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Die Welt · 1907-03-15 · 11 (15.3.1907) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. Ii " —— - DIE] der Jtfderi in Spanien im letzten Jahrhundert ihres dortigen Aufenthalts erblicken. Seit den schrecklichen Ereignissen des Jahres 1391 mußte es allen denkfähigen Menschen klargewesen sein, daß für die Juden in Spanien ein weiteres Verbleiben im Lande unmöglich war. Es hat auch an manchen warnenden Stimmen nicht gefehlt. Und doch blieben sie ein volles Jahrhundert weiter, bis die Katastrophe über sie hereinbrach. Und nicht nur das, wir haben zahlreiche Beispiele dafür, daß die Juden im Mittelalter, insbesondere in den letzten zwei Jahrhunderten, dorthin zurückzukehren pflegten, wo sie wenige Jahre zuvor in der grausamsten und schnödesten Weise verjagt worden waren. So vollzogen sich beispielsweise die wiederholten Vertreibungen der Juden aus Frankreich in der Regierungszeit Philipp des Schönen. Uns erscheint dies heutzutage nahezu unfaßbar, und doch ist die Psychologie davon in den Verhältnissen jener Zeit zu verstehen. Die Juden zogen von Land zu Land, wie wir bei einem Wohnungswechsel von Haus zu Haus ziehen, und sie nahmen keinen Anstoß daran, daß ihnen der Aufenthalt gewöhnlich nur für eine Reihe von Jahren bewilligt wurde, wie wir eben eine Wohnung auf eine bestimmte kurze Frist mieten. Ist uns die Wohnung unbequem, so tragen wir noch immer Bedenken, auszuziehen — es sei denn, daß uns die Wohnstätte gekündigt wird, und wir ausziehen müssen. In ein Land oder eine Stadt, welche die Juden unter den schmerzlichsten Umständen hatten verlassen müssen, pflegten sie, wenn sie nur die Erlaubnis dazu erhielten, recht gerne zurückzukehren, ebenso wie Menschen wieder solche Stätten aufsuchen, von denen sie durch ein heftiges Erdbeben verscheucht wurden. Das ist die Psychologie der jüdischen Wanderung, und voii einer Emigrationspolitik kann man ebensowenig sprechen, wie jemand eine solche darin finden kann, daß er von Zeit zu Zeit die Wohnung wechselt. Und nun zu den Kulturzentren, die das jüdische Volk nach Dubnows Meinung auf seiner unaufhörlichen Wanderung geschaffen hat. Ein solches jüdisches Zentrum glaubt er jetzt in Amerika im Entstehen begriffen zu sehen. Die Geschichte lehrt uns, daß alle jüdischen Zentren im Laufe der Zeit zerstört wurden, mochten sie unter noch so glücklichen Auspizien entstanden sein. Was ist geworden aus den jüdischen Zentren in Ägypten, Syrien, Babylonien, Spanien, Südfrankreich, Nordfrankreich, Nordafrika usw.? Als in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts die blutigen Verfolgungen gegen die Juden in Deutschland begangen, wandten sie ihren Blick nach Polen, wohin ein starker Emigrationsstrom deutscher Juden sich ergoß. Polen war damals für die deutschen Juden,-was Amerika heute für die russischen Juden ist. Die Einwanderungsbedingungen waren dazu noch günstiger, denn der Emigrationsstrom zog sich nach Polen, ohne daß dort" an ein Einwanderungsverbot je gedacht wurde. Und daß sich die Juden in Polen recht heimisch fühlen konnten, unterliegt ja keinem Zweifel. Es sah in der ersten Zeit in der polnischen Judenheit aus, wie vor vielen Jahrhunderten in der babylonischen. Was ist aber aus diesem Dorado der jüdischen Wanderung im Laufe der Zeit geworden? Schon um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, nach den blutigen Ereignissen der Jahre 1648 49 begann eine unaufhörliche Rückwanderung, und was „die glücklichen Zustände" in Polen betrifft, so wissen wir zur Genüge, daß der Aufenthalt der Juden in diesem Lande am meisten dazu beigetragen hat, das jüdische Volk politisch und gesellschaftlich auf ein tiefes Niveau herabzudrücken. Das neue jüdische Zentrum in Amerika ist noch keine vierzig KELT — : — ' ' " ' ™ 5 Jahre alt, denn die älteren kleineren Ansiedlungen kommen kaum in Betracht. Die erste größere