Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316255--49110-3344034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 DIE ELT No. 11 I : If zuerst als Wahlmänner, dann als Deputierte nur solche Männer aufzustellen, die für alle Interessen, die allgemein-politischen und spezifisch-nationalen, unseres Volkes eintreten würden. Wir wollten, daß in der Duma im Namen des Judentums nur aufrechte Juden sprechen sollten, die stolz sind auf unsere Leiden und unsere Hoffnungen, die die bürgerliche Gleichberechtigung und nationale Vollberechtigung im Namen der Gerechtigkeit und des Fortschritts gefordert hätten. Die Zionisten führten und führen bewußt eine Politik von Gesamt-Israel, weil jede Nation und insbesondere die jüdische, die unterdrückt und zusammengehalten ist durch eine Jahrhunderte alte Geschichte und Kultur, zweifellos allgemeine Interessen besitzt, die das ganze Leben des Volkes durchdringen, abgesehen natürlich von einer gewissen Klassen- und Gruppendifferenzierung. Indem die Zionisten allgemeine nationale Forderungen aufstellten, traten sie unter eigener Flagge auf. Nur auf dieser Flagge waren klar und unzweideutig die grundlegenden allgemein-jüdischen Forderungen aufgezeichnet. Es gibt keine andere Organisation im Judentum, die gleich klar und unzweideutig diese Forderungen formuliert hätte. Unser nationales Programm hat die volle Zustimmung der jüdischen Massen gefunden. Die von uns formulierten Forderungen sind zur allgemeinen Losung fast aller jüdischen Wahlversammlungen geworden. Aber eben diese Klarheit unseres Programms diente zum Vorwand eines allgemeinen heftigen Kampfes aller antizionistischen Elemente gegen uns. Von Beginn des Wahlkampfes an trafen wir auf Gegner aus zwei verschiedenen Lagern, zwischen denen sich trotz der inneren Gegensätze sehr bald eine rührende Solidarität in bezug auf ihren gemeinsamen Haß gegen den Zionismus entwickelte. Einerseits sind es die klassenbewußten proletarischen Parteien mit dem „Bund" an der Spitze, und anderseits — die assimilierte Intelligenz und die „Gewirim" mit der Petersburger Jüdischen Volksgruppe an der Spitze gewesen. Was den „Bund" anbetrifft, so haben wir seinen Widerstand von vornherein erwartet. Wir wußten, daß wir, die wir die allgemeinen Volksinteressen verteidigen, auf die Gegnerschaft derjenigen stoßen mußten, die immer und überall, ohne die Bedürfnisse bestimmter politischer Augenblicke in Betracht zu ziehen, ausschließlich die Interessen einer bestimmten Klasse in den Vordergrund rücken. Wir erwarteten einen prinzipiellen Kampf im Namen der allgemeinen Volksinteressen, des einheitlichen Auftretens der Judenheit während der Wahlen. Indessen hat der „Bund" seine Hauptwaffen gegen uns bei unsern bourgeoisen Gegnern geholt. Beide, der „Bundist" und der „Gruppist", gingen in die Synagogen mit einem und demselben Rufe: „Juden! Wählt keine Zionisten! Sie werden euch als Ausländer erklären, und ihr werdet keine Gleichberechtigung erhalten!" Unsere Hauptgegner aber rekrutierten sich aus dem anderen, dem bürgerlichen Lager. Die Großbourgeoisie, die „Gewirim", konnte es uns unter keinen Umständen verzeihen, daß wir das Selbstbewußtsein der breiten jüdischen Massen aufgerüttelt hatten, daß diese Massen sich organisieren, einen immer größer werdenden Anteil an der Frage der Lösung des jüdischen Problems nehmen und so der früheren Herrschaft der „Gewirim" allmählich ein Ende bereiten. Noch schärfer trat die assimilierte jüdische Intelligenz gegen uns auf, die die nationalen Forderungen zeitweise aus opportunistischen Gründen anerkennen kann, aber gar kein Interesse daran hat, daß diese Forderungen ein für allemal befriedigt werden. Aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der bürgerlichen Gleichberechtigung für die jüdischen Massen und bauend auf die Demoralisation dieser Massen hat die jüdische Intelligenz die oben angeführte Losung vom Ausländertum in das Volk geworfen in der Hoffnung, daß sich Juden finden werden, die wegen der Gleichberechtigung sich von der Erinnerung an ihre Vergangenheit und von der Hoffnung auf die Zukunft lossagen werden. Um das Volk noch mehr einzuschüchtern, hat man die Legende erfunden, daß die Nichtjuden die Lossagung von Zion von uns als Äquivalent für die Gleichberechtigung verlangen. Obgleich jedoch der Kampf uns aufgezwungen war und obgleich unsere Gegner auch oft illoyale Kampfesmittel anwendeten, haben wir immer das Prinzip der Einheitlichkeit der Wahlkomitees und der Unterwerfung der Minderheit unter die Mehrheit im entscheidenden Momente aufrecht erhalten, auch da, wo dieser Standtpunkt für uns unvorteilhaft war. Denn über allen Streitigkeiten steht die Einheit des Judentums. Unsere Position war nicht leicht. Wir mußten gegen die Insinuationen unserer Gegner und die Einschüchterung der Massen mit allen Kräften kämpfen. Als der entscheidende Moment kam, hat er für uns sehr günstige