Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 10 DIE3§KELT 19 Aus Odessa wird mitgeteilt: Nach dem Siege Kruschewans bemächtigte sich eine große Panik des jüdischen Mittelstandes in Kischinew. Zahlreiche Familien flüchten an die rumänische Grenze. Züge voll jüdischer Flüchtlinge kommen jeden Tag nach Reni. Eine Wiederholung der grausamen Massakers, als Racheakt für die Beschwerde, die die Juden gegen die Wahl Kruschewans eingereicht haben, wird befürchtet. Die russische Geistlichkeit scheint mit dem „Verbände des russischen Volkes" in Verbindung zu stehen. Aus Bendery und Izniail telegraphierten die Kronrabbiner an den Odessaer Gouverneur um rechtzeitige Intervention. Intervention der „Alliance" zugunsten der persischen Juden Der Präsident der Alliance Israelite Universelle, Herr Narcisse Leven, hat am 12. Februar an den französischen Minister des Auswärtigen nachstehendes Schreiben gerichtet: Herr Minister! Wir haben die Ehre, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf die Lage hinzusenken, die unsern Glaubensgenossen in Ispahan bereitet worden ist. Ein Telegramm, das wir soeben von dem Direktor unserer Schulen in dieser Stadt erhalten haben, meldet uns, daß die" Geistlichkeit die Juden gezwungen hat, sich zum Tragen unterscheidender Gewänder und zum Verzicht auf den Handel im Umherziehen zu verpflichten. Zu jeder Zeit haben die Vertreter Frankreichs in Persien sich bemüht, die Israeliten gegen ähnliche Angriffe auf ihre Menschenwürde in Schutz zu nehmen, und die Intervention der französischen Vertretung bei der Regierung des Schah ist stets wirksam gewesen und mit Entgegenkommen aufgenommen worden. Wir würden Ihnen zu tiefer Dankbarkeit verbunden sein, wenn Sie die Güte haben wollten, möglichst auf telegraphischem Wege der französischen Gesandtschaft in Teheran aufzugeben, daß sie bei den hauptstädtischen Behörden die Rücknahme der gegen die Israeliten von Ispahan erlassenen Befehle erwirke. Wir richten diesen Appell an Ihren Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus und sind überzeugt, daß Sie diesen durch Gewährung unseres Ersuchens aufs neue beweisen werden. Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung unserer Hochachtung. Der Präsident Narcisse Leven. Hierauf ist folgende Antwort an Herrn Leven gelangt: Republique Francaise Ministere des affaires etrangeres. Paris, den 18. Februar 1907. Geehrter Herr! Durch einen Brief vom 12. Februar haben Sie die Güte gehabt, meine Aufmerksamkeit auf gewisse Verfolgungen zu lenken, denen Ihre Glaubensgenossen in Ispahan von seilen der Ortsgeistlichkeit dieser Stadt ausgesetzt werden. In diesem Schreiben drückten Sie mir zugleich den Wunsch aus, daß die Gesandtschaft der Republik in Teheran bei den hauptstädtischen Behörden auf die Rücknahme der gegen die Israeliten von Ispahan erlassenen Verfügungen wirke. Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich soeben unserem Gesandten in Persien telegraphisch die Weisung habe zugehen lassen, er möchte in dem von Ihnen angegebenen Sinne bei der Regierung des Schah die erforderlichen Schritte tun, die, wie ich hoffe, wirksam sein werden und im übrigen dem -Geist der Menschlichkeit und des Liberalismus der Regierung der Republik entsprechen, an den Sie neuerdings appelliert haben. Empfangen Sie, geehrter Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. S. Pichon. Keine weitere Beschränkung der Einwanderung nach Amerika Bremen, 6. März. Bösmanns Telegraphisches Bureau veröffentlicht folgendes Telegramm aus New-York: Das neue Auswanderergesetz, das jetzt von der Regierung der Vereinigten Staaten erlassen worden ist, bedeutet keine Einschränkung der Einwanderung, sondern enthält nur Vorschriften, die sich auf eine Änderung der Unterbringung der Zwischendecker bezieht. Die Schiffahrtsgesellschaften hatten eigentlich auch ein Gesetz befürchtet, das den Bildungsnachweis (Education Test) fordern