Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11 habhaft werden. Die öffentliche Meinung hat es verhindert, daß Schweden ihn an Rußland auslieferte, und Tscherniak — starb während der Reise nach Antwerpen auf hoher See eines geheimnisvollen Todes. — Ein Unglück oder ein Verbrechen niedrigster Art? Wer weiß? Das Geheimnis wird vielleicht niemals ergründet werden. Genug: Jakob Tscherniak und sein tragisches Geschick sind in aller Munde. Seine Leiche und die Leichen seiner zufälligen Begleiter, die mit ihm starben, reden eine dumpfe Sprache, die von ganz Europa gehört wird. Und die Sprache wird verstanden: Es wird allgemein angenommen, daß Tscherniak ermordet wurde. — Wir haben einmal, in der Nähe, ein Stück Arbeit der russischen „schwarzen Bande" zu sehen bekommen. Jeder weiß, daß dieses Opfer nicht vereinzelt ist, daß sie zu Tausenden fallen, die Tapfersten, die Opfermutigsten des russischen Landes. . . . Jakob Tscherniak wird begraben. Alles ist erfüllt von Zorn und Empörung. Eine großartige Demonstration wird veranstaltet, und —......es werden noch viele begraben werden, es wird noch oft demonstriert werden, — und wo ist das Ende? Mindestens zwanzigtausend Menschen bildeten den Leichenzug« Die Sozialistenführer hatten die Arbeiter Antwerpens aufgefordert, am Montag nachmittag die Arbeit ruhen zu lassen, um Jakob Tscherniak das letzte Geleite zu geben. Die wohlorganisierten, disziplinierten Arbeiter folgten dem Rufe. Vom ganzen Lande, vom Auslande auch, waren Deputationen entsandt worden. Und die vielen Juden! Woher kamen sie nur alle? Gibt es wirklich in Antwerpen so viele oder waren sie zugeströmt, Gott weiß, woher? Ins Auge fallende Gestalten. So eigentümlich berührt war ich noch niemals durch jüdische Massen. Sie kamen mir vor wie ein fremdes, wildes Element. — Ein Erzeugnis der Schreckenszustände in Rußland. — Arme, zerlumpte, gebrochene, schmutzige, verwilderte, hagere Männer. Und die Frauen, — sie erschienen mir noch exotisch-wilder als die Männer. — Ich weiß nicht: Jeder für sich genommen, ist ein „Emigrant", wie wir ihn in dieser großen Hafenstadt täglich sehen, aber wie sie so zusammen sind, als große Masse erscheinen sie als eine trotzige, unbändige Kraft. Das Leben gilt ihnen nicht viel, und doch hegen sie ein mächtiges Sehnen nach höchster Lebensentfaltung, nach absoluter Freiheit. Eine elementare Macht wirkt in ihnen. Ich habe es begriffen, als ich in' ein Paar dieser brennenden, schwarzen Augen blickte, daß das alte, morsche Regime auf seinem Throne in Petersburg vor ihnen zittern mag. Ein flämischer Dockarbeiter reicht einem russischen Juden mit zerzaustem Bart eine Zigarette, der Jude unterhält sich mit ihm. Einer versteht nicht die Sprache des anderen, aber sie verstehen, daß sie beide in die durch die sozialen Verhältnisse geschaffene Rangordnung der Leidenden gehören, und wenn ihre Geschicke auch tatsächlich ganz verschieden sind —, steht doch der eine auf einem geistig unvergleichlich höheren Niveau, während der andere wirtschaftlich dem Juden gegenüber der Reiche ist, und haben doch beide so grundverschiedene Lebensanschauungen — heute beim Begräbnis des Revolutionärs, des Freiheitskämpfers, des Opfers der tyrannischen Macht russischer Gewalthaber, heute können ihre Empfindungen ineinander fließen, heute können sie Kameraden sein. —--Ich fragte einst Israel Zangwill, ob er die Juden liebe. — Unter Zionisteri — Zangwill war damals noch bei uns — war eine solche Frage verständlich. Leute, die offenherzig über das Judentum sprechen, brauchen keine Judenliebe zu heucheln. Der Judenhaß ist so verbreitet, sie wird so viel herumgetragen, die giftige Verleumdung, daß der Jude ein verworfenes Geschöpf ist, daß auch ein Jude mehr oder weniger etwas von dem Judenhaß empfinden kann. — Daß der Hasser immer nach seiner