Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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ÖIESaEELT No. Ii „IN DER DÄMMERUNGSSTUNDE" (S. SCHNEJER) Es ist die Dämmerungsstunde in der hebräischen Literatur. Es will beinahe scheinen, daß es zur Neige gehe. Eine Sprache, die Tausende von Jahren dem Geiste diente, die schon so oft zu den „toten" gerechnet war und doch ein eigenes, verborgenes Leben führte, scheint sich im modernen Leben nicht zurechtzufinden. Das moderne Leben, das rasche, drauflosgehende, fordert vom Menschen die Einheitlichkeit von Denken und Sprechen, von Literatur und Volkssprache. Und darum muß die hebräische Sprache vor den Bedürfnissen des Tages, vor der Sprache des Tages zurücktreten. Ich will kein Urteil über den historischen Wert dieser Tatsache fällen, ich stelle nur die Tatsache fest. Die hebräische Sprache hat eine Zukunft, aber nur in Palästina. Daß sie auch sonst im Judentum, in der Dias-pora sich lange halten könnte, erscheint mir zweifelhaft. Erst vor kurzem schien es, daß die hebräische Literatur ihre Auferstehung feiere. Es regte sich an allen Ecken und Enden. Zeitschriften wurden gegründet, Verlagsanstalten ins Leben gerufen, Talente aufgerüttelt.. . . Und nach dem Sturm lautlose Stille. So ist es auch, wenn ein heißer Sommertag sich zum Ende neigt. Es wird still und ruhig. Noch leuchtet der Tag hinein, und schon rückt der Abend heran. Tag und Nacht halten sich umfangen. Und in ihren Armen träumt die Dämmerung. Das ist die richtige Zeit für Träumer und Visionäre, für Dichter. Die Umrisse der Dinge werden verschwommen, die Wirklichkeit entfernt sich, wenn auch zaudernd. . . .In solchen Dämmerungszeiten erstehen Völkern Dichter und Seher. Und in der „Dämmerungsstunde" erstehen auch der hebräischen Sprache Dichter von Kraft und Können, Künstler des Wortes. Ganz neue, frische, moderne Menschen, jung und kraftstrotzend, — und sie hauchen ihren warmen Atem der hebräischen Sprache ein, und sie wird heiß und lebendig und feuerflüssig. Ich sage neue Menschen, die die Last des altjüdischen Lebens nicht mehr kannten, für die das Judentum eine Vision, eine Dichtung und keine Wahrheit mehr ist. Innerlich freie Menschen, durch kein Dogma gebunden, tragen sie einen neuen Geist in die alten Formen hinein, umschmiedend, neugießend. Bialik ist ein Dichter durch und durch, aber noch kein moderner Mensch. In ihm ist noch zu viel Altjüdisches, Traditionelles. Er ist kein neuer Typus, keine Jude der Zukunft. Und es kommt eine Generation von Juden, die ein neues Wort zu sagen haben, die der erstaunten Welt die unverwüstliche Schöpfungskraft des jüdischen Volkes zeigen werden. Wir hören schon die fernen Tritte der kommenden Juden. Und dieses ferne Ahnen hat sich den neuen jüdischen Dichtern mitgeteilt und vor allem einem, der unter den ganz Neuen den ersten Platz einnimmt: S. Schnejer. „Ein junger Samson, dem über Nacht die Locken wuchsen, ein junger Löwe, der die Zeichen des Genielandes trägt.. . Niemand sah ihn, als er wuchs, und auch sein Ringen sah kein Auge. Aus dem Walddickicht sprang er auf einmal einem entgegen, seine zappelnde Beute in den Zähnen und den Siegesblitz im Auge." ... So charakterisiert Bialik den jungen Dichter Schnejer. Es ist eine emphatische Schilderung, wie sie nur ein wohlwollender, bilderreicher Dichter geben kann. Aber Bialik hat recht Etwas Mutiges, Waghalsiges, Keck-Übermütiges ist in Schnejer. Er ist ein kraftvoller Schmied des Wortes und des Bildes, wie ihn die hebräische Literatur vielleicht noch nicht hatte. Es ist etwas Universelles in seiner Seele. Eine tiefe Quelle ist sie und gräbt sich ins Gestein hinein und schießt dann