Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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den Juden das Heil nur aus ihrer Mitte kommen kann. Und die Ereignisse haben uns Recht gegeben. Höchstens könnten wir die groteske Tatsache, daß zwei Mitglieder des Vorstandes des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" öffentlich für die Wahl eines Antisemiten eingetreten sind, und zwar, wie sie selbst zugeben, „aus Parteiinteresse", als einen treffenden Beleg für unsere Behauptung von der vollkommenen Unzulänglichkeit und Unzuverlässigkeit vieler unserer guten „Freunde" anführen und auch als einen unwiderleglichen Beweis für die „Judenfreundlichkeit" der freisinnigen Politiker, die „aus Parteiinteresse'4 den Antisemitismus propagieren. Mehr wäre eigentlich über die Tagung des Zentralvereins zu sagen. Wir haben zwar nicht erwartet, daß die Herren „Staatsbürger jüdischen Glauben" das Vertrauen in ihre Unfehlbarkeit endlich verlieren und die logischen Konsequenzen aus ihrer jüngsten Wahlniederlage ziehen werden, indem sie die Bahnen beschreiten, die Selbstachtung und gesunde Taktik ihnen weisen sollten. Darauf aber waren wir nicht gefaßt, daß sich die Delegierten auch heute noch mit dieser Auswahl aus dem großen Phrasenlager des Schutzjudentums begnügen würden, die ihnen in der Generalversammlung geboten wurde. Weil die Zahl der abgegebenen Stimmen bei der Reichstagswahl sich um 9,6 % vermehrt hat, glaubt der Zentralverein die von ihm selbst ausgerechnete Stimmenzunahme der antisemitischen Parteien um 93 % im „wesentlichen mit auf die größere Wahlbeteiligung zurückführen" zu können. Vor solchen rechnerischen Leistungen verstummt allerdings jede Kritik, und es bleibt uns nur übrig, zu bedauern, daß die Summe von ehrlicher Begeisterung und Intelligenz, die sicherlich im Zentral verein vereinigt ist, auf diese lächerliche Weise nutzlos vergeudet wird. Wenn die deutschen Juden dem Antisemitismus keine anderen Waffen entgegensetzen können, dann fürchten wir, werden sich allgemach aus der jüdischen und christlichen Abwehr die letzten Mannen heimlich drücken um1 die Antisemiten aller Couleurs werden bei den nächsten Wähler auch den letzten kläglichen Rest statistischer Apologetik spielend zunichte machen. ZUM WAHLERGEBNIS IN RUSSLAND Die Ursachen des schlechten Wahlergebnisses für die Juden sind verschieden. Erstens ist das gegenwärtige Wahlsystem in Rußland - ein Stümperwerk. Man wählt die Wahlmänner nach Kurien: Großgrundbesitzer, Bauern, Fabrikarbeiter, städtische Bevölkerung. Nur wenige Städte können Dumaabgeordnete wählen, und die Wahlgeometrie ist der Ausfluß einer willkürlichen Verwaltungspraxis. Bezüglich der Juden liegen die Verhältnisse so, daß dort, wo sie einen Anspruch auf einen eigenen Vertreter erheben könnten, das Gros der sie umgebenden Bevölkerung klerikal oder nationalistisch ist, und auf den Wahlmännerversammiungen der verschiedenen Kurien sind sie überall eine Minorität und --- wenn isoliert — ganz machtlos. Zweitens setzt die Regierungsmaschine mit allen Hebeln ein und scheut vor keinerlei Verdrehungen undMaßlosigkeiten zurück, um einem Juden keinMandat zukommen zu lassen (Wilna ). Drittens stürzt sich die Geistlichkeit in einer Art Verzweiflung zusammen mit den geldgewaltigen Gutsbesitzern in den Wahlkampf, und das Volk wird, unter Hinweis auf die religiöse Pflicht, die „Christusverkäufer" nicht zu unterstützen, ä la Torquemada aufgehetzt (Grodno). Viertens arbeitet eine Pogromistenpartei, „Verband russischer Leute" genannt, mit mächtigen Geheimmitteln, und der Unfug wächst sich so riesig aus, daß man durch gefälschte Zettel den bluttriefenden Helden von Kischinew, Kruschewan, mit Gewalt durchbringt, — etwas, was