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Die Welt · 1907-03-15 · 11 (15.3.1907) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE3KEELT No. 1J existiert, schon seit langem eine Brut- und Pflegestätte im Lehrkörper und in der Studentenschaft dieser Lehranstalt hat. Die jüdischen Studenten der Columbia-Universität veranstalteten nämlich eines Tages Protestversammlungen, in denen sie lebhafte Klage darüber führten, daß sie sowohl seitens des Lehrkörpers wie seitens der Studentenschaft unbillig behandelt, zurückgesetzt und teilweise offen ausgeschlossen würden. Es waren schon einmal Gerüchte über antisemitische Strömungen innerhalb der Universität im Schwange. Damals wurde berichtet, daß L. E. Wise sein Amt als Vizepräsident niedergelegt habe, weil man ihm bedeutet habe, daß er als Jude für diesen Posten nicht geeignet sei, und daß bei einer anderen Gelegenheit ein jüdischer Lehrer benachrichtigt worden sei, daß seine Teilnahme bei einem gemeinsamen Festmahle der Lehrer der Anstalt nicht gewünscht werde. Das waren aber Kleinigkeiten, Klatsch, dem man nur geringen Wert beilegte. Jetzt aber traten die jüdischen Studenten selbst und in geschlossener Reihe auf den Plan und brachten die unwiderleglichen Beweise dafür, daß in die Universität ein ähnlicher Geist eingekehrt ist, wie er beispielsweise auf den deutschen Hochschulen zu herrschen pflegt, und sie ergriffen auch gleich die Abwehrmaßnahmen, zu denen die deutsch-jüdischen Studenten gegriffen haben, sie schlössen sich nämlich in jüdischen Verbindungen zusammen. Dieser Schritt wird den Studenten von vielen unserer Ju4en ebenso verdacht, wie man seinerzeit die jüdischen Studenten in Deutschland als Störenfriede verschrien hat, weil sie jüdische Verbindungen gründeten. Tatsächlich blieb aber den Studenten der Columbia-Universität ein anderer Schritt gar nicht übrig. Der älteste und angesehenste Klub der Universität, Philolexian, nimmt Juden satzungsgemäß nicht auf. Außerdem existieren noch zwej sogenannte Debattierklubs, deren Satzungen zwar die Aufnahme von Juden nicht untersagen, die aber nichtsdestoweniger — ganz wie die deutschen Verbindungen — Juden den Eintritt verwehren. „The Columbia Spectator", die eine der beiden von den Studenten herausgegebenen Zeitungen, schließt Juden von der Mitarbeiterschaft aus. Ebenso verhält es sich mit den Sportsvereinen; auch hier werden die Juden, die teilweise ganz hervorragende Fußballspieler und Ruderer sind, nur ganz ausnahmsweise zugelassen. Den Anlaß zu öffentlichen Protesten der Studenten gaben Vorfälle in dem größten Klub der Universität, dem University Club. Dieser Klub zählt fast 1000 Mitglieder. Schon bei der Beratung der Statuten wurden Stimmen laut, die entweder Juden gänzlich auszuschließen wünschten oder aber verlangten, daß Juden nur in einem gewissen Prozentsatze (8 oder 10 %) aufgenommen werden dürften. Als dann später die Aufnahmekommission die Aufnahme eines neuen Mitgliedes ablehnte, weil es Jude war, trat das einzige jüdische Mitglied der. Kommission aus. Dieser Herr brachte dann die Angelegenheit in einer öffentlichen Versammlung der jüdischen Studenten zur Sprache. Hierbei wurde auch Klage darüber geführt, daß die Stipendien der Universität Juden nicht in demselben Maße zugemessen würden als Nichtjuden und daß die Professoren bei der Empfehlung ihrer Schüler für frei werdende Lehrerstellen die Juden hinter den Nichtjuden zurücksetzten. Dieser letztere Vorwurf wurde übrigens von den Professoren mit der bezeichnenden Begründung zurückgewiesen, daß dies nicht an ihnen liege, die Schulen und das Publikum wünschten eben keine jüdischen Lehrer. Es herrscht daher eine ziemliche Aufregung an der Universität. Die jüdischen Studenten sind fest entschlossen, alle Schritte zu