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Die Welt · 1907-03-15 · 11 (15.3.1907) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE LT No. 11 Synagogen, deren eine unter der Erde, und eine Talmud-Thora- Schule, in der die Kinder fast nichts lernen. Der einzige des Hebräischen kundige Mann ist hier der Chacham Baschi der troglodytischen Judenschaft, Rabbi Kalifa Hadschai. Gleich den Rabbinern des Mittelalters und einer Reihe von Vorfahren übt der Chacham die ärztliche Kunst aus. Kalifa ist ein schöner Mann, der ausgezeichnet hebräisch spricht. Er gab mir eine handschriftliche Sammlung von „Pilitim", von denen er. einen Teil selbst verfaßt hat. Er ist der wahrhafte Sproß des jüdischarabischen Mittelalters. Die wirtschaftliche Lage der Juden im Troglodytengebiet ist überaus unsicher. Die ganze Existenz der Juden hängt von dem guten Willen der arabischen Kundschaft ab. Die Bezahlung der Schmiede und andern Handwerker besteht in dem geldarmen Lande fast ausschließlich in Naturalien: so und so viel Maß Gerste, Feigen oder Oliven, nach dem Ausfall der Ernte. Selbst Ackerbauer, sieht der Jude, ohne Einspruch zu wagen, wie die arabischen Nachbarn sich der Erstlinge seiner Olivenbäume, des Ertrages seiner Äcker bemächtigen, die in der weiten Ausdehnung der muselmanischen Felder sich verlieren. Ein unternehmender Hausierer, der bis nach Fezzan vordringt, ist er allen Nachstellungen und Demütigungen ausgesetzt, die die Phantasie des muselmanischen Mittelalters hat ersinnen können. ' Als türkischer Untertan hat er die Wehrsteuer selbst da zu entrichten, wo die Muselmanen Militärdienste nicht zu leisten brauchen, und von den Vorteilen der ottomanischen Justiz und der ottomanischen Gesetze hat er keine Nutznießung. Eine freundschaftliche Intervention bei den aufgeklärten Behörden von Tripolis, um den Juden eine gerechtere Verteilung der Steuern und des Landbesitzes zu sichern, der im Innern niedrigen Preis hat, würde die wirtschaftliche Lage dieser arbeitsamen Bevölkerung wesentlich bessern, die abermals beweist, bis zu welchem Grade unsere Rasse sich jeder Umgebung und jeder sozialen Lage anzupassen vermag. Was die moralische Lage betrifft, so würde genügen, einen guten Hebräisch-Lehrer zu schicken, der hinreichend zivilisiert ist, um sich mit den Behörden ins Vernehmen setzen zu können. Schon dadurch würde die gesellschaftliche Stellung der Juden im Troglodytenlande sehr gehoben werden. Eine Tagesreise trennt Djebel Gharian von Djebel Iffron. Dieses zählt noch drei jüdische Dörfer: El Ksir, El Meanien und Dissir mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 2000 Seelen. Wenn die Juden der erstgenannten Provinz Höhlen bewohnen, so suchen die der anderen Provinz auf Bergabhängen Schutz, wo ihre Wohnungen an die versteckten und schwer zugänglichen Dörfer der Berber erinnern. Diese interessante jüdische Bevölkerung hat ihre Sitten und Überlieferungen und sogar eine seltsame Art hebräischen Dialekts bewahrt. Die letzten Überlebenden einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, deren zahllosen Spuren man durch das ganze weite Gebiet des Djebel Nefussi begegnet, stellen die Juden von Iffron einen der schönsten, stattlichsten Menschentypen dar, die zu sehen mir je vergönnt gewesen. Die Frauen besonders, in eine Art gefältelten bunten Tuchs gekleidet, fallen durch die Weiße der Haut, die Schlankheit des Wuchses, die Regelmäßigkeit der Züge auf. Ihre soziale Lage gleicht fast der der Männer. Wenn die Frau, gleich der Tochter des alten Judäa, Leinen und Gürtel webt, Korn mahlt, so hat sie datür auch das Recht, an der Seite des Mannes zu speisen und sich in die Gesellschaft der Männer zu mischen. Die Ehen werden in der Nähe der Brunnen geschlossen, dort wo die jungen Mädchen Wasser schöpfen. Ich habe manche anmutige Rebekka von Djebel gesehen, dicht am Brunnen, von den jungen Burschen des Dorfes umgeben. Die Gewerbe unserer Glaubensgenossen hier sind ungefähr die nämlichen wie bei den Juden von Gharian. Nach Ansicht der türkischen Behörden sind in dieser Gegend, die durch die ausnehmende Faulheit ihrer Bewohner ruiniert worden, die Juden, das einzige arbeitsame, schaffende Element, allein imstande, sogar die benachbarten Muselmanen zur Arbeit anzuregen. Das gilt bis an das äußerste Ende von Djebel Nefussi, wohin immer die jüdischen Kaufleute, die Schnapsfabrikanten (deren beste Kunden die Juden selbst sind) und Schmuckhändler dringen. Die Beziehungen zwischen Juden und Berbern sind besser als die zwischen Juden und Arabern. