Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 - DIE 1 ist und sich nicht schämt — eine Sinnlichkeit, die sich ihrer zeugenden, gestaltenden Kraft bewußt ist Er ist nicht keusch, wie die meisten jüdischen Dichter. Auch nicht verschämt. Aber er breitet die Flügel einer neuen Welt über das Leben — und die Sünde hört auf Sünde zu sein — geläutert, erhöht. Er „bekennt": „Es ist wahr, blasses Mädchen, ich entweihte die Liebe! Als der klare Tag verdunkelt röchelte in seinem Blute Küßt ich heiß dich auf die Stirne — das. Geheimnis in den Augen — Und es kam die Sommernacht, schwarzes Feuer ihre Hülle Und im Chaos der Begierde, wo die Schatten bebten vor Lust, Hab' ich einen fremden Leib umfangen. Verzeih' mir, Blasse, deine Hand ist so sanft, Und so sanft auch dein Herz, verzeih' Sanfte Taube, du weißt doch, Körper bin ich und Seele, Gottes, die Seele -— Satans der Körper, Glaub' mir, sie beide dürsten Erlösung Beide im Weibe" . . . Erlösung durch das Weib! Beaudelaire könnte das gesagt haben. Ein Gedanke, der bis in die tiefen Urgründe des Lebens hinabsteigt, zu den „Müttern". Und dieser Gedanke ist mit Schnejer eelt 9 in den jüdischen Geist gedrungen. Ein neuer Faden ist eingeflochten worden. Eine ganze Reihe neuer, das jüdische Denken re. volutionierender Gedanken und Stimmungen hat der Dichter. Ein trotziges, zerstörendes Feuer ist seine Leidenschaft. Sie versengt die alte Welt, läßt eine neue aus der Asche erstehen. Schnejer hat auch an den Grundfesten des Judentums gerüttelt — er hat eine neue „Schöpfung" gedichtet, eine neue „Maasse Bereschith"! Wohlan denn! Haben wir neuen Juden nicht das Recht, das zu tun, was die alten tun durften, einen Kosmos auch zu dichten, „eine Welt zu schaffen nach unserer Gestalt"? Dürfen wir nicht eine neue Weltanschauung ausbauen, neu, wie die Zeit, und stark genug, um die Lebenskraft unseres Volkes zu sein? Können wir es, dann sind wir jung, dann haben wir noch Blut in den Adern, dann ist die Zukunft unser. Können wir es? Die jungen Dichter kommen in der Dämmerungsstunde vom Tale, steigen hinauf in die Berge, die Sonne zu sehen — die wiederkehrende, — und von der Ferne hören wir ihren bacchischen Gesang: Evoe! Und die Berge hallen wider von diesem Rufe — und bis ins Tal verpflanzt er sich — und bald hören ihn alle, alle. Evoe — die dionysische Freude hat sich dem jüdischen Geiste vermählt! — A. Cor. jj § f □□□□□□ FEUILLETON ^^<Ib°°°ö)I § | DIE NEIDGEBORENEN Eine chassidische Legende Von MARTIN BUBER In der Stadt Lublin lebten einst zwei Schüler, die einander sehr zugetan und befreundet waren. Sie gaben sich gemeinsam der heiligen Weisheit zu eigen, lebten zusammen im Hause des Rabbis von Lublin, teilten den Tisch und keiner mochte ohne den andern irgend etwas vornehmen. Der eine, der etwas jünger an Jahren war und es durch sein freies und heiteres Wesen noch mehr schien, hatte ein sehr wohlgefälliges Ansehen und wurde von allen Juden der Stadt recht geliebt. Das Lernen in den heiligen Büchern war ihm überaus leicht, und er hatte trotz seiner Jugend viel der großen Dinge in sich geborgen, freilich nicht zu tiefst erfaßt. Dies aber war ihm und auch allen kaum offenbar, die seinen Jugendreiz schauten und übermächtig fühlten, vielleicht nur seinem Freunde, der ihn jedoch darum nicht weniger liebte. Ja, er war ihm dadurch wohl noch teurer. Denn seine eigene Seele entbehrte der Helle und Leichtigkeit, und die Fülle dieser Eigenschaften erschien ihm am Gefährten gar bezaubernd. Er selbst hatte ein verschlossenes Antlitz und schien gar kühl von Gemüt, aber seine Seele war die Stätte eines dunklen Feuers, und er lebte in einer schrankenlosen Hingabe an das Mysterium der Lehre. Wohl wußte er weniger als der Freund, und auch dies Wenige trat ihm nur widerwillig auf die Zunge. Im Geheimen aber drang er in das Herz der Offenbarung ein, in großer Leidenschaft hing seine Seele an den Rätseln der Tiefe, und er hatte Stunden, in denen er dem Ewigen nahe, ja in ihm aufgelöst war. Die Freundschaft zu dem jüngeren Genossen pflegte er wie eine zarte, sehr liebliche Blume, mit der er — gleichsam dieses einzige Zugeständnis dem Irdischen gewährend — seine düstere Seele schmückte. Da fügte es sich, daß unter manchen anderen auch einer der bedeutendsten und angesehensten Juden der Stadt eine herzhafte Zuneigung zu dem jüngeren der Genossen gewann, ihn unter Zeichen der Geneigtheit in sein Haus zog und sich endlich den Wunsch nimmer versagen wollte, ihn zu seinem Eidam zu machen, indem er ihm die einzige Tochter vermählte, deren Wert an Schönheit und Seelenreiz in der ganzen Stadt bekannt war. Dem Schüler sagte es wohl zu, in eine reiche und vornehme Familie einzutreten und ein reizendes Mädchen zum Weibe zu gewinnen, und da sein Meister, der heilige Rabbi von Lublin, zu dem Bunde riet, kam das Verlöbnis zustande. Es war an dem Tage, an dem der Ehevertrag geschrieben werden sollte, da der ältere der beiden Freunde zugleich mit dem Rabbi von Lublin, um dem jungen Genossen an seinem Ehrentage das Geleit zu geben, in das Haus des Brautvaters kam, das er bisher nie besucht hatte. Während die schicklichen Gebräuche mit aller Würde und Feier, die die reiche Verwandtschaft für angemessen hielt, vollzogen wurden, sah der Freund des Bräutigams zum ersten Male die junge Braut. Sie war, wie sie im Munde der Welt lebte, von herzergreifender Schönheit und stand ganz wie traumgeboren da, während ihr Vater sie wie ein köstliches, aber lebloses Geschenk unbefragt dem fremden Manne gab. Da verstand der zweite Schüler, daß ihre Seele neu und in sich beschlossen noch in ihr ruhte und sich keinem Manne zuneigte, dem Bräutigam nicht und keinem andern. Er wußte wohl, daß der junge Freund sie besitzen und gewinnen würde, aber er fühlte noch sicherer, daß sie hätte sein werden können, wenn des Vaters Wahl auf ihn gefallen wäre, und daß er die noch Schlafende hätte glühender und inniger erwecken können. Und er fühlte, daß der Freund, dem wahren Leben fremd, doch nur ein bezaubernder Tor war, dessen Kinderseele mit der herrlichen Frucht, die ihm zufiel, nur zu spielen verstünde. Da erfüllte ihn der Verlust mit ätzendem Weh, und ein grimmiger, schmerzhafter Neid wurde in ihm geboren. Er verließ das Fest und mied den Freund und dessen neue Heimat von der Stunde an. Aber auch in der heiligen Weisheit fand er keine Ruhe, denn es war ihm, als sei ihr Wesen tot und einzig das Leben