Ergebnisse gezeitigt, insoweit die Wahl überhaupt von Juden abhängig war. Fast überall wurde unser nationales Programm angenommen und eine große Anzahl zionistischer Wahlmänner gewählt. Unter unserm Einflüsse mußten die ehemaligen Assimilatoren die nationalen Forderungen anerkennen, und das nationale Bewußtsein der Massen wurde vertieft. Damit sind aber die positiven Ergebnisse unseres Kampfes zu Ende, das zweite Stadium der Wahl begann. Alle unsere Bemühungen waren darauf gerichtet daß innerhalb der jüdischen Wahlkurie eine vollständige Einheitlichkeit in bezug auf die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit herrsche. Und wir müssen anerkennen, daß im allgemeinen diese Einheit, abgesehen von einigen unbedeutenden Ausnahmen, erreicht wurde. Nur die „Bundisten" und die sich ihnen anschließenden „Linken" sonderten sich ab, in der Hoffnung, etwas für sich zu erreichen und die Zionisten zu schwächen, ohne vor dem Risiko zurückzuschrecken, die Kraft der jüdischen Kurie zu mindern. Aber das alles tritt zurück angesichts unserer vollständigen Niederlage. Die jüdische Kurie ist ganz beiseite geschoben worden. Oberall, wo jüdische Kandidaten auftraten, ausgenommen vielleicht das Kiewer Gouvernement, hat sich die Mehrheit des „Schwarzen Hunderts" oder eine einfach reaktionäre oder offen antisemitische gebildet, die alle Deputierte wählte. Eine gewisse Rolle spielte dabei der Druck von oben. Zweifellos war aber auch der Boden sehr gut geeignet für derartige Experimente. Uberall war es leicht, die antisemitische Saite zum Schwingen zu bringen. Aber auch die Wahlen im Kiewer Gouvernement, wo die Progressiven in die Mehrheit kamen, hatte dasselbe Ergebnis: der Jude wurde auch da nicht gewählt. Charakteristisch dabei ist, daß diese Tatsache der krassesten Ungerechtigkeit von keiner Seite in der Öffentlichkeit Beachtung findet. Die russische Presse fragt nicht, warum die Kiewer Progressiven keinen einzigen Juden in die Duma brachten, obwohl sie doch nur durch die Hilfe der Juden selbst gewählt wurden. Wir aber können uns damit nicht beruhigen und müssen die Ursache des Geschehenen aufdecken, um Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Welches sind die Ursachen unserer Niederlage? Vor allem ist festzustellen, daß der Kampf der Meinungen und Parteiungen im Judentum selbst dabei keine ausschlaggebende Rolle spielte. Auch wenn wir uns weniger mit innerjüdischen Fragen beschäftigt hätten und unsere Aufmerksamkeit mehr den sich bildenden Blocks und Mehrheiten zugewendet hätten, wäre unsere Niederlage nicht kleiner gewesen. Die wesentliche Ursache der Niederlage ist, daß wir überall eine Minderheit, und zwar eine nationale Minderheit, bilden. Die nationalen und religiösen Gegensätze bilden eine solch kolossale Kraft, daß davor sogar die wesentlichsten ökonomischen Interessen ganz zurücktreten. "Diese Macht nutzten die Reaktionäre gegen die Juden aus, indem sie einen Block der Bauern und derjenigen Gutsbesitzer herstellten, die von der Lösung der Agrarfrage nichts wissen wollen, während die Juden zweifellos für eine gerechte Lösung eingetreten wären. Zum Teil haben die Juden selbst ihre Niederlage begünstigt, indem sie überall im allgemeinfreiheitlichen In-teresse nur einen Block mit den Bauern zuließen. Sie vergaßen, daß die reaktionären Instinkte der Bauern nicht weniger stark sind als die der anderen Klassen, — und die Bauern haben uns falbn lassen. Wir machen jedoch daraus den Juden keinen Vorwurf. Im Gegenteil: wenn wir für unsere Rechte eintreten, müssen wir verlangen, daß den anderen Gerechtigkeit gewährt werde; Es wäre auch kaum vorteilhaft für uns, im Kampfe der Aristokratie mit den Bauern gegen die Bauern aufzutreten. Denn das Leben spielt sich doch nicht nur innerhalb der vier Wände des Taurischen Palastes ab. . . . Zwei Schlüsse kann man aus all diesem ziehen. Erstens: Hier sind wir keine Herren unseres Schicksales. Unser Los wird nicht bestimmt durch unsere Interessen, sondern von den Interessen anderer. Zweitens: Die ganze Geschichte der gegenwärtigen Wahlen, die ganze nutzlos ausgegebene Energie beweist die Berechtigung der von uns in Helsingfors aufgestellten Forderung des proportionalen Wahlrechtes. Dieses hätte uns nicht nur eine bestimmte Anzahl Sitze garantiert, sondern, was noch viel wichtiger ist, es hätte uns der Notwendigkeit enthoben, fortwährend Blocks und Freunde zu suchen und'"uns damit Feinde auf den Hals zu hetzen. Wer aufmerksam die verschiedenen Methoden verfolgt hat, die bei den Wahlen angewendet wurden, der muß unsere Befürchtung teilen, daß die Wahlen für uns eine neue Quelle eines grenzenlosen Antisemitismus werden können und daß aus ihnen schon heute die drohenden Vorzeichen neuer Pogrome sich entwickelt haben. Die Verwirklichung unserer Forderung einer proportionalen Vertretung hat aber nicht nur für uns, sondern auch für den allgemeinen Fortschritt Bedeutung.