auch die wildesten Geiferer der Hetzpresse nicht träumten. Dann kommt noch der Umstand in Betracht, daß, während man auf uns von außen her einträchtig losdrischt, in unserm eigenen Lager Zwistigkeiten herrschen, die nicht nur ein Zusammengehen, sondern auch eine engere Fühlungnahme unter den Parteien unmöglich machen. Parteigeist und Fraktionshader düngen den Boden, auf dem die Giftpflanze der Feindschaft, der Verbissenheit und der phrasenhaften Spitzfindigkeit wuchert. Wenn es gelungen ist, in die vorige, erste Duma 12 Juden hineinzubringen, so geschah es nur, weil die Gegner noch nicht gerüstet, der amtliche Apparat noch nicht vorbereitet und die Konturen noch sehr nebelhaft waren. Die Differenzierungsparolen in unserer Mitte ließen sich auch noch nicht hören. Es gab damals noch keinen solidarischen Antisemitismus, hingegen gab es eine solidarische Judenheit, —das pure Gegenteil von jetzt, da wir einem geeinten Antisemitismus als Minderheit, wie wir es sind, und zerklüftet gegenüberstanden. Es geschehen keine Wunder. Hieraus kann man die Schlußfolgerung ziehen, daß, so lange die obenerwähnten Bedingungen bestehen werden, keine Aussichten für eine jüdische Vertretung in der russischen Duma vorhanden sind. Wie kann es anders werden? Die beste Lösung wäre — eine proportioneile Vertretung de zerstreuten nationalen Minderheiten und darunter auch der Juden. Letztere hätten dann ihre 20—25 Abgeordnete und wären nicht ge zwungen, politischen Schacher und „Kuhhandel" mit den anden Parteien zu treiben. Sollte dieses Prinzip nicht durchgeführt werden, so bleiben nu Halbmittel. Also eine gerechte Wahlgeometrie, die jüdische Wähler einheiten zur Geltung kommen lassen wird; Einführung der allgemeine: Wahl, die für die Juden auch nicht günstig, aber jedenfalls besser al das Kuriensystem ist; strenge Gesetze gegen die Beeinflussung seitens der Behörden und der Kirche; ein Strafbarmachen de Hetzvereine, die den „Pogrom" als ein wahltaktisches Mittel benutzen und — ein solidarisches Zusammengehen der Juden, da es gü einen Feind zu besiegen, der uns alle entrechtet und zurückdränge Es soll damit nicht gesagt werden, daß die Verkoppelung ur vereinbarer Ideengegensätze wünschenswert wäre. Nein! Wo ta sächlich ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen Juden gähnt, so man nicht versuchen, die Kontraste durch Heuchelei zu vertusche! Dies würde nur die Gedanken verwässern und die Charaktere al töten, und — die Förderung politischer Grundsatzlosigkeit ist g\ fährlipher als hundert Wahlniederlagen. Aber man soll nicht in Kasuistik verfallen, jedes Paktieren mit den wirklich Nahestehende! von der Hand weisen — hart sei man, doch nicht starr! In der bündigsten und klarsten Form kann es herausgesa werden: Zionisten und Jüdisch-Nationale können sich für die Ve teidigung jüdischer Interessen vereinigen. Ein Bündnis mit As< milanten wäre innerlich verlogen, weil Assimilanten wohl ein b teresse an einer bürgerlichen Gleichberechtigung, aber nicht t.1 einer Verteidigung der Volkskultur und an einer spezifisch-jüdisclu i Vertretung haben können. Viel ist gestritten und auf beiden Seiten übertrieben worde. Die Streitaxt kann nun vorläufig begraben werden, denn es wä ' unklug, die Unlust auf diese oder jene Gruppe abzulenken, um; i ihr den Obermut zu kühlen. Es gilt jetzt nicht mehr das Part interesse, sondern das Wohl der Gesamtheit für die Zukunft i wahren. Wir ziehen nicht mit gesenktem Blick ins Philisterland zuri'u So manches haben wir gelernt, oder richtiger, das schon läm 1 Erlernte im Gedächtnis wachgerufen. Wir haben keine falsch-' Bündnisse geschlossen und es nicht unterlassen, unsern Standpum 1 zu betonen. Wir wollten uns nicht in den Strahlen der Mach;