Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Gratulation seinen Odessaer Brüdern, denen er zur Unterstützung immer neue Banden zuschickt, wie das offen sein Blatt „Russkoje Siiamja" berichtet. Die schöne und reiche Stadt am Schwarzmeerufer hat sich in eine wahrhafte Hölle für die Juden verwandelt. In einer solch entsetzlichen Situation, wie sie jetzt in Rußland herrscht, haben sich die Juden nur einmal befunden — während der Verfolgungen der Juden seitens der Inquisition in Spanien. Die neuere Zeit kennt keine solche Verfolgungen. Das jetzige konstitutionelle Ministerium hat uns wieder die finsteren Zeiten des Mittelalters gebracht. Und wir haben keine Macht, gegen den chronischen Terror zu kämpfen: Unsere Hände und Füße sind gebunden. Unsere mutigsten Streiter sind entweder terrorisiert oder niedergeschlagen, unsere Kräfte sind gelähmt und gebrochen ... Aber die russische Reaktion gräbt sich trotz allem mit ihrer Taktik selbst ihr Grab. Sie beabsichtigt, mit den Pogromen die dauernde Herrschaft der Reaktion zu begründen. Die Bureaukratie möchte das jetzige Chaos, die Anarchie befestigen, um auf dieser Grundlage ihre Macht weiter zu halten und zu stützen mit Hilfe der blutdürstigen Patrioten und der Feldgerichte. Aber kein Land, kein Volk kann einen solchen anarchischen Zustand lange aushalten, ohne der Auflösung anheimzufallen. Rußland aber ist jung, sein Volk besitzt genügend Lebensinstinkte. Das haben wir bei den letzten Wahlen gesehen, wo der Zorn des Volkes gegen seine Unterdrücker durchzittert. Es muß ein Zeitpunkt kommen, wo das russische Volk das Joch der Unterdrücker niederwerfen wird, und damit wird auch für die Juden die Befreiung aus diesem elenden Pogromdasein kommen. Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden Sonntag den 3. März, vormittags 1 > 10 Uhr, fand eine Sitzung des Zentralkomitees des Hilfsvereins der deutschen Juden in Berlin statt. In "3er Sitzung wurde der Geschäftsbericht genehmigt. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die Versammlung der Mitglieder des Hilfsvereins der deutschen Juden. Herr James Simon erstattete den Geschäftsbericht. Über die Lage in Rußland sprach Herr Dr. Nathan, den Kassenbericht trug Herr Dr. Ell st ätt er vor. Der Geschäftsbericht wurde sodann seitens der Versammlung genehmigt und Entlastung für die Verwaltung erteilt. Die Generalversammlung wurde hierauf geschlossen. Nunmehr leitete Herr Privatdozent Dr. Mittwoch mit einigen einführenden Worten über die Falaschas einen Vortrag von Herrn Dr. Faitlowitsch aus Paris über dasselbe Thema ein. Herr Faitlowitsch ist 18 Monate in Abessynien gewesen und war daher in der Lage, auf Grund persönlicher Anschauungen über die Falaschas, diesen versprengten Stamm des Judentums, Bericht zu erstatten. Er schloß seinen interessanten Vortrag mit der Bitte, daß die Juden der zivilisierten Welt sich der Falaschas annehmen mögen. Herr James Simon konnte feststellen, daß seitens des Hilfsvereins der deutschen Juden bereits ein Betrag bewilligt worden ist, zu dem Zwecke, junge Falaschas in Jerusalem der Segnungen moderner Erziehung teilhaftig werden zu lassen. Der Schluß der Sitzung fand um 1 Uhr statt. Wir geben nachstehend einen kurzen Auszug des Geschäftsberichts, der von der Generalversammlung genehmigt worden ist. Propaganda Es ist gelungen, die Organisation des Hilfsvereins der deutschen Juden in umfassender Weise auszubauen. Die Zahl seiner Mitglieder ist in erfreulicher Weise gewachsen, im letzten Jahre allein von 9500 auf rund 14000. Die Mitgliederbeiträge und die Spenden für die allgemeinen Zwecke des Vereins haben sich dementsprechend von 107000 M. auf rund 140000 M. erhöht. Galizien In Galizien sind wir in Gemeinschaft mit der üroßloge für Deutschland und dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien tätig gewesen. Durch Einführung von Hausindustrien, wie die Erzeugung irischer Spitzen, Spitzenklöppelei, Haarnetzerei, Kleiderkonfektion und durch Unterstützung von Kreditgenossenschaften suchen wir das Elend zu bannen. Es sind bereits 7 Hausindustrien in Galizien neu eingeführt worden, und über 2500 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen finden darin einen ehrlichen Erwerb. Nachdem sich nun im Laufe der