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Die Welt · 1907-03-08 · 10 (8.3.1907) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE^ELT No. 10 7 habergunst sonnen. Aber wir sind in der Diaspora zur Genüge' abwarten, wie die Dinge sich in der Duma ohne eine nennenswerte mit gesundem Mißtrauen gewappnet, um uns auch von Täuschungen jüdische Vertretung entwickeln werden. Vielleicht wird sich das seitens der Liberalen nicht beirren zu lassen. Wir werden Wort bestätigen: Q-nriN t"y rwyj DfON^S — 13* N. S. DAS PROBLEM DER ZUKUNFT Von Dr. SIMON BERNFELD ) Unsere politische Gegenwartsarbeit, auf die so viele Hoffnunggesetzt wurde, hat in Rußland kläglich Fiasko gemacht. Da hilft keine Beschönigung, keine gegenseitige Beschuldigung, durch welche die eine Partei die Verantwortung auf die andere abzuwälzen versucht. Die Tatsache steht einmal fest, und ihre Bitterkeit wird auch dadurch nicht gemildert, daß wir alle Parteien von der Schuld freisprechen und die im Wahlkampf erlittene Niederlage als die notwendige Folge der Verhältnisse erklären. Es wird darauf hingewiesen, daß die Juden in ganz Rußland nach dem bestehenden Wahlsystem keinen einzigen sicheren Wahlkreis haben; die Wahl jüdischer Abgeordneter hängt somit von dem guten Willen der anderen Parteien ab, und wenn dieser Wille nicht vorhanden ist, so kann das jüdische Volk, sechs Millionen Menschen, in der gesetzgebenden Körperschaft ohne jede Vertretung bleiben. Theoretisch betrachtet, ist dies durchaus richtig, aber im Ansiedlungsrayon bilden doch die Juden einen erheblichen Teil der Wähler. Bei einer guten politischen Leitung und einer zureichenden Organisation, bei einem starken und alle Volksschichten gleich beherrschenden Nationalgefühl hätten die Wahlen doch anders ausfallen sollen. Oder man müßte an der Zukunft der Juden in Rußland gänzlich verzweifeln. Aber warum sollen wir uns lediglich mit den russischen Angelegenheiten befassen, mit dem Wahlkarnpf in einem Lande, wo das parlamentarische System noch neu ist, wo die Juden Energie und Temperament zeigen, aber keine politische Schulung? Sieht es denn in Österreich damit viel besser aus? In Wien haben die Juden infolge der neuen Wahlordnung und der neuen Wahlkreiseinteilung zwei ziemlich sichere Mandate, das eine in dem sogenannten Quaiviertel und das andere im ersten Bezirk der Leopoldstadt. Und wie wird über die zwei Mandate verfügt? In dem einen Wahlkreis sind sich die jüdischen Kaufleute und Industriellen darüber einig, daß sie im Parlament nur durch einen ihrer Berufsgenossen vertreten sein können; das Handelsinteresse steht bei ihnen im Vordergrund. Und um das andere Mandat streiten sich drei jüdische Kandidaten herum, und die wahrscheinliche Folge davon wird sein, daß es gar einem Christlichsozialen zufallen wird. Wie es in Galizien mit der Wahlbewegung unter den Juden aussieht, davon wollen wir gar nicht sprechen. Ich muß offen gestehen, daß sich mir der Gedanke aufdrängt, uns Juden ist in der letzten Zeit jedes wirkliche Nationalgefühl abhanden gekommen, uns fehlt das Verständnis für nationale Pflicht, wir sind kein Volk mehr, sondern ein Haufe Menschen ohne jeden inneren Zusammenhang, ohne leitende Idee und ohne jeden Blick in die Zukunft. Wenn dem so wäre, so müßten wir folgerichtig unser Heil in der Assimilation suchen. Ein Volk, das für sich nicht mehr leben kann, muß den Anschluß an andere suchen. Indessen können wir trotz der traurigen Erscheinungen dieses nicht gelten lassen. Wir müssen die betrübenden Zustände ohne jede Schönfärbung in ihrer ganzen Gefahr erkennen und zugestehen; die Rettung kann für uns nur noch in der Wahrheit liegen und in dem Bestreben, alles von Grund aus neu zu beginnen. Die Hauptursache unseres bisherigen Mißlingens liegt nach meiner Überzeugung darin, daß