Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-03-08 · 10 (8.3.1907) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316254--49091-3344014
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jüdischer Volksverein in Berlin (Bureau Berlin C, Dirkenstr. 46) Dem jüngst ausgegebenen Monatsbericht entnehmen wir folgende interessante Daten: 1. Mißhandlung jüdischer Passagiere auf englischen Schiffen. Auf Grund des von der Bahnhofswache gesammelten Materials, betreffend die Mißhandlungen von Rückwanderern auf englischen Ochsenschiffen, deren Folgen sogar nach achttägiger Frist von unseren Ärzten noch konstatiert werden konnten, hat sich der Vorstand in einem ausführlichen Bericht an einen englischen Juristen gewendet, dem es überlassen bleibt, durch die Presse, evtl. bei den Behörden, Schritte zur Beseitigung dieser Zustände zu unternehmen. In derselben Angelegenheit hat die „Hebrew Immigrant Aid Society" in New York die Verfolgung der belasteten Agenten übernommen. Ferner haben wir einen englischen Journalisten veranlaßt, die Angelegenheit in der dortigen Presse zu besprechen. 2. Aus dem Sitzungsbericht der Bahnhofs wache. Die Mitglieder der Bahnhofswache berichten, daß der Durchzug der Emigranten durch Berlin zurückgegangen ist, was auf zwei Umstände zurückzuführen ist. Erstens wird an den Grenzen das Gesetz von den deutschen Behörden strenger gehandhabt, zweitens lassen sich die zur Auswanderung bereiten russischen Juden durch die Hoffnung auf die zweite Duma von einem übereilten Verlassen des Landes zurückhalten. Da aber anderseits die Rückwanderung derart gestiegen ist, daß an manchen Abenden mit Extrazügen 60 bis 100 Leute, teils zurückgewiesene, teils freiwillige Rückwanderer, aus sämtlichen Hafenstädten auf dem Schlesischen Bahnhofe ankommen, wird die Zahl der Wache hier verstärkt, dagegen auf den andern Bahnhöfen vermindert. DieamerikanischeNaturalisation unddas „Yiddish" Die Naturalisation in den Vereinigten Staaten ist durch ein Gesetz vom 29. Juni 1906, in Kraft seit 27. September 1906, neu geregelt worden. Der bisherige Grundsatz, daß jeder Einwanderer nach 5 jährigem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten daselbst das Bürgerrecht und die Staatszugehörigkeit erlangen könne, ist beibehalten worden, jedoch unter Erschwerung der Form. Es bedarf nach mindestens 3 jährigem Aufenthalt eines schriftlichen Antrages um Verleihung des Bürgerrechts, einer eidlichen Versicherung des Einwanderers, daß er dauernd in den Vereinigten Staaten bleiben und deren Verfassung aufrecht erhalten wolle, und einer eidlichen Bestätigung der Angaben des Antragstellers durch zwei glaubhafte Zeugen, die amerikanische Staatsbürger sein müssen. Frühestens nach Verlauf von zwei Jahren erfolgt dann auf erneuten Antrag die Verleihung des Bürgerrechts. Für die jüdische Einwanderung ist von besonderer Wichtigkeit die Bestimmung, daß künftighin kein Einwanderer das Bürgerrecht ei halten soll, der nicht des Englischen mächtig ist. Bisher lernten zwar die in Amerika geborenen Kinder der Einwanderer Englisch, aber für die Einwanderer selbst war das Yiddish die Umgangssprache, und sie zeigten, in bestimmten Stadtteilen der großen Städte zusammengedrängt und nur untereinander verkehrend, keine allzu große Neigung, sich das Englische anzueignen. Es ist wahrscheinlich, daß die "Notwendigkeit, zur Erlangung der Naturalisation das Englische zu beherrschen, zur Aneignung dieser Sprache anspornen und dem Yiddish Abbruch tun wird. looooooooo NACHRICHTEN lE^S ooooooooo 5 Nachrichten aus Palästina Auf Initiative der Lehrerorganisation wurde der 15. Schewat in Palästina als Festtag der Baumpflanzung in allen palästinensischen Schulen gefeiert. Einen besonders festlichen Charakter trug das Fest in Jaffa. Alle Kinder aus den Jaffaer Schulen, mehr als 300, zogen nach Mikweh-Israel, wo sie sich frisch und lustig an die Arbeit begaben. In Rechoboth nahm die ganze Kolonie an dem Feste