Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316254--49078-3344001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
stamme, gegen die antisemitischen Invektiven der Sozialdemokratie habe schützen müssen. Man könne im übrigen die Freisinnigen nur dann verurteilen, wenn sie im Wahlkampfe gleich den Sozialdemokraten antisemitische Kampfesmittel verwendeten; das sei meines Wissens niemals geschehen. Wenn es aber nicht gelungen sei, jüdische Männer in den Reichstag zu bringen, so sei das doch nicht die Schuld derFreisinnigen; darüber brauche man doch kein Wort zu verlieren." Da haben wir den freisinnigen Philosemiten. Daß die Freisinnigen einigen Antisemiten in den Reichstag verholfen haben, das verschlägt doch nichts. Tout comprendre c'est tont pardonner: Seien Sie doch dankbar, meine Herren deutschen Juden, daß wir nicht antisemitische Kampfesmittel verwendet haben! Bedenken Sie doch, wie wahrhaft freisinnig wir gehandelt haben, daß wir die reichen antisemitischen Agitationsmittel ä la Püclder verschmähten! — Verstehen Sie doch, um wieviel wir besser sind als die Sozialdemokraten, die ganz offen den Antisemitismus für Propagandazwecke benutzen! (Was — nebenbei bemerkt — die Sozialdemokraten ihrerseits von den Liberalen behaupten.) Es muß einem ehrlichen Manne, wie Dr. Barth, nicht angenehm sein, wenn er sieht, wie seine Freunde seine Politik unterstützen: Entweder sie agitieren für den Antisemitismus oder sie finden das famose Wort vom „Alles-Verstehen" und erklären offen, daß den Freisinnigen Antisemitismus erlaubt ist, wenn bloß keine antisemitischen „Kampfesmittel" angewendet werden. Was werden die deutschen Juden zu diesem würdigen Nachfolger der Herren Kopsen und Lenzmann sagen? Und was zu der Äußerung des Herrn Eickhoff, in der er es offen als die Schuld der Juden selbst hinstellt, wenn keine Juden gewählt werden? Wird ihre Nachsicht, die so hart auf die Probe gestellt wird, keine Grenze finden? Scheint es doch wirklich, als ob gerade für sie das geflügelte Wort zum Leitmotiv, zur Grundlage ihrer politischen Erkenntnis wurde: Tont comprendre — c'est tout pardonner. In der verflossenen Woche fanden die General- Von der „Abwehr Versammlungen des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und die des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" statt. Die Verhandlungen beider Vereine waren, wie sich nach dem traurigen Ergebnis der Reichstagswahlen voraussehen ließ, durchwegs auf Moll gestimmt. Der offiziöse Bericht über die Versammlung des Zentralvereins lautet: Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hielt am 24. Februar in Berlin seine erste Delegiertenversammlung unter der Leitung des Vereinsvorsitzenden, Justizrats Dr. M.Horwitz, ab. In erster Linie wurden Organisations- und Propagandafragen beraten, über die als Referenten die Rechtsanwälte Dr. Brodnitz- Berlin und Dr. Hinrichsen-Hamburg berichteten. Den nächsten Punkt der Tagesordnung bildeten die letzten Reichstagswahien. Der Referent, Dr. Jos. Lewy-Berlin gab ein ausführliches Bild von der neugeschaffenen Situation und der Wahltätigkeit, die der Verein, soweit es seine Tendenz zuließ, entfaltet hat. Von den meisten Rednern, die sich an der Diskussion beteiligten, wurde dem Referenten darin zugestimmt, daß die Zunahme der antisemitischen Mandate besonders auch aus dem Grunde bedauerlich sei, weil die lokalen Organisationen der linksstehenden Parteien den von den Zentralleitungen ausgegebenen Wahlparolen, keine Stimme den Antisemiten zu geben, in vielen Wahlkreisen unbeachtet gelassen haben. Auf Anregung des Abgeordneten Dr. Cohn-Dessau wurde folgende Resolution gefaßt: „Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens richtet an alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens das dringende Ersuchen, durchweg, — ein jeder in seiner Partei, — zu umfassender Bekämpfung des Antisemitismus in die politische Bewegung einzutreten." Im weiteren Teile der Verhandlungen beschäftigte man sich mit einer Reihe von aus der Versammlung gegebenen Anregungen. Insbesondere wurde die Frage erwogen, in welcher Weise der Verein am besten wirke, um die christlichen Mitbürger mehr als bisher über die Ziele der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens aufzuklären, die keine Sonderinteressen verfolgen, sondern nur den Anspruch auf die ihnen gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung machen. Insbesondere sei es Aufgabe des Vereins, gegenüber den vielfach herrschenden Vorurteilen aufklärend zu wirken und die christlichen Mitbürger zu bewegen, aus eigenem Gerechtigkeitsgefühl aktiv für die