Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 11 DIETOELT il Im MoVgengrauen fand er sich auf einer bekannten Landstraße wenige Meilen von Lublin. Er fühlte plötzlich eine Kälte in allen Gliedern, und ein lähmendes Entsetzen kroch ihm in die Seele. Er tastete mit der Hand nach dem knisternden Blatt in seiner Tasche, und die Hand schmerzte, als hätte sie Feuer berührt Es war ihm nun, wenn er des Mädchens gedachte, das sein werden sollte, als stehle er seines Freundes einstige Braut, und die seltsame Ähnlichkeit wurde ihm zum peinigenden Schrecken. Als er die Stadt betrat, begegneten ihm die Juden, die zum Morgengebet gingen. Er senkte die Stirn vor Scheu wie ein Gezeichneter und eilte nach Hause. Sogleich trat er in die Stube des Rabbis, der sich eben vom Gebet erhob und das Auge auf ihm ruhen ließ. Unter diesem Blicke gewann der Schüler Besinnung und Mut und sprach zu dem Lehrer von allem, was ihm begegnet war, holte den Ehevertrag aus der Tasche und legte ihn vor dem Heiligen nieder. Der sah das Schreiben an und sprach: „Wirf dich zur Erde und harre aus im Gebet! Es tut not, daß ich die Brauteltern mit der Braut rufe, auf daß sie bald hier erscheinen." „Meister", erwiderte der Schüler, „wenn du auch gleich Boten sendest, und wenn sie sich augenblicklich auf den Weg machen, so können sie vor morgen bei Tagesanbruch nicht hier sein." „Da sei unbekümmert", sprach der Rabbi, „raffe deine Seele zusammen und bete ohne Unterlaß!" Und sogleich warf auch er sich zur Erde und tat ein starkes Gebet zum Himmel. Es währte wohl eine Stunde, daß die beiden so lagen und beteten. Da sprang die Tür zu des Rabbis Gemach auf, und vor der Schwelle standen die drei, Brauteltern und Brant, und konnten sie nicht überschreiten. Sie waren anzusehen wie Gestorbene mit gebrochenem Blick, ein fahler, grünlicher Schein ging von ihren Gesichtern aus, und sie hoben die Arme flehend gen oben. Es stand der Rabbi auf und rief mit gewaltiger Stimme dreimal den heiligen Namen über die Dämonen. Da zerflossen die Gestalten und schwanden in der Luft. Der Meister befahl dem Jüngling, er möge den Vertrag zerreißen, und der tat es, und die Stücke des Blattes zerfielen in Staub. Da erklang ein zitterndes Seufzen der Erlösung durch das Zimmer. Der Rabbi aber und sein Schüler sanken nieder und sprachen ein Dankgebet. 2i □ □ r% REVUE DER PRESSE □ □ Die Juden in Tripolis Ober jüdische Höhlen- und Bergbewohner sowie über die jüdische Bevölkerung einer Oase in Tripolis macht Nachum Slousch, Lehrer an der Pariser Sorbonne, in „Ost und West" eine Reihe überaus interessanter Mitteilungen. Er hatte im August 1906 eine dreiwöchige Reise in das tripolitanische Djebel unternommen und die dortigen jüdischen Niederlassungen besucht. Im nachfolgenden reproduzieren wir seine Reiseschilderung ihrem vollen Wortlaute nach: Nach zweitägigem Kamelritt gelangte ich in das gebirgige Gebiet der Höhlenbewohner von Gharian. Ein seltsamer Anblick, diese fruchtbaren Hügel und Täler, in denen, abgesehen von einigen Ruinen und Moscheen, sich keine Spur menschlicher Wohnungen über den Erdboden erhebt, .wo die Toten über der Erde liegen, die Lebenden in Höhlen sich aufhalten, die das Auge kaum zu entdecken vermag! Gharian, von Troglodyten * bewohnt, hat eine große Zahl muselnianischer Dörfer, wenn man diesen Namen den nackten Anhöhen von roter Erde geben kann, bei denen nichts auf die Anwesenheit menschlicher Wesen deutet. Von Zeit zu Zeit entdeckt^ das geübte Auge zwischen Oliven- und Feigenbäumen, zur Seite einer Moschee oder neben Ruinen am Abhang eines Hügels Löcher, die durch ihre Gestalt meist an Kellertüren erinnern. Eine kleine hölzerne Pforte öffnet sich vor dem Reisenden, und er ist in einer Art dunkler Galerie, die abwärts führt und die man erst durch Gewöhnung ungefährdet durchschreiten lernt. In einem Abstand von etwa 15 bis 20 Meter stößt