Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DIE3^E LT No. K geben, damit dereinst, wenn die Umstände dazu führen werden, die Frage des jüdischen Volkes gelöst werde. Ein anderes Ziel können wir Zionisten nicht haben, denn wir werden es nicht erreichen. Wir werden uns auf den Kernpunkt unserer nationalen Bewegung bedenken und zu deren Ursprung zurückkehren müssen. Die Grundlage ist darin zu suchen, da 1.1 wir Juden, wenn wir uns nicht assimilieren wollen und können, eben alle Nachteile des Golus auf uns zu nehmen haben. Was nützt es uns, theoretisch nachzuweisen, daß wir unsere bürgerlichen Pflichten erfüllen können, ohne unsere nationale Eigenart aufzugeben und auf unsere tausendjährige Geschichte zu verzichten? Unsere Argumente, so gerecht und logisch sie an sich auch sind, werden niemals Anerkennung finden. Und wie lange noch werden wir uns der Illusion hingeben, durch die geistige und politische Befreiung der Völker uns selbst frei zu machen? Wir können uns tausendmal damit abquälen, den schweren Stein die steile Höhe hinaufzuwälzen, am Ende entgleitet er doch unseren Händen und stürzt wieder hinab. Wir können unmöglich unser Wohl und Weh darin finden, wenn in irgendeinem Parlament unter fünfhundert „Gesetzgebern" auch zwei oder drei Juden Platz finden. Wenn wir unsere Kräfte dafür verwenden, so entfernen wir uns immer von unserem Programm, von der Arbeit für unsere nationale Zukunft. Gegenwartsarbeit im Interesse der Zukunft, das soll unsere Aufgabe sein. Ob Zionisten neben den zionistischen Bestrebungen auch anderen ihre Kräfte leihen wollen, diese Frage will ich diesmal nicht erörtern. Aber der Zionismus muß sich ausschließlich den nationalen Aufgaben widmen. Wir haben vor allem die innere Kulturarbeit zu fördern, von der wir uns niemals hätten abwenden sollen denn diese Arbeit gelingt uns noch am besten, trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten. Mag sie unvollkommen und mangelhaft sein weil uns die Bewegungsfreiheit fehlt, aber das jüdische Volk besitz* gerade auf diesem Gebiet eine große Fertigkeit, einen Vorrat ai Erfahrung und Übung. Sache des Zionismus wäre es nur, die innere kulturelle Arbeit intensiver und einheitlicher zu gestalten Was das Endziel des Zionismus betrifft, so ist dessen Erreichung nicht bloß von unserm Willen abhängig, sondern von der Entwicklung der Dinge, die in der Zukunft liegt. Den Gang der Geschichte kann kein Mensch voraussehen; aber es genügt, da«, wir unser Ziel erkennen und uns für die Zukunft bereithalten, dazi zu gelangen, wenn die äußeren Umstände es ermöglichen werden Mit anderen Worten: die zionistische Organisation mul innerlich gefestigt sein und immer mehr Kreise des j ü dischen Volkes umfassen; unsere kulturelle Kraft mul stark und ungebrochen sein, der nationale Gedanke Ge meingut der ganzen Judenheit werden, damit die Zeit, welche der Lösung der Judenfrage im Sinne der natio nalen Freiheit günstig sein wird, ein Geschlecht finde! das dieser Freiheit würdig, und eine Organisation, di< sie beschützen und behalten kann. So verstehe ich das Problem unserer Zukunft. Nur wenn wi an eine Zukunft glauben und für sie arbeiten, wird uns kein Fiask» abschrecken und entmutigen. In diesem Sinne kann das jüdisch Volk überhaupt niemals Fiasko machen; denn was uns mißlingt, kann ein späteres Geschlecht unter günstigeren Bedingungen wiede aufnehmen. AUS DEM JÜDISCH-POLITISCHEN LEBEN ÖSTERREICHS (Von unserem Wiener Korrespondenten) Es kommt anläßlich der Wahlen allmählich System in die Kampfesweise der Antizionisten. Alte Schlagworte, die man schon jahrelang in der Öffentlichkeit nicht gehört hat, werden hervorgeholt, um