Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-03-08 · 10 (8.3.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316254--49084-3344007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 10 DIEE^ELT 11 russische, haben ihren Weg durch Deutschland genommen, und so wurden wir vor die Aufgabe gestellt, diesen Strom so zu lenken, daß die Durchwandernng sich" glatt und ohne Störung vollziehe. Dank der aufopfernden Tätigkeit unserer Vertrauensmänner an der Grenze und im Reich ist es uns gelungen, die Massen in Ordnung hindurchzuführen. Durch Errichtung von besonderen Herbergen an der Grenze boten wir den Auswanderern Nahrung und Obdach und schützten sie vor Ausbeutung, Übervorteilung und körperlichen und moralischen Schädigungen, denen sie in ihrer Unbeholfenheit und Unwissenheit ausgesetzt sind. Wir haben auch ihren schweren Weg zu erleichtern versucht, indem wir an den Haupteisenbahnknotenpunkten Verpflegungsstellen unterstützten oder einrichteten, an denen namentlich Frauen und Kinder verpflegt werden und wo sie auch Rat einholen konnten. 60 751 Auswanderern haben wir in dieser Weise unsere Fürsorge zuwenden können. 3265 Auswanderer, die auf der Reise erkrankten, wurden durch die Anstalten unserer Organisation geheilt und ihnen und ihren Familien damit die Möglichkeit gegeben, ihr Reiseziel zu erreichen. Unser Zentralbure au für die jüdischen Auswanderungsangelegenheiten arbeitet nach den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz auch für die Gesamtheit der jüdischen Auswanderer. Die Herausgabe des Korrespondenzblattes wurde fortgesetzt. In diesem Jahre sind sechs Nummern erschienen. Sie wirkten aufklärend auf die Presse und gaben den Organisationen und Komitees und den einzelnen Auswanderern Belehrung und Förderung. Die zum Gebrauch der Auswanderer herausgegebenen Wörterbücher sind bereits in einer zweiten Auflage erschienen. 1858 Anfragen von 8200 Auswanderern liefen ein und wurden von unserem Bureau erledigt. Durch Verhandlungen mit Behörden, Schiffahrtgesellschaften und privaten Organisationen wurden neben den Reiseverbilligungen und Erleichterungen aller Art die Grundsätze für eine planmäßige Regelung der jüdischen Auswanderung festgesetzt. Unsere besondere Aufmerksamkeit hatte der Plan, die jüdische Auswanderung von New-York und den großen Zentren abzulenken. Die Vorarbeiten darüber sind zum Abschluß gekommen. Die gesamte jüdische Auswanderung dürfte im vergangenen Jahre über 200 000 Juden betragen haben. Sie ist also viermal so groß als im Jahre 1881,82 und dreimal so groß als im Jahre 1891 02, und doch vollzieht sich diese jüdische Auswanderung ohne jede Störung. So ist der Nutzen unserer Organisation auch für die Leitung einer geregelten Auswanderung in Deutschland nicht zu verkennen. In welch hohem Maße uns in unseren Bestrebungen die Unterstützung der deutschen Judenheit zuteil geworden ist, das zeigen die Ausgaben, die wir seit unserem Bestehen für unsere Zwecke haben machen können: Im 1. Jahre 31 152 67 M. „ 2. „ 317 618 82 „ „ 3. „ 146 756 04 „ „ 4. „ 1 110 214 21 „ " 5' " 1 475 000 00 In fünf Jahren also 3 080 741 74 M. Die gesamte deutsche Judenschaft hat dieses Werk geschaffen. Es ist ihre heiligste Pflicht es zu erhalten und immer weiter auszubauen. Zur IL Palästinareise des Zionistischen Zentralvereins in Wien Abermals ruft der Zionistische Zentralveröin in Wien die Gesinnungsgenossen zur Teilnahme an einer Palästinareise auf. Ein erfreuliches Zeichen der Zeit! An sich sind ja selbstverständlich Palästinareisen jedem Zionisten sympathisch und von vielen ersehnt. Aber anderseits gibt es auch manche Bedenken gegen die Gesellscha-ftsfahrten. Man könnte besorgen, ob nicht Land und Leute in ihrer manchmal doch nicht allzu erfreulichen Verfassung desillusionierend wirken würden auf Reisende, die nur Gutes und Schönes sehen und nur erbaut sein wollen. Würden solche Touristen, wenn sie auch Schlimmes zu sehen bekommen, sich nicht versucht fühlen, über die Realisierungsmöglichkeiten des Zionismus kurzweg den Stab zu brechen? Und würden anderseits auf „Autopsie" beruhende leichtfertige