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Die Welt · 1907-03-15 · 11 (15.3.1907) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 11 DIE-^KLT 13 Völkern durchgeführt werden. Die erhabene Idee der Völkerverbrüderung kann nur dann Wirklichkeit werden, wenn man das Lebensrecht einer jeden Nation, das Recht zu allseitiger Entwicklung, achtet. Wer da will, daß man sein Recht und seine Freiheit schone, der darf das Recht des andern nicht rauben und mit Füßen treten. In nationalen Angelegenheiten gibt es heute keine Macht, die ewig . durch Unrecht herrschen könnte, die es vermöchte, einem Volke seine Sprachseele zu entreißen. Darum laßt uns ohne Furcht für die nationale Gerechtigkeit kämpfen, laßt uns einstehen für unser eigenes Recht, laßt uns das Recht der andern respektieren . . . Der Wahlkampf möge eine hohe Schule des öffentlichen Lebens sein, er möge alle Menschen vereinen, die nach Befreiung vom Elend, von ökonomischer, politischer und nationaler Knechtschaft ringen." Im Anschluß an diese in der Tat recht schön klingenden Worte richtet im „Jüdischen Arbeiter" A. L. Schußheim an die Adresse des polnischen sozialdemokratischen Exekutivkomitees einige verfängliche Fragen, auf die die Herren wohl die Antwort schuldig bleiben werden. U. a. führt der Artikelschreiber aus: „Welch ein seltsamer Widerspruch, ihr Herren, zwischen diesem tönenden Wahlaufruf, und eurem eigenen Verhalten in der gegenwärtigen Wahlkampagne! In drei von den sechs sicheren jüdischen Wahlkreisen stellt ihr polnische Kandidaten auf. Wie könnt ihr dies mit euren eben angeführten Prinzipien vereinbaren? — Doch ihr wendet ein, die Juden seien keine Nation, sondern bloß eine religiöse Gemeinschaft. Nun, gegen eure verrosteten theologischen Doktrinen, an die ihr selbst nicht glaubt, will ich hier nicht polemisieren. Ob die Juden eine Nation sind oder nicht, haben schließlich sie selber, und nur sie zu bestimmen, und bevor ihr sie mit euren polnischen Kandidaten beglückt habt, hättet ihr sie mindestens befragen sollen, ob sie sich als Polen fühlen. Ihr, die ihr so wunderfein von der vollen Kraftentfaltung der Völker, vom Leben ohne fremde Gnade und Bevormundung predigt, — wer hat euch das Recht eingeräumt, die Juden mit eurer Gnade und Fürsorge zu bedenken? Und noch eins: Wenn euer hoher Mandarinenrat uns in seiner unergründlichen Weisheit und Güte der polnischen Nation zugezählt hat, so müssen wir uns wohl oder übel vor seiner Unfehlbarkeit beugen. Allein, wie kommt ihr dazu, eure Macht bis nach Kolomea hin auszudehnen? Ihr ahmt eure Vorgänger, die Schlachzizen, getreulich nach. Diese haben die politische Unbeholfenheit der Juden gegen die Ruthenen ausgenützt — und auch ihr wollt die Juden polemisieren, um die Ruthenen ständig in der Minderheit zu erhalten. Oder rechnet ihr die Juden von Kolomea zu der polnischen Minderheit dieser Stadt, deren Rechte zu beschützen ihr in die Hände des „Polen" Dr. Samuel Sc hör legt? Wenn nun aber die ruthenischen Sozialdemokraten euch entgegenhalten werden: „Die Juden Kolomeas sind ruthenische Juden" — was dann? Wo bleibt eure Rechtlichkeit? Ein jüdisches Volk kennt ihr nicht. Gut. Aber die Ruthenen dürft ihr doch nicht durch Unrecht beherrschen, in ihrem nationalen Besitzstand berauben, dürft ihnen — ihre Juden nicht wegnehmen . . . Doch Ironie beiseite, die Sache ist zu ernst. Schämt ihr euch denn nicht, eure Kandidaten in „konfessionellen" Wahlkreisen aufzustellen, — ihr, die ihr gegen die Etablierung „konfessioneller" Kurien und Kreise so sehr geeifert habt? Wo ist eure sonst so hochgehaltene Parteiehre hingeraten? Gebt ihr sie nicht um ein paar „konfessioneller" Mandate willen preis? Von der Wahrheit spreche ich schon gar nicht; eure ganze jüdische Politik steht von eurem ersten Auftreten an auf dem Kriegsfuße mit der Wahrheit und — mit euren eigenen Prinzipien. Ihr seid unbestritten Vertreter neuer, moderner Ideen. Allein euer Verhältnis zu den Juden gleicht dem der reaktionären Stanczyken aufs Haar. Eigentlich wollt ihr die Juden gar nicht ernstlich polonisieren — ihr wollt bloß, genau wie die Schlachta, eure Moszko-Juden haben, die eure politischen Geschäfte besorgen sollen. Und in der Tat, eure Partei-Moszkos sind in Bezug auf politische Moral nicht um einen Deut mehr wert als die jüdischen Handlanger der hochmögenden Schlachzizen. Empört sich denn euer guter Geschmack nicht gegen den jüdischen Angehörigen eures hohen Rates, der sich öffentlich rühmt, er habe nichts Jüdisches an sich als seine Nase? Und ihr fordert, „man möge die Jugend in Liebe und Treue zum angestammten Volk erziehen"?! Wie soll man nach alledem an die Aufrichtigkeit eures nationalen Programms glauben? ..." In der Je- Die Renaissance des