tun, um ihrer Zurücksetzung ein Ende zu machen. Bezeichnend für die hiesigen Zustände ist aber der Umstand, daß die jungen Leute von der jüdischen Presse durchaus nicht allzu sehr unterstützt werden. Angesehene Organe, wie der „Jewish Comment", werfen ihnen Übereilung vor und verlangen, daß sie ihre Klagen hätten den zuständigen jüdischen Stellen zur weiteren Veranlassung übergeben sollen. Man fürchtet offenbar, daß dieses entschlossene Vorgehen der Studenten auf Nichtjuden einen unangenehmen Eindruck machen möchte, und man hätte es lieber gesehen, daß diese leidige Angelegenheit in aller Stille erledigt worden wäre. Es soll und darf ja offiziell ein Antisemitismus in den Vereinigten Staaten nicht existieren, und nun macht das energische Verhalten der Columbia-Studenten diesen jüdischen Leisetreterpolitikern einen dicken Strich durch die Rechnung. * * * Der Zionismus setzt inzwischen seinen frohen Eroberungszug durch unser Land fort. Die Tournee Dr. Levins hat der zionistischen Bewegung hierzulande überaus großen Nutzen gebracht und hat die maßgebenden Kreise der Judenheit gezwungen, sich mit der zionistischen Frage ernster zu beschäftigen. Großes Aufsehen erregt ein offenes Schreiben des bekannten Gelehrten Dr. Margolis an den Vorsitzenden der Federation, in dem sich Herr Dr. Margolis offen zum Zionismus bekennt und seinen Standpunkt in sehr pointierter und gewandter Weise darlegt. Dr. Margolis galt bisher als einer der geistigen Führer des Reformjudentums in Amerika, um so mehr, als er mehrere geistreiche Werke über das Reformjudentum geschrieben hat. Die Herren der Reform sind natürlich sehr verschnupft über diesen Abfall eines ihrer Besten, sie werden aber nicht hindern können, daß das Beispiel des Dr. Margolis Schule machen wird. Einer der eifrigsten Gegner des Zionismus in Amerika ist Herr Dr. Kohler, der Leiter des Hebrew Union College in Cincinnati. An eben dieser, Schule unterrichten Dr. Margolis und unser bekannter Gesinnungsgenosse Dr. Schioessinger. Nun hat Dr. Kohler einen Befehl ergehen lassen, in dem er dem Lehrpersonal seiner Anstalt auf das strengste untersagt, vor den Schülern, d. h. vor jungen Leuten im Alter von 18 bis 20 Jahren, den Zionismus zu erwähnen. Angeblich sollen die beiden Herren Margolis und Schioessinger die Todsünde begangen haben, einzelnen ihrer Schüler, dfe sich dafür interessierten, die Ideen des Zionismus zu erläutern. Der Vorfall, der in der amerikanisch-jüdischen Presse sehr abfällig besprochen wird, ist jedenfalls bezeichnend für das System, mit dem das Assimilantentum arbeitet, und für die Waffen, mit denen diese Herren kämpfen. Die jungen Leute, angehende Lehrer und Rabbiner, sollen zwar in allen möglichen Dingen unterrichtet werden, die mit dem Judentum nur lose zusammenhängen; das lebendige Judentum von heute dürfen sie aber nicht kennen lernen, es sei denn in der rosenroten Brille der Assimilation. Und wenn etwa ein simpler Lehrer, und sei es auch ein Mann von Ruf wie Dr. Margolis, sich einer solchen Disziplin nicht fügen will, so möge er gehen. Ist er doch angestellt an einer liberalen Anstalt und unterrichtet unter einem Direktor, dessen zweites Wort „Lehrfreiheit" ist. Wir haben Grund zu der Annahme, daß Herr Dr. Kohler dem Zionismus mit dieser seiner jüngsten Leistung einen noch größeren Dienst erwiesen hat als mit seinen bisherigen Brandreden und Hetzartikeln. Spectator. JAKOB TSCHERNIAK Am 18. Februar ist Jakob Tscherniak in Antwerpen begraben worden. Ich war bei seinem Begräbnis. Wer ist Jakob Tscherniak? Was geht er uns an? War er ein Zionist? War er Jude? War er nicht ein Revolutionär oder vielleicht ein Anarchist? Die russische Regierung wollte durchaus des flüchtigen Tscherniak

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