man auf einen Hof, der durch von oben einfallende Lichtstrahlen schwach erhellt ist. Dieser Raum geht dem Zentraihof vorauf und dient zuweilen den israelitischen Schmieden als Werkstatt. Man steigt immer weiter hinab und gelangt auf einen viereckigen unterirdischen Hof, der vergleichsweise hell ist, weil durch ein Stück Himmel, das man durch einen Ausschnitt von 10 bis 12 Meter Durchmessersehen kann, Licht einströmt. DieserHof, einförmlicher Abgrund, ist der Zentralsitz, zugleich Küche und Fabrik. Die einzelnen Gemächer sind in Umfassungsmauern gegrabene Aushöhlungen, die ihr Licht vom Hof aus erhalten. Man erstickt dort gerade nicht, aber der Reisende fühlt sich unbehaglich, während die Eingeborenen der Meinung sind, daß das unterirdische Leben naturgemäß und sogar bequem sei. Die Synagoge des Dorfes Beni-Abbas ist gleichfalls unterirdisch angelegt, doch ist der Zugang offen und leicht, das Dach überragt sogar um etwas den Erdboden. In Tigrena hat man eben einen Synagogenbau beendet, der sich ganz über die Erde erhebt. So habe ich zwei vollständig jüdische Dörfer und zwei unterirdische Niederlassungsgruppen unserer Glaubensgenossen gefunden. Das eine Dorf, unter den Namen Yehud-Abbas bekannt, liegt der Wüste, die nach Tripolis führt, am nächsten. Das Dorf zählt in sechs unterirdischen Höfen 240 Einwohner und hat eine Synagoge, deren Dach kaum über den Erdboden ragt. Die Bewohner sind die letzten Überlebenden einer vormals zahlreichen, durch Pest aufgeriebenen Bevölkerung. Männer und Frauen stellen einen schönen Typ dar, den die Höhlenluft nicht verderbt hat. In den Höhlen arbeiten alle Juden. In der Jahreszeit, die der Feldarbeit vorausgeht, sind sie Schmiede, dann sind sie Feldarbeiter und während der Brachzeit wandernde Kaufleute, die das ganze Land durchziehen. Viele von ihnen fabrizieren einen Dattelschnaps, die Frauen weben für die Eingeborenen, arbeiten in den Feldern und an den Fruchtbäumen. Manche Juden von Gharian beschäftigen sich überdies mit der Fabrikation von Holzschuhen. Bei der allgemeinen Unwissenheit hat man nur wenige örtliche Überlieferungen bewahrt. Die Schochtim und die Talrnud- Thora-Lehrer sind von tiefer Unbildung. In der Talmud-Thora von Beni-Abbas sind 16 Schüler, in der von Tigrena 40. Bemerkenswert ist, daß man in der Synagoge „Piutim" singt, die anderwärts unbekannt sind und deren Verfasser aus dem Troglodytenlande stammen. Als Nahrung dienen den Höhlenbewohnern Gerstenbrot, Feigen und Datteln. Aus diesen bereiten sie einen Schnaps, dem sie auch selbst nur allzusehr zusprechen. Ihre Lieblingsspeise ist ein aus Gerste und Öl hergestelltes Gemisch, das sie mit den Fingern, ohne Gabel oder Löffel, zum Munde führen. Fast jeder Jude hat einen Esel, den am Sabbat die Araber ohne weiteres in Anspruch nehmen, indem sie sagen: „Wenn der Jude einen Tag verliert, so ist das kein Grund, daß das Vieh dasselbe tut". Solche Ungeniertheit findet man nicht bloß bei den Troglodyten. Die überaus fanatischen und faulen arabischen Nachbarn ersparen dieser fleißigen, arbeitsamen Bevölkerung auch sonst nicht Schädigungen aller Art. Die Synagoge, ein altes und verehrtes Heiligtum, wäre beinahe unter dem Vorwand zerstört worden, daß sie einer Moschee zu nahe stehe. Erst der urkundliche Nachweis, daß die Synagoge 500 Jahre vor der Moschee gebaut worden, gab dem türkischen Verwaltungschef die Möglichkeit, die Synagoge zu erhalten. Den größten Kummer bereiteten die Araber dadurch, daß sie. den Friedhof beackerten, auf dem die irdischen Reste einer langen Ahnenreihe der Israeliten ruhen. Drei und eine halbe Stunde von Beni Abbas liegt malerisch das Dorf Tigrena, das in etwa 20 Höhlen 650 jüdische Einwohner hat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind hier wie dort die nämlichen, aber die Beziehungen zu den Eingeborenen scheinen mir in Tigrena erträglicher. Das Dorf hat zwei