Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Studenten an der Agitation der sozialdemokratischen Partei bei den Reichstagswahlen. Es heißt nämlich, russische Studenten hätten in Leipzig und anderwärts der Sozialdemokratie sogenannte „Schlepperdienste" geleistet. Die konservative deutsche Presse hat sich bereits der Angelegenheit bemächtigt, sie zu einer politischen Gefahr aufgebauscht und zum Ausgangspunkte bissiger Betrachtungen und wütender Ausfälle gegen das Studententum aus Rußland gemacht. So z. B. ließen die „Grenzboten", ein sonst ziemlich ruhiges und vornehmes Blatt, einen wutschäumenden Artikel gegen die russischen Studenten los. Und wir würden uns nicht wundern, wenn jetzt, wo die Reichsregierung Wind in ihre Segel bekommen hat und die Sozialdemokratie darniederliegt, die Behörden den Wünschen der Reaktion nachkämen und vor den Hochschulen eine Tafel anbringen ließen: „Studierenden aus Rußland ist der Zutritt verboten — bei Strafe sofortiger Ausweisung....." Wir wollen nicht auf die Bewertung oder sogar nur Besprechung der Handlungsweise der deutschen chauvinistischen Studentenschaft und Presse eingehen. Es wäre eher merkwürdig, wenn sie anders handeln würden. Ihnen allen, den Geistern der. Schwere, der Ordnung, der Starrheit, ist das russische Studententum, oder nennen wir das Kind bei seinem richtigen Namen, das jüdische, aus Rußland zugezogene, ein Dorn im Auge. Ob wirkliche Seelenmotive, Verschiedenheit der Weltanschauung, Unterschied der Temperamente, ob bornierter Antisemitismus und Eigendünkel die Ursache dieser Abneigung sind, soll hier nicht entschieden werden. Tatsache ist, daß die jüdischen Studenten, die an den deutschen Universitäten studieren, von ihren akademischen Kollegen deutscher Herkunft mit feindlichen Augen betrachtet werden. Das ist eine Tatsache, — und dagegen läßt sich mit Argumenten nichts machen. Erfahren denn nicht im Grunde genommen die jüdischen Studenten in Rußland selbst, an den heimischen Hochschulen, dasselbe Geschick? Auch dort leben Russen und Juden getrennt von einander; nur die Revolution führt sie zusammen. Außerhalb der Politik stehen sie einander fremd gegenüber. Schon jetzt, wo die Juden in nur geringen Bruchteilen den russischen Hochschulen infiltriert werden, gibt es, besonders in den Städten des Rayons, also in Odessa, Kiew, Charkow, Verbände „echt russischer" Studenten, die antisemitisch und reaktionär sind. Man könnte viele traurige Vorfälle aus dem Leben der jüdischen Studenten in Rußland erzählen. Der russische Student, von Ausnahmen abgesehen, auch wenn er Revolutionär ist, duldet nur ungern den Juden. Er hält ihn für ein „notwendiges Übel", aber doch für ein Übel. Und wenn auch im Rausch der Revolution, im Getöse des Kampfes gegen den allgemeinen Feind, die Stimme der Antipathie erstickt wird, sie tönt doch mit. Und in den Pausen klingt sie nach, und in der Ruhe ist sie merklich, steigert sie sich, bis sie zuweilen die Dominante wird. Und wenn die Emanzipation der Juden in Rußland durchgeführt sein wird, die Tore der Hochschulen vor den Juden sich öffnen werden, dann werden wir sicherlich diese Stimme noch anders zu hören bekommen. Sehen wir doch schon jetzt, wie gewisse, früher makellose liberale Gruppen immer mehr nach rechts schwenken. Was wir für Rußland befürchten, haben wir in Deutschland schon heute. Und von unserem Standpunkte aus ist es weder unerwartet, noch besonders schmerzlich. Wir rufen den Studenten aus Rußland, denen jetzt der Sturm gilt, zu: „Wenn es wahr ist, daß ihr euch als „Schlepper" betätigt habt, dann wäre euch jetzt recht geschehen. Warum mischt ihr euch in fremde Angelegenheiten, warum wollt ihr „Hans Dampf in allen Gassen" spielen?" Es ist ja recht schön und höchst begreiflich, daß russische Sozialdemokraten den deutschen