würde, weil dadurch die Einwanderung auf mindestens 30 Prozent heruntergedrückt worden wäre. Um der energischen Agitation der Union Corporation ein Ende zu machen, mußte irgend etwas geschehen. Das tat die Vorschrift, einen größern Raum für die einzelnen Auswanderer zur Verfügung zu stellen, eine Bestimmung, die allerdings für die Schiffahrtsgesellschaften die Bedeutung hat, daß sie 15 bis 20 Prozent weniger Passagiere in jedem Dampfer befördern können. Allein die Direktionen der Schiffahrtsgesellschaften, insbesondere der deutschen, waren sich schon lange darüber klar, daß etwas zur Verbesserung der Unterbringung der Zwischendecker geschehen müsse, so daß also gesetzlich etwas vorgeschrieben wurde, was zu tun eigentlich die Schiffahrtsgesellschaften schon lange vorhatten. (Es ist bedauerlich genug, daß die Schiffahrtsgesellschaften es so lange beim „Vorhaben" bewenden ließen, bis das Gesetz sie zur Aktion zwingt. Anm. d. Red.) Es ist erfreulicherweise nun aber festzustellen, daß in Nordamerika eine große Liga gegründet wurde, die alles aufbietet, um weitere, die Einwanderung beschränkende Gesetzesvorlagen zu bekämpfen, so daß solche wohl für eine Reihe von Jahren nicht mehr zu erwarten sind. Insbesondere wird auch von dieser Liga unter gleichzeitiger Unterstützung seitens der Regierungen der Einzelstaaten der Kontraktarbeiter-Paragraph, der sich als eine unsinnige Maßnahme erwiesen hat, aufs energischste bekämpft. Verschiedeties Vom jüdischen Schulverein für Böhmen. Man schreibt uns aus Prag: Erfreulich ist das Interesse, welches sich für den Jüdischen Schulverein, dessen Gründung hier beschlossen worden ist, allenthalben kundgibt. Das bei der gründenden Versammlung gewählte Exekutivkomitee arbeitet bereits an den Statuten des Schuivereins, welche wohl gegen Ende dieses Monats zur Einreichung gelangen dürften, so, daß der jüdische Schulverein mit Anfang April seine Tätigkeit wird beginnen können. Prag. (Afike Jehuda.) Dieser literarische Verein entfaltet unter der Führung seines Präsidenten, des Herrn Rabb.Dr. Alad. Deutsch, eine lebhafte Tätigkeit und erzielt mit den von ihm veranstalteten Vorträgen bedeutende Erfolge. Besonderem Interesse begegnete der letzte Vortrag eines heimischen Gelehrten, des Herrn Rabb. Prof. Dr. N. Grün. Der Vortragende hat in überaus anziehender Weise eine Auslese ebenso interessanter wie lehrreicher Reminiszenzen an die alte Prager Ghettogemeinde geboten. — Die Erörterung der Bedeutung des damaligen Oberrabbiners Oppenheim und seiner weltberühmten Bibliothek, jetzt Eigentum der „Bodleiana" in Oxford, welche ihr literarisches Denkmal in dem großen Werke des jüngst verstorbenen Berliner Gelehrten Steinschneider gefunden hat, gab der versammelten Zuhörerschaft Veranlassung, dein Andenken dieses großen Gelehrten eine Ehrung durch Erheben von den Sitzen darzubringen, Wir wollen hoffen, daß der Verein „Afike Jehuda" auch weiterhin seinen Zwecken mit gleichem Eifer nachkommen wird. M. Personalnachricht Unser Gesinnungsgenosse Dr. Nathan Weiß wurde zum Prediger der jüdischen Gemeinde in Balassa-Gyarm at (Ungarn) gewählt. Die in dieser Nummer reproduzierte Kartenskizze der jüdischen Kolonien in Palästina, gezeichnet von Davis Trietsch, ist dem Palästina-Handbuch I, (von Davis Trietsch, herausgegeben von der Palästinakommission) entnommen, das nächster Tage erscheint. Vermißt Ein Mann namens Leib Weinstein aus Beresowka, Bezirk Ananjev, Gouv. Cherson, ist im Sommer v. Js. ausgewandert. Er begab sich nach Rotterdam, wurde jedoch dort wegen Krankheit zurückgewiesen und nach Krakau zurückgesandt. In Krakau ist er jedoch" nicht eingetroffen und jede Spur von ihm ist verloren gegangen. Wir wenden uns daher an die Öffentlichkeit und bitten jeden, der von dem Verbleib des Leib Weinstein Kenntnis haben sollte, uns gütigst umgehend davon Mitteilung zu machen. Hilfsverein der deutschen Juden, Berlin, Lützovvstr. 8.