mächtig, schäumend empor. Er ist kein Lyriker, — er hat selten rein persönliche, subjektive Empfindungen. Seine Bilder sind auch darnach. Sie sind nicht unmittelbare, warme, geschaute, sie sind aus der Tiefe des Gemütes, wo das Ich und die Welt eins wird, geholt. Er hat kosmische Stimmungen, — und das ist der Unterschied zwischen ihm und den übrigen jüdischen Dichtern. Ich möchte keine Vergleiche ziehen, aber wenn wir z. B. Schnejer mit Bialik vergleichen, so finden wir, wie weit Schnejer, wie weit die neue ganz junge Generation von der unmittelbar ihr vorangehenden absteht. Bialik, der ein Bildner ersten Ranges ist, bleibt doch der Jude des beschränkten, umschriebenen Milieus, der „vier Ellen". Er kann sich vom alten Erbe nicht befreien. Sein Horizont geht deshalb bis zu einer gewissen Linie, — weiter hinaus sieht er nichts. Er hat nicht die Empfindung der zweiten Dimension. Das ist der Zug des Ghettojudentums, daß sie von allen Dimensionen nur .die dritte, die Höhe und Tiefe, kannten, nie die Breite, nie das Freie, Unbeschränkte, Weite, Ungebändigte. Und siehe da! Die neue Generation hat diese Empfindung. Ein Sehnen nach Freiheit, ein Recken und Strecken. — . . „Hängt die Sonne über die Häupter, hänget die Sonne!" — rief begeistert Bialik den freiheitsringenden Juden zu. Und die heißen Strahlen umfingen die jungen Köpfe, umlohten sie. . . Ja, — trotz allem Jammer der jüdischen Existenz, trotz allen unsäglichen Leiden der russischen Juden während der letzten Jahre, — geht durch das Volk ein Ahnen, das etwas Neues, Großes kommen müsse. Und diese Ahnung beflügelt, begeistert, wird zu Taten führen. „In der Dämmerungsstunde" heißt die Gedichtsammlung von Schnejer, die vor kurzem im Verlag „Tuschiah" erschien, („Im schkiath hachamo") und nicht ganz mit Recht. Es ist viel Dämmerung in diesen Gedichten, Schwermut und Resignation, traumverlorene Weichheit und seidene Fäden zarter Stimmungen — aber es sind nur Fäden, nicht das Gewebe, Züge, nicht das Ganze. Das Wesen dieser Poesie ist nicht hindämmernde Stimmung, sondern starke, stürmische Leidenschaft. Es ist mehr heiße Nachtstimmung in dieser Seele. Heiß brütet die Nacht — aber eine Welt formt sich unter ihrem Hauche. Dunkel und unergründlich ist sie — aber um so sicherer ist das Leben, das sie in ihrem Schöße birgt. „Tochter, du frägst mich, was ist das Geheimnis des Todes! Frag' mich doch lieber nach dem Geheimnis des Lebens! Mit Schrecken schaust du die Toten Und ich — die Gebornen. Und willst du einen leisen Hauch der Lösung hören, Umarm mich am Abend, im Wahnsinn der Schatten Erzähl' ich dir dann von einem Geschehnis, Das ich geträumt hab' oder erfunden oder in alten Rollen gelesen : Leben und Tod sind beide Satane, Sie schlössen einen Bund, mit den Zwergen zu spielen: „Geschöpfe will ich zeugen — und du wirst sie töten Und wir spielen das Spiel der Leichen und Geburten." Doch höre, Tochter, in fernen Zeiten, Dereinst wird ein Ekel die Riesen erfassen. Und sie werden die alten, bang zappelnden Puppen Zerschlagen, fliegend ins Unermeß'ne. Und fliegen ein neues Spiel zu suchen Voll wilder Lust, voll Größe und Grausen. Und noch lange, lange, nachdem sie verschwunden Wird aufwirbeln Staub auf der öden Erde." Leben und Tod — Werden und Vergehen, Mann und Weib, und vor allem die Zukunft, die in sich ungeahnte Mysterien birgt — das sind die Motive der Schnejerschen Dichtung. Es ist etwas Herbes an ihm. Herb in seiner Form, bitter in seinem Gehalt. Ein Dehmel der hebräischen Dichtung. Im Grunde nicht musikalisch — nichts von zerfließenden, schmelzenden Tönen, aber dafür volle, starke Akkorde. Es ist eine Leidenschaft, die sich ihrer selbst bewußt