eigenen Meinung eine löbliche Ausnahme bildet und ein vollkommenes Geschöpf ist, ist 7 selbstverständlich. — Zangwill war auch über meine Frage garnicht verwundert und antwortete: „Well, individuell nicht, aber als Volk wohl, — sehr". Ich weiß nicht, wie Zangwill heute darüber denkt. Damals entsprach seine Antwort ganz meinen Gefühlen. Ich erinnere mich noch, welche Oberwindung es mich in den ersten Anfängen gekostet hat, in eine zionistische oder jüdische Versammlung zu gehen. — Der Kontakt mit Juden, die Gebrechen des Äußeren zeigten, oder mit Unzivilisierten, tat wir weh. Ich habe dies längst überwunden, und nichts hindert mich heute, den Juden zu lieben, und alles treibt mich dazu, mit jedem einzelnen zu fühlen. Neben mir stand in der Menge ein Jude, einer jener auf den ersten Blick unsympathischen, abstoßenden Gestalten, die sich des allgemeinen Hasses erfreuen. Ich sah ihm ins Auge, und es wurde mir warm ums Herz. Ja, dieses Gesicht, wo der Schmerz und der Todesschrecken ihre Male eingeprägt haben, ist das Antlitz eines wahrhaften Menschen, aus dessen sehnsuchtsvollem Herzen Flammen der Liebe in die Augen schießen. Und dieser häßliche Mensch ist erfüllt vom Verlangen nach Sonnenlicht, nach Wärme, er lechzt danach, Gerechtigkeit zu empfangen und zu geben. Dieser Tscherniak mag auch einen so weichen Blick geblickt haben. Er war — sagt man — ein guter Jude, mit Leib und Seele Jude. Wenn er Revolutionär geworden ist, so war es, weil er für menschliche Leiden ein fühlendes Herz, weil er einen unbändigen Drang nach Freiheit hatte.--- Ob all die Heldentaten russisch-jüdischer Revolutionäre dem jüdischen Volke zum Heil gereichen werden? Ich mußte angesichts dieses Trauerzuges daran denken: Wenn all diese revolutionäre Kraft konzentriert wäre und diese und all die Tausende freiheitsdurstiger Menschen für die Befreiung ihres, unseres Volkes ihre Heldentaten verübten, Seite an Seite mit unseren Scharen! Wenn das jüdische Volk erst die anderen Völker mitbefreien soll, um schließlich in einem kleinen Stück Schatten der Freiheit zu wohnen, wird es nicht zu lange dauern, wird es bis dahin nicht für unsere Nation selbst viel zu spät sein? .... Langsam setzt sich der Trauerzug in Bewegung. In Gruppen geordnet ziehen die Fach-Genossenschaften mit ihren roten Fahnen und die Musikkorps vorbei. Es folgt der Leichenwagen mit Trauerkränzen beladen, umgeben von russisch-jüdischen Arbeitern. Hinterher die Sozialistenführer, die Familie des Verstorbenen und eine Masse, eine große Masse Juden. Sie hatten sich unwillkürlich alle zusammengedrängt, um hart hinter dem Leichenwagen zu marschieren. — Die offiziellen Juden waren natürlich abwesend. Die jüdische High-life wollte sich nicht dem Verdachte aussetzen, daß sie mit einem Sozialisten, mit einem Revolutionär sympathisiere. Aber es waren viele Juden da, die es für ihre Ehrenpflicht hielten, dem offiziell Geächteten, dem jüdischen Bruder, die letzte Ehre zu erweisen. In der größtmöglichsten Ruhe und Ordnung zieht der Trauerzug daher, aber ein seltsam gedämpftes Getöse hebt sich über die Massen empor. Das Aufstampfen der unzähligen Füsse auf den schlammigen Boden und das Gemurmel der vielen Stimmen vereinigen sich zu einem eigentümlichen Brausen, zur dumpfen Melodie eines gewaltigen Protestes gegen die unmenschliche Handlungsweise der russischen Machthaber, gegen die herzlose Bedrückung der leidenden Massen. Düstergrau spannt sich der Himmel über das weite Feld. . . . Auf der jüdischen Abteilung des Friedhofs, wo Tscherniak bestattet wurde, v/urden viele und ergreifende Reden gehalten — im Namen des Proletariats, auch im Namen der Juden. Und bis spät in den Abend hinein verblieb die Menge auf dem Friedhofe, tiefbewegt von dem Gedanken die der Tod dieses jüdischen Freiheitskämpfers in ihnen aufweckte.---- Mordechai.