Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DIE ELT No. 11 mit einer lebendigen Seele, von der er träumte, daß sie wie blühend weißes, duftendes Wachs in seiner Hand gewesen wäre, begehrenswert. * Im Hause des heiligen Rabbi erachtete man ihn für einen Kranken an der Seele und erwies ihm alle zarte Güte und Schonung. In seiner Kammer über dem Werke der Erkenntnis war er nimmer zu finden, vielmehr trieb ihn die Unrast im Gemüte umherzustreifen, und man konnte ihn nunmehr häufig vor der Stadt auf abseitigen Wegen irrend antreffen. Es war ihm oft, als wachse der dunkle Hang so gar ins Unermeßliche, daß der begrenzte Raum des Hauses ihn zu beengen schien; auch mochte er draußen im Schreine durch Wildnis und Gestrüpp, die unlieblich die Stadt umfingen, leichter den wirren Gängen seiner Seele folgen. Eines Abends, als er auf dem Heimwege sich zur Stadt kehrte, gramvoll müde, da sein Geist sich wiederum mit düsterem Beharren an das Geschick des Freundes geheftet hatte, gesellte ein fremder Jude sich wandernd ihm zu. Bei seinem Anblick fuhr der Schüler zusammen, denn der Mann war mit einem Male neben ihm gegangen, aufgestiegen wie aus einem der grauen Wiesennebel, die rings über die Felder wallten. Kein Laut hatte sein Kommen gemeldet. Der Fremde aber grüßte zutraulich, und so ließ der Schüler sich ein Gespräch gefallen, zudem der Wanderer sich als ein Chassid zu erkennen gab, der mit jüdischen Leuten und deren Leben in der Stadt Lublin wohlbekannt schien. Er tat auch gleich nach dem heiligen Rabbi ehrerbietige Nachfrage, wie es um sein Haus und um sein Wirken bestellt sei, und welche Schüler wohl bei ihm zu finden seien. Da machte ihm der Jüngling denn zu wissen, daß er selbst einer sei aus der Schaar, die die Weisheit des Meisters nach Lublin gezogen habe. Als er dieses vernommen hatte, tat der Unbekannte recht von Herzen erfreut und meldete dem Schüler, er sei eben dazu hergezogen, um unter den jungen Leuten im Hause des Rabbis Nachschau zu halten. Denn in einer kleinen Stadt, gar nicht allzuweit vom Ort, habe ein reicher und sehr wohlgerühmter jüdischer Mann ihn abgesandt, hier in Lublin für ihn einen Eidam zu suchen, dem er die einziggeliebte wunderschöne Tochter geben möchte. Und nun, vermeinte der Fremde, habe er den richtigen Mann sogleich gefunden, noch ehe er die Stadt betreten. Und er lud den Schüler mit viel freundlichen Worten ein, schon morgen ihm in des Juden Haus zu folgen, wo sie alles wohl zu bereden und zu ordnen vermöchten. Indem der Schüler all dies hörte, war es ihm, als sei es gut, so zu tun; vielleicht fände er der kranken Seele Heilung, wenn er das Gesetz erfüllte und ein Weib nähme, und vielleicht ließe alles so glücklich sich an, daß er keinen mehr zu beneiden hätte. So sprach er „Ja", und sie beschlossen, daß sie früh am Tage mit der aufkeimenden Helle am Ende der Stadt sich finden und den Gang zum Hause des Brautvaters tun wollten. Dann schieden sie als gute Freunde. Der Schüler ging in seine Kammer und harrte die Nacht über ohne Schlaf aus. Wohl versuchte er seine Seele betend zu bereiten, aber es gelang ihm nicht, .sie zu sammeln. Als die Nacht zur ersten Morgenstunde erblich, verließ er des Rabbis Haus, in dem alles noch schlief, ohne Urlaub zu nehmen, und ging im Dämrner durch-die Gassen zu dem Ende, wo er den Fremden fand. Sie wanderten in die frühe Stunde hinaus, den Weg, auf dem sie einander gestern begegnet waren. Allein bald hörte für den Schüler das bekannte Land auf. Sie gerieten in eine waldige Wirrnis. Der Weg wurde so eng, daß die Sträucher rechts und links über ihm zusammenschlugen, der Boden schien unbetreten, Moos, Gras und Blüten bedeckten den Pfad. Sie schritten stundenlang, ohne daß irgend etwas sich um sie änderte. Der Führer glitt schattengleich vor dem Jüngling einher; ohne zu ruhen, schien er niemals müde zu werden. Zuweilen wandte er sein Gesicht, und dann empfand der Schüler stets ein leises, fremdes Grauen, denn