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Juden als Sklaven betrachtet. Die Türkei beseitigte diese erniedrigende Einrichtung, hat aber noch nicht Zeit gehabt, die moralischen Erniedrigungen zu unterdrücken, denen die Juden von Seiten ihrer arabischen Nachbarn ausgesetzt sind. Ein Beispiel von hundert: Der Bezirksrabbiner macht eine Reise nach Nalut. Eingeborene zwingen ihn, von seinem Maultier abzusteigen, weil ein Jude in Gegenwart von Muselmanen nicht auf einem Sattel sitzen darf. Wollte der Rabbiner wagen, sich zu beklagen, so wäre er in Gefahr, alle Seinigen von den Arabern umgebracht zu sehen. Die verehrtesten Heiligtümer, die ältesten Friedhöfe, werden von den Muselmanen entweiht; auf dem Felde nehmen die Araber ohne Bedenken den Ernteertrag ihrer jüdischen Nachbarn in Anspruch. Die oberen Behörden haben guten Willen, aber die Einzelheiten entgehen ihnen. Djebel Iffron, ehemals Sitz gelehrtester Rabbiner, ist gänzlich in Verfall. Ein Vertreter der Alliance könnte das materielle und soziale Niveau dieser interessanten jüdischen Gruppe heben. Indem ich den Spuren der alten jüdischen Einrichtungen folgte, kam ich nach Djebel Nefussa. Alte Synagogen, Friedhöfe, die in die entferntesten Zeiten zurückreichen, halbzerstörte jüdische Städte zeugen von dem überwiegenden Einfluß, den der Judaismus auf dieses bisher den Europäern unbekannte Gebiet ausgeübt hat. In den letzten Jahren haben die Türken Djebel vollständig pazifiziert, und unsere Glaubensgenossen fangen an, sich von neuem in den Ortschaften niederzulassen, aus denen ihre Vorfahren haben weichen müssen. Vor allem aber täte eine Intervention bei den türkischen Behörden dahin not, daß den Abkömmlingen der vormaligen eingeborenen Juden alle Heiligtümer und Friedhöfe, die heute noch vorhanden sind und von den örtlichen Traditionen und von den Eingeborenen selbst als solche an mehr als 50 Stellen bezeichnet werden, zurückgegeben werden. Nach dreitägigem Wüstenmarsch verweilte ich in der Küstenstadt Zauia, die etwa 800 unserer Glaubensgenossen einschließt. Ihre soziale Lage läßt zu wünschen übrig. Die fanatische Bevölkerung der Oase erspart den jüdischen Nachbarn keine Bedrückung. Bei meiner Rückkehr nach Tripolis hatte ich zweimal Gelegenheit, den oberen Behörden zu schildern, wie ich die Juden der Oase gefunden habe. Ich freue mich, daß ich bei den leitenden Männern die freundlichsten Absichten hinsichtlich unserer Glaubensgenossen gefunden habe. Man hat mir die Versicherung gegeben, daß ein Rundschreiben an die Ortsbehörden ergehen wird, daß sie die Eingeborenen an Rechtsverletzungen gegenüber den Juden hindern sollen. Unter allen Umständen erwarten die Aufsichtsbehörden, daß dienahe bevorstehende Einrichtung von Katasterämtern den Besitzungen und den Ernteerzeugnissen der Juden im Innern des Landes wirksameren Schutz verschaffen wird. Aus dem Sozialdemokratische Theorie und Praxis in Osterreich Wahlaufruf des Exekutivkomitees der polnischen sozialdemokratischen Partei in Österreich zitiert der poalei-zionistische „Jüdische Arbeiter" (Krakau) in seiner Nummer vom 1. d. M. einige höchst charakteristische Proben, die die Stellung der Partei zur Nationalitätenfrage betreffen und wieder einmal den klaffenden Gegensatz offenbaren zwischen dem schönen theoretischen Bekenntnis der Sozialdemokratie und ihrem merkwürdigen praktischen und taktischen Verhalten gegenüber der Judenfrage. Auf der einen Seite — der theoretischprogrammatischen — ein mannhafter und durchaus folgerichtiger demokratischer Radikalismus, auf der anderen Seite, wo es sich um die spezielle Anwendung der freiheitlich-demokratischen Grundsätze auch auf das jüdische Problem handelt, die wunderlichste Befangenheit und Inkonsequenz, ja eine totale Mißachtung und Preisgabe der primitivsten Satzungen aller Freiheit und Gerechtigkeit. Es heißt in dem erwähnten Wahlaufrufe mit Beziehung auf die österreichische Nationalitätenfrage folgendermaßen: „ Die n ationale Frage mußiniGeistevollko mm en erSelbstbestimmung einer jeden Nation gelöst werden. Die Völker müssen die höchste Majestät der Unabhängigkeit erlangen, sie müssen das Recht haben, alle ihre kulturellen und politischen Bestrebungen zu befriedigen, sie müssen in der Fülle ihrer Kraft leben können ohne Gnadenbezeigungen von irgend welcher Seite, ohne Unterdrückung oder Bevormundung. Wenn Österreich sich neu konstituieren will, muß es die Nationen anerkennen, ihnen eine vollkommene Autonomie gewähren und sich auf sie als einen Bund freier und gleicher Völkerschaften stützen . . . Schutz der nationalen Minderheiten, —das ist das Objekt der nächsten Kämpfe im Parlament. Diese Maßnahme kann bloß auf dem Wege der friedlichen Vereinbarung zwischen den

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