berechtigten Ansprüche der deutschen Juden einzutreten. Über die Verhandlungen des Abwehrvereins wird folgendes verlautbart: Unter sehr zahlreicher Beteiligung von Mitgliedern aus allen Teilen Deutschlands fand in einem Saale des im Moabiter Stadtteile gelegenen Landesausstellungsparkes die ordentliche Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Vorsitzende, Dr. Theodor Barth-Berlin, eröffnete die Versammlung mit Worten der Begrüßung. Der Geschäftsführer des Vereins, Schriftsteller Kurt Bürger, bemerkte alsdann bei Erstattung des Geschäftsberichts: Die Tätigkeit des Vereins sei in der Hauptsache-ein publizistische, und zwar durch Herausgabe der von ihm, Redner, redigierten „Mitteilungen", Flugblätter und eines Kalenders, um den Antisemitismus in jeder Form, auch den sogenannten Gesellschaftsantiseniitismus, zu bekämpfen. Durch die Flugblätter sei unter anderem die Lüge der sogenannten Großrabbinerrede über russische Verhältnisse gebrandmarkt und nachgewiesen worden, daß diese Rede nichts weiter als der Abklatsch eines in den neunziger Jahren in den Deutsch-Sozialen Blättern von Liebermann v. Sonnenberg enthaltenen Hetzartikels war. Es sei ferner den antisemitischen Weihnachtsflugblättern durch Flugblätter entgegengewirkt worden. Außerdem sei eine Broschüre „Der politische Antisemitismus von 1903 bis 1907" herausgegeben worden, der augenscheinlich die Verdrängung von drei antisemisemitischen Abgeordneten im Osten zu verdanken sei. Es seien 1 14 Millionen Kalender verbreitet worden. Die Mitglieder des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus seien an keinem Orte willens, die Flinte ins Korn zu werfen, sondern haben den festen Vorsatz, die Agitation kräftig auszudehnen, um bei den nächsten Wahlen bessere Erfolge zu erzielen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Barth sprach alsdann über „unsere Stellung zum Antisemitismus in und nach den Reichstags wählen": Der Verein habe keine bestimmte politische Richtung, er könne auch und wolle auch nicht eigene Kandidaten für die Parlamente aufstellen. Sein Grundsatz sei, diejenigen Kandidaten, ohne Rücksicht auf ihre Parteirichtung, nach Kräften zu unterstützen, die die Garantie geben, daß sie vollständig frei vom antisemitischen Bazillus seien, und die den Grundgedanken der konfessionellen Gleichberechtigung zur Wahrheit machen wollen. Der Kandidat, den der Verein unterstützen solle, müsse die Garantie geben, daß er im Falle einer Stichwahl zwischen einem Antisemiten und einem Nichtantisemiten, auch wenn dieser Sozialdemokrat sei, rund und klar gegen den Antisemitismus Stellimg nehme und in diesem Falle den Sozialdemokraten als das kleinere Übel ansehe und wähle. (Lebhafter Beifall.) Ungemein bedauerlich sei es, daß bei den letzten Wahlen selbst von freisinniger Seite bei den Stichwahlen mehrfach den Antisemiten zum Siege verholfen wurde. Ja, es haben selbst zwei Herren, die dem weiteren Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus angehören, offen aufgefordert, bei der Stichwahl für den Antisemiten zu stimmen. (Hört! hört!) Die Herren haben sich entschuldigt, daß sie das „aus Parteiinteresse" getan haben. Eine solche Entschuldigung könne selbstverständlich nicht gelten. Er habe in seiner Eigenschaft als Vorsitzender die Herren aufgefordert, aus dem Vorstand auszutreten, dies sei geschehen. Er gebe sich der Hoffnung hin, daß die Generalversammlung sein Vorgehen billigen werde. (Lebhafter Beifall.) Der Verein sei es seiner Ehre schuldig, keinerlei Konzessionen zu machen, sondern mit voller Rücksichtslosigkeit vorzugehen. Wenn der Verein erst irgendeine Nachgiebigkeit zeige, dann sei es mit ihm vorbei. Wenn auch der sogenannte Radauantisemitismus anscheinend abgewirtschaftet habe, so bestehe doch in viel gefährlicherer Form der Antisemitismus, der das öffentliche Leben durchdringe. Die konservativen Parteien und der Bund der Landwirte seien durch und durch antisemitisch. Die konfessionelle Gleichberechtigung sei durch die Verfassung garantiert, in Wahrheit werden jedoch täglich Juden ihrer Religion wegen zurückgesetzt, von Staatsämtern und ganz besonders in der Armee vollständig ausgeschlossen. Man mache Juden nicht einmal zu Reserveoffizieren. Dieser flagranten Rechtsverletzung müsse mit allem Nachdruck entgegengetreten werden. Es dürfe nicht außer acht gelassen werden, daß die Antisemiten die größten Feinde des Rechtsstaates seien.' (Lebhafter Beifall.) Mit dem Abwehrverein haben wir eigentlich wenig Ursache, uns zu beschäftigen. Wir haben bei aller Dankbarkeit für die freundliche Gesinnung der Herren immer die Anschauung vertreten, daß 2