uns die Geduld und die Ausdauer für langsame, ruhige und zielbewußte Arbeit fehlt, daß das jüdische Volk, das Jahrtausende hindurch, von der Gegenwart sich abwen- '■■■) Auf vorstehenden Artikel werden wir in unserer nächsten Xummer zurückkommen. dend, nur für die Zukunft lebte, jetzt in das entgegengesetzte Extrem überschlug und für die Zukunft gar kein Verständnis mehr zeigt, sondern alles überhastet, um das Ende zu erreichen, noch bevor der Anfang gelungen ist. Wir fangen immer mit dem Endziel an, wir sagen das letzte Wort, wir möchten die Fassade aufputzen, noch bevor der Grundstein gelegt ist. Wenn das jüdische Volk je zu einer ehrenvollen Stellung in der Welt gelangen sollte, so muß es sich einer schweren und langwierigen Arbeit unterziehen. Ohne Arbeit, ohne schwere und ausdauernde Arbeit ist noch kein gefesseltes Volk frei geworden. Weil wir uns die Lösung unserer Aufgabe so leicht und so schnell gedacht haben, wird sie uns nie gelingen. Der Zionismus muß zu ruhiger und anstrengender Arbeit zurückkehren. Wir müssen dem Volk offen und ehrlich sagen, das Werk der Erlösung, der inneren und der äußeren Befreiung, ist nicht für einen Tag und nicht für zwei Tage. Der Weg, der vor uns liegt, ist weit und beschwerlich, und wir können ihn nur Schritt für Schritt zurücklegen. Unsere Alten haben gesagt, der ersehnte Messias werde einst unverhofft kommen. Gewiß, wenn wir auf eine übernatürliche Rettung hoffen, dann mag sie unverhofft kommen. Aber wo wir die Selbsthilfe, die Selbstbefreiung erstreben, kann dies nur von Stufe zu Stufe geschehen. '{Nicht mit der Politik durften wir anfangen, mit der Jagd nach dem Mandat, sondern mit der nationalen Erziehung, mit der Erweckung des nationalen Gefühls und mit der Befestigung des geschichtlichen Bewußtseins. Nehmen wir die Summe aller Kräfte zusammen, die wir in den letzten zehn Jahren vergeudet haben in leeren Demonstrationen, im Jagen nach Seifenblasen, so hätten wir damit, wenn wir sie in der stillen Arbeit zur Nationalisierung des jüdischen Volkes verwendet haben würden, viel erreicht. Aber was nützt das alles? Wir haben uns in der letzten Zeit gewöhnt, die Idee, die werbende Kraft des Gedankens, zu mißachten. Es ist bei uns eine Art Hurrastimmung entstanden, die kein ruhiges Nachdenken und keine Überlegung aufkommen ließ. Der ruhende Pol in der Flucht der sich überstürzenden Ereignisse bleibt für uns die nationale Idee, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wie ist aber diese zu erreichen? Nur wenn wir unsere nationale Bewegung von allem losschälen, was nicht zu ihr gehört. Es ist ein verhängnisvoller Fehler, wenn wir, um unsere nationalen Gedanken volkstümlich zu machen, jedem Zug der Zeit folgen. Der nationale Gedanke soll dadurch volkstümlich gemacht werden, daß wir ihn dem Volke erklären und zuführen, nicht aber dadurch, daß wir uns von jeder volkstümlichen Strömung, die zufällig aufkommt, fortreißen lassen. Die Gegenwartsarbeit, die ich als einer der ersten gefordert habe, kann nur dann nützlich sein und unserem Programm entsprechen, wenn sie in den Dienst der nationalen Zukunft gestellt wird. Täuschen wir uns doch nicht, die Geschichte hat zur Genüge gelehrt, daß wir von keinem politischen System etwas zu hoffen haben, weder von dem Absolutismus noch von der Demokratie. Wir müssen uns einfür allemal mit der Tatsache abfinden, daß wir, so lange wir Juden sind und als solche im sozialen Organismus in Betracht kommen, nirgends und niemals als gleichwertige Bürger würden behandelt werden, daß so die Judenfrage nicht gelöst werden kann. Wir können nur arbeiten und streben, das jüdische Volk nach Möglichkeit in seiner Eigenart zu erhalten, ihm die geistige und moralische Widerstandskraft zu 9-7:

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