Ein alter Agadist würde die Sache ungefähr in folgendes Bild kleiden: Es war einmal ein Königssohn, den sein Vater in ein Schloß einsetzte, indem er ihm die Herrschaft über das Land übergab. Aber der Vater erzürnte sich einmal über den Sohn und verjagte ihn aus dem Schlosse. Arm und verlassen ging der Sohn in der Welt herum, obdachlos, der großen Vergangenheit gedenkend. Und in das Schloß zogen neue Herren ein. Jeder waltete nach seinem Gutdünken, — jeder hielt sich für den Herrn im Hause. Und mit Verachtung gedachte jeder von ihnen des Verbannten und Heimatlosen. Sie fertigten Urkunden au, versiegelten sie mit goldenen Siegeln und schlössen sie in ihre Truhen ein. Aber ein Herr löste den andern ab, jeder mißachtete die Urkunden des früheren und stellte neue für sich selbst aus. So ging das Schloß von einer Hand in die andere. Aber die einzige, wahre Urkunde lag in den Händen des Königs, der nur auf die Stunde wartet, wo er sie seinem verbannten Sohne zurückgeben, ihn in seinen rechtmäßigen Besitz wieder einsetzen wird. . . So würde der alte Agadist träumen. Wir aber, die das Wirkliche am Leben kennen gelernt haben, wissen, daß wir die Urkunde nicht bloß passiv empfangen, sondern sie suchen, sie zu erringen uns bemühen müssen. Und wenn Tradition und Geschichte als Helferinnen der Politik angerufen werden, wer hat die s ärkeren Rechtstitel, wir oder das „Kreuzrittertum" von einmal? Erst vor kurzem hat die Königin Elisabeth von Rumänien, die Dichterin Carmen Sylva, dem jüdischen Volke blütenreiche Kränze geflochten. Und jetzt erlebt die Judenschaft Rumäniens eine schreckliche Pogromzeit. Im nördlichen Rumänien ist eine Raserei über das rumänische Bauernvolk gekommen. Der Hunger einerseits und die immerwährende Verhetzung gegen die Juden haben ihre Früchte gezeitigt. In der Gegend von Jassy und Dorohoi schweben die Juden in höchster Gefahr. Bordujeni, Buceci sind von den Bauern niedergebrannt 1* Rußland-Rumänien

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