den Wahlkampf zu vergiften und die Agitation gegen die Zionisten zweckentsprechend zu präparieren. Die Kampfmittel sind andere in Galizien und andere in Wien. Hier wie dort stellen sie die zweideutigste Spekulation auf die jüdischen Durchschnittswähler dar. Dort lauten sie drohend und sollen einschüchtern, hier sind sie in die liebliche Form von Denunziationen gekleidet und sollen verwirren. Das Exekutivkomitee der jüdischen Landesorganisation in Galizien, das die zionistische Gefahr bannen und unter jüdischer Firma dem Polenklub die stutzig gewordenen jüdischen Schäfchen in den Pferch treiben soll, gibt in einem jüngst veröffentlichten Wahlaufrufe die Grundmotive für die antizionistische Propaganda in Galizien. Sie sind nicht neu, denn sie haben vor Jahresfrist, als die Zionisten in die Wahlreformbewegung eintraten, die jüdischnationale Arbeit begleitet und hemmen wollen. Aber sie sind in dem Wahlaufruf besonders scharf und klar herausgearbeitet und lassen ihre Tendenz allzu durchsichtig erkennen. Die professionellen Hausjuden der Schlachta verkünden also: „Die Juden sind weder moralisch noch numerisch stark genug, um einen Staat im Staate zu bilden. Sie dürfen sich nicht durch unerfüllbare Illusionen in einen gefährlichen Kampf hineinreißen lassen, in welchem tausende und abertausende Existenzen ans Messer geliefert werden könnten. Es ist kaum rätlich, die heiligsten Gefühle der polnischen Nation herauszufordern, denn die Juden werden dadurch einen Rachekrieg heraufbeschwören, der unter dem Schlagworte der Selbstverteidigung und Notwehr die wildesten antisemitischen Leidenschaften entfesseln könnte. Angesichts des ernsten Momentes ist die^ jüdisch-polnische Solidarität ein Gebot der Notwendigkeit." Wie man sieht, ist's die alte Leier Das Gespenst von Judenexzessen wird aufgerichtet und ein polnische Rachekrieg prophetisch angekündigt. Das nationale Interesse de Polen allein soll Richtschnur und Schibboleth der galizischen Judei sein. Der Wahlaufruf, der so besorgt um die Juden tut, ist ein K:« binetstück politischer Verdrehungskunst und Unaufrichtigkeit. Er gib vor, die jüdischen Interessen zu wahren, und vertritt nur die polnisch nationalen. Er will ängstlich die „heiligsten Gefühle'' der polnische, Nation schonen und meint nur den Schutz von Mandatsinteressc einer das Land und die Juden beherrschenden und demoralisierende! Adelsclique. Er singt das Hohelied einer polnisch-jüdischen Soli darität und versteht darunter die politische Unterordnung im. Entrechtung der galizischen Judenschaft. Er warnt angeblich, droh aber nur. Die paar Millionen Ruthenen, ihre „heiligsten Gefühle' ihre Leidenschaften, ihre wirtschaftlische und numerische Stärk werden als nicht existierend behandelt. Ein ruthenischer „Rächt krieg" ist den polnischen Nachläufern Hekuba. Und die 900 0()' Juden des Landes? Die werden vom infallibeln Exekutivkomitee das sich als Generalvertretung des Polenklubs etabliert hat und in übertragenen Wirkungskreis als dessen jüdischer Zentralfakte fungiert, den „heiligsten Gefühlen der polnischen Nation" geopfer den Polen mit Haut und Haaren verschrieben. In Wien hat uns einer der „berühmten" Advokaten mit einem aut: zionistischen Argument, das Deutschlands Protestrabbiner vor einen Jahrzehnt erfunden und gegen den Zionismus zum Überdruß ausgeschrotet haben, beglückt. Herr Dr. Friedrich Elbogen, der als Verteidigtwohl einen Namen hat, aber die virtuosen Brusttöne tiefster unechtester Überzeugung aus der Barreaupraxis in die Politik dt Bloch-Kandidatur ohne viel Erfolg überträgt, hat in einer Versammlung der „Union" das häßliche, illoyale und aufreizende Woü wmL i .