Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 10 DiE ELT 9 vom „Österreicher auf Kündigung" auf die Zionisten gemünzt und in die Wahlagitation geschleudert. Wenn auch damit das Lob einhergeht, die österreichische Judenschaft habe es wohl dem Zionismus zu verdanken, daß sie sich heute stolz und frei Juden nennen, so kann dies die häßliche Denunziation kaum in milderem Lichte erscheinen lassen. Herr Dr. Elbogen arbeitet auch im Gerichtssaal gern mit Superlativen und tönenden Worten, und dieser Berufsgewohnheit folgend, hat er Herrn Dr. Bloch als „Kraftpolitiker" Herausgeputzt, sich selbst als bedingungslosen Wahrheitsmenschen. Wer die Dinge kennt, wird das pathetische Urteil des Berufsanwaltes auf das richtige Maß herunterrevidieren. Ein zweites Argument, gleichfalls stark abgenützt und nur in Zeiten höchster Diskussionsnot hervorgeholt, hat die „Wiener Allgemeine Zeitung" in einem Leitartikel variiert. Er trug den Titel „Freiwilliges Ghetto". Auch diese Tonart ist bekannt und abgedroschen. Sie kann nur auf Juden wirken, die der modernen zionistischen Bewegung aus Gründen mangelnden politischen Intellekts oder infolge ihrer assimilatorischen Moral Verständnis nie entgegenbringen werden, sie einfach nicht verstehen können oder nicht erfassen wollen. Die Verleumdung der Zionisten wegen unpatriotischer Gesinnung und das haltlose Assimilantengeschwätz, das auf die Ghettofurcht des angeblich aufgeklärten Spießers spekuliert und von reaktionären Tendenzen des Zionismus faselt, diese Zwillingsbrüder antizionistischer Verlogenheit und Nichtverstehenwollens sind einander würdig. Aber sie können die jüdisch-nationale Bewegung in Österreich, die unter zionistischer Flagge segelt, nicht mehr aufhalten. Und sie können nur unaufrichtigen, politischen Spekulanten oder Unwissenden als Kampfmittel in einem ernsten Wahlkampfe dienen. R. N. DAS VIERTE STADIUM (Nach dem „Fraind") Die Pogrome in Rußland haben drei Entwicklungsstufen durchgemacht. Der erste Ansturm wurde in den achtziger Jahren (der Epoche des Grafen Ignatjew) von den blind ihren Instinkten gehorchenden Massen unternommen. Die Administration verhielt sich sozusagen neutral - - d. h. sie hat die Pogromschtiki in ihrer Arbeit :licht im geringsten gestört, aber „nach außen hin" machte sie loch Ordnung, indem sie auf dem Schauplatze der Ereignisse erschien, wenn auch immer etwas zu spät, nachdem schon alles von den Exzedenten zerstört worden war. Das aktive Element in den Pogromen war die Masse selbst, die sich aber nur an jüdischem i lab und Gut vergriff — zu barbarischem Mord, wie später so oft, sank sie damals noch nicht herab. Ihre Anführer waren auch Söhne des Volkes, die sich zusammen mit den breiten Volksmassen von Hetzern und Antisemiten verführen ließen und ebenso wie die Massen selbst glaubten, die Juden trügen die Schuld an dem Elend mid der Armut der russischen Bauern. Die antisemitischen Blätter ind die Administration hatten es leicht, eine Erklärung für die Pogrome zu geben. Die christlichen Volksmassen, hieß es, werden durch die Juden ausgebeutet und bedrückt und die Massen nehmen dafür Rache an ihnen. Zwar mußte man zugeben, daß von den Pogromen am meisten die arme jüdische Bevölkerung, die selbst im Elend schmachtet, betroffen wurde, aber gegen die Wut der blinden Massen, sagte man, laßt sich nichts anfangen: sie verstehen nicht zwischen Schuldigen und Unschuldigen zu unterscheiden. Der zweite Akt der Tragikomödie spielte sich im „Gericht" ab, wo eine kleine Zahl Pogrom beiden zur Strafe herangezogen wurde, sowie man arme, verblendete Kinder bestraft, ..... milde und väterlich. Dafür iber wurde die jüdische Bevölkerung für ihr unschönes ökonomisches Verhalten mit desto härteren Strafen belegt, und die Pogromvpoche der achtziger Jahre endete mit den berühmten „Provisorischen Gesetzen", einer Schöpfung des Grafen Ignatjew. Die zweite Epoche leiten die Pogrome ein, die Plehwe inszeniert hat. Hier war das aktive Element nicht mehr die breite Masse, sondern es waren gedungene oder freiwillige Hooligans, Bestien in Menschengestalt, die sich nicht mehr mit der-Zerstörung von jüdischem Vermögen begnügten, sondern in barbarischer Weise unschuldiges Blut vergossen. Diesmal fand man eine politische Erklärung für die Pogrome: Die Juden (behaupteten die Administration und die antisemitische Presse) machen die Revolution. Sie laben die gute „echt-russische" Bevölkerung in deren heiligsten patriotischen Gefühlen