Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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GESINNUNGSGENOSSEN! Die Parole: „Rüstet Euch zum achten Kongreß!" ist ausgegeben. Voll Erwartung, voll Hoffnung, ja voll Ungeduld sehen wir diesem Kongreß entgegen. Eine Zeit tiefer Leiden und schwerer Mühen liegt hinter uns. Die Blutgier des Golus hat unzählige teure Opfer von uns gefordert, und Saaten, die wir in einem Jahrzehnt mühselig gepflanzt und aufgezogen sind in wenigen Tagen voll unbeschreiblicher Schrecken niedergetreten worden. Der Schmerz und die Trauer haben unsere Kraft zum äußersten angespannt. Wir haben unseren Willer gestählt, unseren Ernst gesteigert, fester noch und inniger haben wir unser Ziel ins Auge gefaßt. Unsere Organisation hat in den Leiden, die von außen hereinbrachen, in den harten Kämpfen, die sie im Inneren aus zutragen hatte, den Wert der Geschlossenheit und Übereinstimmung voll zu erfassen gelernt. Unsere Reihei: haben sich verdichtet, und immer mehr ist in ihnen die Einheit des Programms in der Theorie und Praxis zun Durchbruch gelangt. Weil wir so viel erlebt, so viel durchgekämpft, so viel durchdacht und erprobt haben, darum erwartei wir auch Vieles und Bedeutsames von unserem nächsten Kongresse, der der disziplinierten, arbeitsbereitei Organisation die Wege fruchtbringender politischer, volkserzieherischer und palästinensischer Arbeit vorzuzeichner haben wird. Rüsten wir uns zum achten Kongreß! Bereiten wir die Anhängerschaft allerorts auf ihn vor, damit sie ihre Wünsche, ihre Ratschläge durch ihre Vertreter dem Kongreß unterbreiten könne. Vor allem aber — sammeln wrir die Anhängerschaft, damit sie so zahlreich und so würdig, als es de; Bedeutung unseres Parlamentes entspricht, repräsentiert sei. Wir wollen und können es nicht auf eine Demonstration, auf eine Schaustellung der Menge und der Personen ankommen lassen. Aber wir müssen aus vielen Gründen wünschen, daß auch äußerlich dieser Kongreß nicht hinter seinen Vorgängern zurückstehe. Der achte Kongreß sei ein Zeugnis der ungeschwächten, ja der gesteigerten Macht und Entfaltung des Zionismus! Wo noch die Schekelsammlung verzögert oder im Rückstände ist, möge sie unverzüglich aufgenommen werden, wo sie bereits in großen Zügen durchgeführt ist, möge sie in den allernächsten Wochen — dai« Aktionskomitee schließt die Sammlungen am 30, April — bis zum höchstmöglichen Maße gesteigert werden. Noch einmal, auf mit allen Kräften zur Vorbereitungsarbeit für den achten Kongreß, — für die Ehre für die Größe des Zionismus! DIE ANGEWANDTE GESCHICHTSPHILOSOPHIE Von Dr. SIMON BERNFELD Die letzten Ereignisse in Rußland haben eine neue Bestätigung für die Wahrheit der talmudischen Lehre erbracht, welche in wenigen Worten unser ganzes tausendjähriges Goluselend erschöpfend ausdrückt: „Fällt der Stein auf den Krug, zerbricht der Krug, fällt der Krug auf den Stein, zerbricht ebenfalls der Krug — wie es auch kommen mag, wehe dem Krug!" Die schweren Opfer, die das russische Volk für seine politische .Befreiung gebracht hat, werden ihm zweifellos schon in der nächsten Zukunft Früchte bringen. Die Juden in Rußland hingegen, die am mutigsten gekämpft und sich so opferwillig gezeigt haben, gehen einer sehr ernsten Zukunft entgegen. Unser feinsinniger Geschichtsphilosoph S. Dubnow gehört, was zu seinem Ruhm gesagt werden mag, zu den wenigen jüdischen Publizisten der Gegenwart, die klar die gegenwärtige Lage überblicken und in die Zukunft sehen. Für ihn ist es kein Zweifel, daß die Juden in Rußland, selbst wenn sie in der nächsten Zeit die bürgerliche Gleichberechtigung erhalten, gegen den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Antisemitismus einen schweren Kampf zu führen haben weiden. Die politischen Rechte der Juden werden ihnen keine wirtschaftliche Befreiung bringen, und nach Dubnows Anschauung ist für absehbare Zeit keine wirkliche Besserung der Lage zu erhoffen. Er erblickt deshalb das Heil der russischen Juden lediglich in einer gut geregelten und intensiven Emigration, für die er zwei Hauptziele vorschlägt: eine große Massenemigration nach Amerika, wo jetzt ein jüdisches Volkszentrum im Entstehen begriffen ist und sich zusehends verstärkt, und ein kleineres geistiges Zentrum in Palästina, das notwendig eine nationale Grundlage haben muß. Es sieht dies aus wie eine Synthese des Zionismus und des Territorialismus. Aber Dubnow verwahrt sich gegen beide- Er findet bloß in seinem Vorschlage die notwendige Folge de geschichtlichen Entwicklung, oder, wenn ich mich so ausdrückedarf, die angewandte Geschichtsphilosophie. Dubnow verteidigt sich vor allem gegen den Vorwurf, daß i seinein Vorschlage eine Lossagung der Juden vom Freiheitskam; liege. Er beteuert seine Begeisterung für diesen Kampf, an dem d Juden, die so lange geknechteten und entrechteten Menschen, m allem Eifer weiter teilnehmen müssen. Aber gleichzeitig weist t darauf hin, daß die Erhaltung des jüdischen Volkes während sein« i zweitausendjährigen Leidensgeschichte nur durch eine kluge En grationspolitik möglich war, und hätten sich die Juden zu irger i einer Zeit auf das Verbleiben an irgendeinem Punkt verbisse; so wären sie längst aufgerieben worden. Anderseits hat das jüdisch/ Volk, weil es zu allen Zeiten seine Rettung in der Emigrath suchte, an verschiedenen Orten große Kulturzentren geschaffen un erhalten, welche die Stationen auf dem Wege unserer geschichtlichem Entwicklung vorstellen. Die Geschichtsphilosophie ist auch meine Lieblingsbeschäftiguni Nur unterscheide ich mich von Dubnow darin, daß ich sie nie!' a priori, sondern a posteriori aufstelle. Was die Wanderung der Juden von Land zu Land betrifft, s■■ muß dabei in Betracht gezogen werden, daß unsere Vorfahren niemals die Wahl zwischen Bleiben oder Wandern hatten. So lang^ für sie noch irgend eine Möglichkeit vorhanden war, an einem Punkt, selbst unter den ungünstigsten Bedingungen zu verbleiben, taten sie dies ohne Verständnis auch nur für die nächste Zukum Das traurigste Beispiel dieser Passivität können wir an dem Schicks;1