das Antlitz war immer gleichsam ein anderes und dennoch dasselbe* Es war in dem Walde völlig still, keines Tieres Schrei, kein Vogelruf, selbst die überhängenden Zweige bogen sich ohne Laut zur Seite. Mit schier klanglosem Munde sagte der Führer selten ein aufmunterndes Wort. Der Jüngling aber war so sehr in seinen Gedanken befangen, daß er der seltsamen Umstände wenig achtete. Ohne Rast und Labung gingen sie weiter. Ein schwach geröteter Abendschein leuchtete schon durch die lichter stehenden Stämme, und bald verließen sie den Wald. Sie standen in einer bläßlichen Landschaft, über der auf silbrig-hellblauem Himmel der Mond verschleiert hing. Vor ihnen schien weißer Nebel ein Stadtbild zu bergen. Da faßte der Schüler die kühle Hand des Gefährten und zog ihn vorwärts. Jetzt mußte die Stadt beginnen. Sie hielten vor einem großen, massigen Bau, dessen Umrisse ungewiß aus dem Nebel aufstiegen. Der Fremde blieb "an einer Pforte stehen, hob die Hand und ließ einen metallenen Klopfer gegen das Holz der Thür fallen. „Wo sind wir?" fragte der Schüler. „Am Ziel!" gab jener zurück. „Ist die Stunde nicht zu spät", meinte der Jüngling, „um in eines Juden ehrbares Haus zu treten?" — „Die Zeit ist gut", sprach der Führer. Die Tür hatte sich inzwischen geöffnet, aber da war keiner zu sehen, der sie aufgetan hatte. Sie schritten über lange, wirr gewundene Gänge. Dann hob der Führer einen Vorhang. Sie traten in ein großes Gemach. Der Schüler gewahrte zum ersten nur einen Schimmer von bräunlich verdunkeltem Golde und verblichenen Farben an den Wänden und sah Wölkchen eines Räucherwerks die Luft beschweren. Dann klärten sich die Gegenstände. Alles war von einer ernsten erhabenen Pracht, alt und schier königlich von Ansehen: Er sah drei Gestalten sich lösen aus dem herben Dunst, der, aus einem bronzenen Becken aufsteigend, den Raum erfüllte. Mann und Weib, beide grauhaarig und schon ein wenig gebeugt, mit schweren kostbaren Gewändern angetan, redeten ihn mit Namen und Gruß an und wiesen ihm die Tochter, die er zum Weibe nehmen sollte. Sie hatte ganz im Hintergrunde gesessen, von ihm bisher nur schattenhaft gewahrt, und erhob sich nun, schlank und hoch. Mit sehr weißem Angesicht kam sie durch die duftende bläuliche Luft auf ihn zu, stand vor ihm und verneigte sich. Er sah, daß ihre Augen sehr dunkel waren, voller Wehmut und glitzerndem Hohn, und ihr Haar eine berauschende schwarze Woge. Ihr Anblick fiel wie der Blitz in sein Herz und erfüllte es mit einer ungekannten, taumelnden, stechenden Freude. Das Madchen hatte das Ansehen der Braut seines Freundes, die er begehrt hatte. Es hatte ihre Züge; nur schwankender, fremder, geheimnisreicher. Da blickte er auf die Alten: auch sie glichen dem Brautvater und der Brautmutter auf der Hochzeit seines Freundes; nur älter, bleicher schienen sie und trugen, wie die Tochter, fremdartige Kleider. Nun legten sie den Ehevertrag vor ihn auf einen Tisch. Das Schriftstück war geschrieben mit bläßlich-rothen Lettern auf einem starken gelblichen Blatte, und es ermangelte nichts als sein Name. Der Vater öffnete eine schwere Truhe und zeigte ihm den goldfunkelnden Brautschatz. Da verneigte sich der Jüngling und sprach, er wolle gehen und seinen heiligen Lehrer herführen, damit der ihm Zeuge sei zu seiner Vermählung, und hochzeitliche Gewänder antun und wiederkommen und die Braut empfangen. Und wie er dies sagte — seine Stimme verzitterte seltsam in der Luft — schienen ihm die drei Gestalten zu erbleichen und zurückzuschwanken und es war, als ob selbst der Tisch vor ihm entweiche. Da streckte er angstvoll die Hand aus, um alles zu halten, fühlte das Blatt in seiner Hand, barg es rasch in seinem Rocke, neigte sich abermals wie im Traume und ging hinaus. Bald fand er sich im Walde, durch den er gekommen war, die Seele voll von einer wirren, betäubenden Wonne. Er ging die ganze Nacht, fast ohne sein Gehen zu verspüren; es war, als ob der Boden ihn vorwärts schöbe.