Emigration russischer Juden nach der neuen Welt begann Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als in den nordwestlichen russischen Gouvernements eine Hungersnot herrschte. Die ersten russisch-jüdischen Einwanderer in Amerika waren willkommene Gäste. Die zweite große Emigration vollzog sich nach den Ereignissen der Jahre 1881 82, und die dritte seit dem Jahre 1891. Gleich darauf aber begann auch in Amerika das Bestreben, diese unwillkommene Emigrationsflut abzuwehren. Das nennt Herr Dubnow ein hoffnungsvolles neues jüdisches Zentrum! Ich' finde in der Geschichte der letzten fünfhundert Jahre nur den einen kulturellen Gewinst, daß die Juden seitdem die jüdisch-deutsche Mundart zuerst durch polnische, dann durch russische und in der Folge durch englische und spanische Bestandteile bereichert haben. Mag sich darüber freuen wer will. Sonst steht die traurige Tatsache fest, daß der Geist des jüdischen Volkes in diesen fünf Jahrhunderten, seitdem es solche weise Emigrationspolitik getrieben, nichts geschaffen hat. Und ebenso steht es fest, daß die jüdische Ansiedlung in Amerika früher oder später so enden wird, wie vordem alle anderen jüdischen Ansiedlungen, die wenigstens unsere kulturellen Güter gefördert haben. Nach meiner Auffassung hat das jüdische Volk bis gegen Ende des'dreizehnten Jahrhunderts unter den traurigsten Umständen seine schöpferische Kraft gewahrt, weil in ihm noch Reste seiner nationalen Eigenart von Palästina her vorhanden waren. Seitdem aber ging es damit immer mehr zu Ende. Der jüdischen Emigration aus Rußland, Galizien und Rumänien habe ich in den letzten Jahren eifrig das Wort geredet. Ich tue es auch jetzt noch. Aber ich stelle immer dabei die Bedingung, daß die Emigration nicht „geregelt" werde. Es ist dies ein Krebsschaden unseres Volkes, daß man es stets philanthropisch gängelt, und die Erfahrung hat leider gezeigt, daß der Segen zum Fluch wird. Jahraus jahrein emigrieren Deutsche, Polen, Slowaken, Kroaten, Iren, Italiener und viele andere Volksstänime, um die sich kein Mensch kümmert, und das ist ihr Glück. In der letzten Zeit haben die Letten zu emigrieren begonnen, die drüben gut aufgenommen werden. Nur wir Juden haben es mit der philanthropischen Treibhausatmosphäre glücklich so weit gebracht, daß man vor unseren Volksgenossen wie vor den chinesischen Kulis alle Häfen sperrt. Und diese Emigration, die ethisch wie ästhetisch gleich widerwärtig ist, will man uns zur nationalen Aufgabe machen. In der Schaffung einer, wenn auch nicht quantitativ, so doch qualitativ großen Ansiedlung in Palästina kann ich eine große Aufgabe erblicken. Dazu braucht man nicht einmal vom zionistischen Standpunkt auszugehen. Da kann das jüdische Volk wirklich sich und anderen viel nützen, neue Probleme aufstellen und lösen. Es ist ein Jammer, daß diese Aufgabe von Antizionisten verkannt und von Zionisten nicht richtig erkannt wird. Manchesmal will es mir scheinen, daß Dubnow mit seiner Emigrationsphilosophie Recht hätte. Das jüdische Volk stets mit dem Wanderstab in der Hand und mit dem Bettelsack auf dem Rücken hin und her wandernd, ohne Ziel und ohne Ende. Der Zionismus steht jetzt vor einer schweren kritischen Entscheidung. Es muß sich zeigen, ob er eine große Idee hat und ob er es versteht, diese Idee der ganzen Judenheit und allen zivilisierten Völkern zu eigen zu machen. Wie ich dies auffasse, will ich später ausführlich darstellen. AMERIKANISCHE NOTIZEN Mit deutlichem Unbehagen, offenbar sehr widerwillig und nur einer unserer gefeiertsten Universitäten, zugetragen haben und die dem Zwange der Ereignisse gehorchend, berichten unsere jüdischen auf einmal der unwillig erstaunten jüdischen Welt Amerikas gezeigt Zeitungen über Vorfälle, die sich jüngst an der Columbia University, haben, daß der Antisemitismus, der angeblich hierzulande nicht - ' 2

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