palästinensischen Judentums rusaiemer Zeitung orthodoxer Richtung „Chabazeleth", die auch unter den von der Chaluka Unterstützten ziemlich verbreitet ist, erschien ein Aufsatz, der als eine Widerspiegelung des Zeitgeistes anzusehen ist, als ein wertvoller Beleg für den kulturellen Einfluß, den der neueste Zufluß von frischen Kräften und frischem Tätigkeitsdrang auch auf den abgeschlossenen und vielfach passiv-lethargischen Kreis der orthodoxen Judenheit Palästinas ausgeübt hat. Einige Stellen aus diesem Artikel seien im nachfolgenden wiedergegeben: „In unserm Heiligen Lande eröffneten sich in der letzten Zeit neue Lebensquelien. Täglich hören wir von neuen Unternehmungen, Projekten, Vereinen, Organisationen, die alle dem einen Zweck zustreben: Industrie und Handel zu beleben. Fast alle sind heute zu der Überzeugung gelangt, daß nicht durch Agrikultur allein das Land wieder aufzurichten sei, daß vielmehr zu gleicher Zeit auch die Entwicklung von industriellen Unternehmungen sehr energisch betrieben werden müsse. Indem wir aber all diese erfreulichen Erscheinungen wahrnehmen, müssen wir auch die für uns beschämende Tatsache konstatieren, daß all diese Unternehmungen von den ausländischen Juden ausgehen, während wir, die eingeborene jüdische Bevölkerung, und besonders die von Jerusalem, nach wie vor die Hände in den Schoß legen und eine Hilfe von außen erwarten. Und da erhebt sich vor uns die Frage: Warum sollen nicht auch wir endlich die Verbesserung unseres Schicksales in die Hände nehmen? Bis zu welchem Zeitpunkt werden wir uns in allem auf andere verlassen? Haben denn unsere Feinde wirklich recht, wenn sie sagen, daß die Jerusalemer Juden hoffnungslos demoralisiert und zu keiner produktiven Arbeit befähigt sind? Wohlan denn, Brüder, wachet auf! Denken wir endlich an unsere Rehabilitierung! Es ist die Zeit gekommen, wo auch wir uns organisieren müssen, um an dem Aufblühen von Handel und Wandel in unserer Stadt aktiv mitzuwirken. Vereinigen wir uns, und wir werden das, was ein einziger zu vollbringen nicht imstande ist, mit gemeinsamen Kräften ausführen können. Wieviele Zweige von Handel und Industrie könnten wir selbst, ohne fremde Hülfe, entwickeln! Wie viele Gebrauchsgegenstände könnte man bei uns in solcher Menge produzieren, daß nicht nur unser eigener Bedarf gedeckt würde, sondern da(3 wir sie auch zu einem Exportartikel machen könnten? Hunderte von Arbeitslosen könnten wir auf diese Weise beschäftigen und ebensoviele junge Kräfte, die keinen Verdienst hier finden und die in fremden Ländern sich herumzutreiben gezwungen sind, im Lande festhalten. Werfen wir also, Brüder, unsere ewige Passivität und Niedergedrückheit von uns! Die Zeit der Tat und Selbsthilfe ist gekommen! ..." bringt unser russisches Uber die Lage der Juden in Finnland Bruder51att „Rasswet" (früher Jewrejski Narod-Jewrejskaja Schisn) einen sehr informativen Aufsatz, dem wir folgendes entnehmen: Finnland, das die freiheitlichste und demokratischste Konstitution von ganz Europa erhalten hat, bereitet sich zu den Wahlen für den neuen Landtag vor. Mit diesem neuen Landtag sind auch die Hoffnungen der finnländischen Juden auf eine bessere Zukunft innig verknüpft. Bekanntlich ist die Zahl der Juden in Finnland eine sehr geringe, und ihre Menschen- und Bürgerrechte sind auf das äußerste beschränkt. Nur ganz wenige Kategorien von Juden (Kinder „ausgedienter" Soldaten) durften in Finnland wohnen. Andere Juden, sogar solche, die in Rußland überall Wohnrecht besitzen, durften nach Finnland nicht einmal zeitweilig kommen. Im Jahre 1889 stellte der Kaiserlich Finnländische Senat folgendes Statut betreffs der Juden fest: „Die Juden dürfen nur in den Städten Helsingfors, Wiborg und Abo wohnen, und es ist ihnen erlaubt, hier Handel mit altem Zeug, Kleidern etc. zu treiben". Damit waren alle ihre bürgerlichen und politischen Rechte erschöpft. Die Juden waren zudem verpflichtet, jedes halbe Jahr einen Paß zu nehmen, während das Paßsystem für die Finnländer selbst längst abgetan war. Dieser traurige, geradezu menschenunwürdige Zustand dauerte bis zur friedlichen Revolution vom Jahre 1905. Erst im Jahre 1906 begann im Lande unter der Leitung eines zionistischen Studenten Santeri Jakobsen, eine Agitation zugunsten der Gleichberechtigung der Juden. In allen größeren Städten Finnlands wurden zahlreiche Volksversammlungen veranstaltet, in denen, nach einer ausführlichen Besprechung der Judenfrage, Resolutionen zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung angenommen wurden. Die Juden wendeten sich sodann an den Senat mit einer Reihe von Petitionen, worin sie für die Verbesserung ihrer Lage eintraten. Der Senat be-

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