teil; es waren sogar Kinder aus den Nachbarkolonien gekommen. Hoffentlich wird der Tag des 15. Schewath sich als ständige festliche Institution in Palästina erhalten. Auf Veranlassung und mit Unterstützung des englischen Vizekonsuls in Jaffa wurde in Petach-Tikwah ein Versuch mit der Pflanzung von Baumwolle gemacht. Der Versuch gelang vollständig. Die erste Probe von 400 Pf. ist Mitte Februar nach Liverpool gesandt worden. Der Versuch wird noch erweitert werden, und es wird für Baumwollpflanzungen ein Terrain von 100 Acr. Land abgeteilt werden. In seinem Berichte, (der in der Zeitschrift des englischen Handelsministeriums abgedruckt wurde), spricht der Vizekonsul von der besonderen Eignung des Tales Saron für Baumwollpflanzungen: Sowohl die Bodenverhältnisse wie das Klima seien äußerst günstig für die Entwicklung dieser Kultur auf der Fläche zwischen Jaffa und Chaifa. Außerdem ist der Boden hier, nach der Meinung des Vizekonsuls, zehnmal billiger als gleichwertiger Boden in Ägypten, der für Baumwollpflanzungen verwendet wird. Auch die Arbeitskräfte sind hier sehr billig. Der Konsul bemerkt weiter, daß die Baumwollkultur vor ca. 40 Jahren in der Nähe von Jaffa sehr entwickelt war und die jährliche Ausfuhr 30 000 Zentner erreichte. Er erwartet in Zukunft die Wiederentwicklung dieser Kultur und schließt seinen Bericht mit der Bemerkung, daß, wenn sich Fachleute mit genügendem Kapital fänden, sie großen Erfolg erreichen und die Entwicklung dieser Kultur in Palästina rasch vorwärtsbringen könnten. * * * Auf den Abhängen der Samaritanischen Berge, in Kefar Saba, das zwei Stunden von Petach Tikwah entfernt liegt, beschäftigen sich zur Zeit 35 jüdische Arbeiter mit Anpflanzung hauptsächlich von Mandel- und Olivenbäumen. Einige Arbeiter aus Petach-Tikwal; erwarben hier von ihren Ersparnissen kleine Landanteile, die sie mit Mandel- und Olivenbäumen bepflanzten. In ihrer freien Zeii haben sie genug Gelegenheit, sich mit ihrem Landanteil zi beschäftigen. Nach fünf, sechs Jahren werden diese Arbeiter Be sitzer von kleinen Gärten werden, und ihre Existenz wird auf dies-, Weise gesichert sein. Von diesem Winter ab wird Kefar Saba eii kleines Dorf werden, da hier einige Arbeiterfamilien seßhaft werden Pogromschrecken Minsk. In der Stadt werden Judenexzesse befürchtet. H zirkulieren Gerüchte von einem organisierten Judenpogrom. .Di. Militärpatrouillen in den Straßen wurden verstärkt. Auf einem Meeting des Vereins der „echt-russischen Leute in Kischinew hat Kruschewan unter anderm auch folgendes gi sagt: „In eurem Namen werde ich der Duma erklären, daß di Geduld des russischen Volkes nun zu Ende ist und es das ganz Land im Blute der Verbrecher ertränken wird." Die Stimmung der Hon ligans ist sehr erregt. Dieses provokatorische Auftreten Kruschewan ist dadurch zu erklären, daß seine Wahl höchstwahrscheinlich an nulliert werden wird. Daher diese blinde Wut, welche an Jude Rache nehmen will. Jekaterinoslaw. Der Dumadeputierte Karawajew hat an Jekaterinoslaw folgendes Telegramm erhalten: „Unter der Bevü kerung der Stadt Alexandrowsk herrscht große Panik. Die Kampfe, Organisation des lokalen „Verbandes des russischen Volkes" rüste sich augenscheinlich zum Kampfe mit den „Feinden des Vaterlandes Jeden Tag erwartet man einen Judenpogrom. Wir ersuchen de Minister, Mittel anzunehmen, um das schreckliche Unglück zu verhüten Der Deputierte Karawajew hat noch an demselben Tage dt Inhalt dieses Telegramms dem Premierminister mitgeteilt. Um ei Pogromstimmung zu schwächen, hat der Jekaterinoslawer Polize - meister verordnet, die Militärpatrouillen auf den Straßen zu vcstärken. Kiew. Für den 27. Februar erwartete man einenJudenpogroi Die Behörden haben befohlen, die Polizei- und Militärkräfte zu in bilisieren. Der Tag verging ruhig. Die Pogromstimmung herrsc ■ ' aber noch weiter und veranlaßt viele jüdische Familien, die Sta t zu verlassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.