verletzt, und diese verlor die Geduld und •acht sich jetzt an den Juden. Man hat einige Exzedenten wiederum recht milde abgeurteilt und die zusammengepferchte, ins Elend gcletzte jüdische Bevölkerung mit noch härteren, grausameren Beschränkungen bedrückt. Die Polizei hat damals schon ein wenig aktiv mitgeholfen, aber, hieß es, sie mußte gegen den jüdischen Selbstschutz vorgehen. Das dritte Stadium war die „konstitutionelle" Epoche von Witte-Durnowo. Auf welche Weise diese Pogrome inszeniert wurden, haben so durchaus glaubwürdige Zeugen wie Fürst Urussow und der gewesene Polizeidirektor Lopuchin hinreichend erläutert. Die Juden mußten für die Konstitution, die die Bevölkerung bei der Bureaukratie erpreßt hatte, den Sündenbock abgeben. Die Pogrome waren rein politische und bureaukratische, und-ausgeführt wurden sie nicht mehr durch die Volksmassen, zu denen man das Zutrauen verlor, sondern durch eigene Delegierte. Die antisemitische Presse zwar hat noch immer behauptet, die jüdischen Revolution äre hätten den Zorn des Volkes entfacht. Aber diesmal verstand man unter Volk die „echt-russischen" Leute, d. h., dieselben freiwilligen oder gedungenen Hooligans, die überall Vereine der „Echt-Russen" gebildet hatten und die jetzt mit solch unerhörter Wildheit in ganz Rußland wüten. Die Erklärung „einer jüdischen Revolution" wurde nur seitens der Bureaukratie und der schwarzen Reaktionäre gebraucht, denn es blieb kein Geheimnis mehr, daß die große Mehrzahl des russischen Volkes alles weniger als Angst vor einer Revolution hatte. Die Pogrome verwandelten sich in einen offenen Krieg der Konterrevolution gegen die Freiheitsbewegung. Deren Helden wurden nicht nur nicht zur Strafe gezogen, sondern offen als gute Patrioten unterstützt und gefeiert. So wurde zum Beispiel der Hauptmann Dugadowski, der einen Rapport nach Petersburg wegen seiner Vorbereitungen zu einem Pogrome gesandt hatte, weiter in seiner Stellung und bei seiner Arbeit belassen. Die Vereine der „echt-russischen Leute" werden fast überall in ihrer Arbeit unterstützt, was immer sie auch verüben mögen. Die antisemitischen Zeitungen wissen schon, daß man mit dem Märchen von einer „jüdischen Ausbeutung" oder der „jüdischen Revolution" bei keinem vernünftigen Menschen etwas ausrichten kann. Und so finden sie nichts Besseres, als den Juden alte Sünden vorzuwerfen. So beschuldigte der Hauptantisemit der „Nowoje Wremja" die Juden eriginellerwcise, daß sie die Stadt Jericho nicht mit Gewalt einnahmen, sondern durch „feige Posaunenbläserei". Es ist selbstverständlich, daß solche sinnlose Anschuldigungen für niemand mehr eine Erklärung für die Pogrome sind, und daß weder die Bureaukratie noch die Patrioten irgendwelche Erklärung überhaupt noch ernstlich suchen - sie kämpfen für ihre Stellung, ihre Macht, die durch die Revolution in Gefahr gerieten, und da die Juden von ihren Gegnern die schwächsten sind, so werden sie von ihrer Wut am meisten getroffen. Die Pogrome aus der Zeit Witte-Durnowo und auch die spätem waren viel grausamer, barbarischer, zynisch-offener geworden; aber sie hatten mit den vorherigen eines gemeinsam: sie traten immer epidemisch auf, zerrütteten in entsetzlicher Weise das jüdische Leben, verbreiteten sich in wenigen Tagen über unzählige jüdische Städte, richteten in einer kurzen Zeit unermeßliches Unglück au und hörten nachher allmählich unter Zuckungen auf. Nach der Todesangst und der entsetzlichen Panik, die die Juden in solchen Tagen durchlebten, trat dann allmählich eine gewisse Beruhigung ein, und das Leben nahm seinen gewöhnlichen Gang. Jetzt, allem .Anschein nach, treten wir in ein neues, das vierte Stadiuni der Pogrome. Die Pogrome werden eine akute, chronische Krankheit. Einen solchen Charakter haben in der letzten Zeit die Ausschreitungen der wilden „Echt-Russen" in Odessa angenommen. Dort ist kein Jude auch nur einen einzigen Tag seines Lebens oder seines Vermögens sicher. Die schwarzen Messerhelden laufen wie die hungrigen Wölfe durch die Straßen der unglücklichen Stadt, dringen in die Wohnungen, quälen, martern, peinigen ihre Opfer bis zum Tode, und es gibt weder Schutz noch Rettung ihnen gegenüber, im Gegenteil, die Administration ist eifrig bemüht, zu VeVhüten, daß sich nur kein jüdischer Selbstschutz organisiere, gegen den sie eine solch fürchterliche Waffe wie die Feldgerichte 'in Bereitschaft hat. Von Petersburg aus schickt der Hauptstab der „echt-russischen" Mörder eine herzliche