Zeit das Bedürfnis herausgestellt hat, eine zentrale Instanz in Galizien zu schaffen, wurde beschlossen, einen ständigen Sekretär in Galizien zu stationieren, wofür der Hilfsverein die nötigen Mittel bewilligt hat. Durch die Gründung der Analphabetenschulen soll demnächst zur intellektuellen Hebung der breiten Volksschichten in Galizien beigetragen werden. Schulen In Rumänien, Bulgarien, der europäischen und asiatischen Türkei sorgt der „Hilfsverein" für die Hebung des Bildungsgrades der Juden und ihres wirtschaftlichen Fortkommens durch Schulgründungen. Im Jahre 1906 sind die Subventionen der meisten von uns unterstützten Institute erhöht worden. Speziell in Palästina hat das Schulwerk einen bedeutenden Ausbau erfahren, und eine weitere Ausgestaltung erfolgt zu Beginn des Jahres 1907. Zu den zwei Kindergärten in Jerusalem und den Kindergärten in Jaffa und Safed, der Mädchenschule in Jerusalem und dem Lehrerseminar kamen im Jahre 1906 hinzu ein dritter Kindergarten in Jerusalem und ein zweiter in Jaffa; ferner ist in Jaffa eine Knabenschule begründet und in Hebron eine Schule subventioniert wrorden. Des weiteren wurden die Kun stgewerbeschule Bezalel, die Nationalbibliothek in Jerusalem und ein Schulverein in Safed unterstützt. Es wurde alsdann noch beschlossen, am 1. April 1907 eine dreiklassige Handelsrealschule im Anschluß an die Lämelschule und in Verbindung mit den; Lehrerseminar in Jerusalem zu eröffnen, und es wurden — gleichfalls für das Jahr 1907 — die Mittel zur Begründung von Kinder gärten in Beirut und Haifa sowie ein erheblicher Beitrag für die Lämelschule bewilligt. Zu den vier Kindergärten, der Mädchenschule und dem Lehrer seminar, die wir im Jahre 1905 unterhielten, kommen 1906 7 noch vier Kindergärten, die wir oder hauptsächlich wir unterhalten, und zwei eigene Schulen. Fünf weiteren Bildungsinstituten gewährer: wir eine beträchtliche Beihilfe. Nunmehr wird der Hilfsvereii; folgende Schulen unterhalten und unterstützen: 2 Kindergärten 1 r Knaben- und Mädchenschulen, 1 kommerzielle Mittelschule 1 Handelsschule, 1 Haushaltungsschule, 1 Handwerkerschule 1 Kunstgewerbeschule und 2 Seminare, insgesamt 27 Institute mi mehr als 3500 Zöglingen. Marokko Unsere Bestrebungen für eine Besserstellung der marokkanischer Juden, bei denen wir durch die Anglo-Jewish Association, die Wiener Allianz, hervorragende Einzelpersonen anderer Länder namentlich durch Jacob H. Schiff-New-York unterstützt wurden hatte den Erfolg, daß die Mächte auf der Konferenz zu Algecira: einmütig eine Resolution zu Gunsten der marokkanischen Judei annahmen. Rußland Unsere Haupttätigkeit mußte sich infolge der trüben Vernäh nisse wieder Rußland zuwenden. Wir haben auch in diesem Jahr an der Durchführung de großen russischen Hilfswerks in hervorragender Weise teilgenommei Unser Geschäftsführer im Ehrenamt, Herr Dr. Paul Nathan, w; wie beim Beginn des Hilfswerkes so auch bei seinem Abschluß i diesem Jahre in Rußland. Neben den 1 060 000 Mark, die wir vom Oktober bis zur Schluß des vorigen Jahres für Rußland überwiesen haben, habe wir im Jahre 1906 weitere 1 476 000 Mark aufgewendet, sodaß ck Hilfsverein seit dem Ausbruch der Massenpogrome rund 21 > Millione für Rußland verausgabt hat. Infolge der russischen Wirren hatte war viele notleidende jüdische Gemeinden, die ihre Unterricht, und Wohltätigkeitsanstalten nicht mehr zu unterhalten in der Lat waren, ferner Arbeitslose in großer Anzahl unterstützt. Als ein Teil des russischen Hilfswerkes ist die Organisieriii' von Liebeswerken für die russischen Waisenkinder zu erwähne die uns gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland obla Von den 1650 Kindern, die durch die Judenmetzeleien verwai wurden, konnte der größte Teil in Rußland versorgt werden. F: 120 der Ärmsten aber wurden durch unsere und der Großloi; Vermittelung in Westeuropa und in überseeischen Ländern eir neue Heimat geschaffen. Die Berichte, die wir über diese Kinch erhalten, lauten sehr günstig. Auswanderung Im engen Anschluß an das Hilfswerk für Rußland vollzog sie die Fürsorge, die wir den jüdischen Auswanderern durch uns-. Zentral-ßureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten angv deinen ließen. 132 000 jüdischer Auswanderer, zum größten 'L!