Urteile nicht Verwirrung und Schaden stiften können? Bezeichnenderweise sind nun dergleichen Besorgnisse durch den glänzenden Erfolg der im Herbst v. J. veranstalteten ersten Pälästinafahrt wohl gänzlich zerstreut worden. Die zionistischen Teilnehmer der Palästinafahrt stellen einmütig fest, daß diese Reise sich als ein äußerst wirksames Propagandamittel erwiesen hat. Keiner der Reisenden, von denen mehr als die Hälfte Nichtzionisten waren, konnte sich dem Eindrucke entziehen, in das Land unserer Zukunft gekommen zu sein. Die Vorherrschaft der hebräischen Sprache in einem Umfange, der selbst die zionistischen Mitglieder der Reisegesellschaft überraschte, die Besichtigung der jüdischen Kolonien (deren Vorhandensein, beiläufig bemerkt, einigen Teilnehmern gänzlich unbekannt gewesen war!), sodann der Verkehr mit vielen wackern, von zionistischem Geiste ganz durchtränkten Kolonisten, der über alle Erwartung herzliche Empfang von Seiten der jüdischen Orthodoxie, die Aufnahme, die den Reisenden durch unsere Gesinnungsgenossen bereitet wurde, schließlich der Besuch der zionistischen Anstalten, namentlich der Anglo Palestine Bank und des unvergleichlichen „Bezalel", wirkten so nachhaltig im zionistischen Sinne, daß selbst hartnäckige Antizionisten sich der Begeisterung nicht erwehren konnten. Aber nicht sowohl der hohe propagandistische Erfolg der ersten Reise hat den Wiener Zionistischen Zentralverein bewogen, den wohlgeglückten Versuch in so rascher Folge zu wiederholen, als vielmehr die Wahrnehmung, daß solche jüdische Gesellschaftsreisen, je häufiger und ansehnlicher sie sind, um so mehr beitragen, das Prestige der jüdischen Bevölkerung des Landes zu erhöhen und die allgemeine Position der Judenheit in Palästina zu kräftigen. Und es ist hocherfreulich,daß die palästinensischen Juden aller Parteirichtungen diesen Umstand, dessen Bedeutung von unserem Gesichtspunkte nicht hoch genug zu veranschlagen ist, vollauf zu würdigen verstehen. Daher die große Freude und Genugtuung aller über die erste zionistische Palästinareise. Auch noch ein drittes Moment sollte recht vielen zionistischen Körperschaften Veranlassung geben, dem Beispiel der Wiener Gesinnungsgenossen zu folgen und die palästinensischen Gesellschaftsreisen zu einer ständigen zionistischen Einrichtung auszugestalten. Die unmittelbare Berührung mit Erez Israel und seinen Juden bewirkt, daß die vielfältigsten Beziehungen mühelos, gleichsam von selbst angeknüpft werden, das Interesse für die jüdisch-nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen, Institutionen des Landes angefacht und, — wo bereits vorhanden, — warm erhalten wird und sich so die Fäden mehren und fester schlingen, welche die „Versprengten Israels" mit dem Lande unserer Sehnsucht verbinden. Es sei beispielsweise darauf hingewiesen, daß unter dem Eindrucke der ersten Palästinareise zwei Teilnehmer im Lande blieben, um Grundbesitz zu erwerben und sich später eventuell dauernd anzusiedeln. Andere reisten mit dem bestimmten Vorsatz ab, bald wiederzukommen und sich gleichfalls anzukaufen. Viele knüpften kommerzielle Beziehungen an; namentlich wurden in den Kolonien zahlreiche Abschlüsse für Weinlieferungen effektuiert. Mehrere Reiseteilnehmer zeichneten Anteilscheine des Palästina-Industriesyndikats. Dem „Bezalel", der den stärksten Eindruck hinterließ, sowie dem Jüdischen Nationalfonds wurden bedeutende Zuwendungen gemacht. Desgleichen flössen stattliche Beträge für die Emigrantenschulen und verschiedene lokale Wohlfahrtsanstalten in Jaffa, Jerusalem etc. ein. Es steht zu erwarten, daß die zweite Palästinafahrt unserer Wiener Genossen noch reichere Erfolge idealer und praktischer Art erzielen wird, — Erfolge auch nach innen hin durch die Förderung und Verbreitung einer lebendigen Kenntnis Palästinas in unseren eigenen Reihen sowie durch das „Nacheifern aus Wetteifer", - - um einen Ausdruck Achad-Haams zu gebrauchen, — welche das vorbildliche Beispiel der Wiener hoffentlich in den weitesten gesinnungsgenössischen Kreisen hervorrufen wird. Ben Zion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.