Genossen Erfolg wünschen; es ist ein Ideal der zukünftigen Jahre, daß alle Völker ohne Unterschied der Schlagbäume und Grenzpfähle über Berge und Meere zur gemeinsamen Kulturarbeit sich die Hände reichen. Aber noch ist die Zeit nicht reif dafür, —- und Deutschland ist am allerwenigsten der Platz dafür. Können sich denn die Studenten aus Berdytschew und Hornel wirklich einbilden, daß sie die Verhältnisse in Deutschland besser verstehen als die Detitschen.selbst? Wenn sie meinen, der Sozialdemokratie in ihrem Kampfe gegen das Bürgertum irgendwelchen Nutzen bringen zu können, so machen sie sich nur lächerlich. Ihre Einmischung in die deutsche Wahlkampagne — immer vorausgesetzt, daß sie keine bloße antisemitische Erfindung ist — weckt unwillkürlich die Erinnerung an eine alte jüdische Anekdote: In einem kleinen Städtchen Rußlands befand sich ein Soldatenregiment. Während eines Krieges wurde das Regiment requiriert und auf den Kriegsschauplatz geschickt. Mit fliegenden Fahnen und Musik zieht das Regiment aus dem Städtchen. Ihm entgegen kommt aus einem Hause ein Wasserträger mit leeren Eimern (ein schlimmes Vorzeichen! ). Kaum hat die Frau des Wasserträgers das Zusammentreffen bemerkt, als sie aus dem Hause hinausstürzt, den Mann am Arme greift und ihm zuruft: „Komm zurück! Was geht es dich an? Wenn zwei Könige sich zanken, wozu sollst du dich einmischen?" Die Hilfe, die die russischen Studenten der Sozialdemokratie leisten können, wird wohl auch von dieser Art sein. Das einzige, »was sie erreichen könnten, ist, daß das Lexikon der Schimpfwörter, das für sie in Deutschland existiert, noch bereichert wird. Früher wurden sie von oben als „Schnorrer und Verschwörer" angeredet, ein neues Epitheton ornans wird ihnen jetzt beigelegt: „Schlepper!" Wie gesagt, haben sie wirklich „geschleppt", dann haben sie jetzt den verdienten Lohn. Was, zum Teufel, scheren sie sich um Sachen, die sie nichts angehen? Ein Geschlecht von neuen Juden, von gebildeten, dem Leben trotzenden', schöpferischen Menschen sollten sie werden! Sie, die aus der Enge in die Welt zogen, in die große Welt des Denkens und Schaffens, — die Fackelträger des jüdischen Volkes sollten sie sein — sie, die „Intelligenz". Ihre Aufgabe ist es, dem jüdischen Namen Ehre zu machen, auch den Gegnern Achtung abzuzwingen durch ihr Können, durch ihr Wissen; aber nichts gibt ihnen das Recht zu der tragikomischen Farce, daß sie für ein fremdes Volk armselige Schlepperdienste leisten. Wie die freisinnigen Tout comprendre c'est tout pardonner Parlementarier des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" ihre Rolle auffassen, das zeigt folgende Notiz, die wir im „Berliner Tageblatt" finden: Der Reichstagsabgeordnete Professor Eickhoff schreibt uns: „In dem heutigen Berichte Ihres geschätzten Blattes über die Generalversammlung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", dessen Vorstand ich angehöre, wird mir der Satz in den Mund gelegt, „daß nicht nur unter den Freisinnigen, sondern auch unter den Sozialdemokraten Antisemitismus herrsche". Ich habe diese Worte selbstverständlich nicht gesprochen, sondern auf Angriffe, die gegen die Zentralleitung der freisinnigen Volkspartei erfolgten, etwa folgendes erwidert: „Ich stimme Herrn Dr. Barth prinzipiell in seiner Auffassung bei; der letzte Wahlkampf müsse aber unter ganz besonderen Gesichtspunkten betrachtet werden; ein Redner habe es sehr hübsch ausgedrückt indem er sagte, die nationale Welle habe auch einige wenige Antisemiten in die Höhe getragen. Vielleicht gelte hier das Wort: tout comprendre c'est tout pardonner. In jedem Falle sei es Pflicht aller freisinnigen Elemente, in diese dunklen Teile unseres Vaterlandes, in Hessen-Nassau vor allem, dem Lichte und der Wahrheit die Wege zu bahnen. In der weiteren Diskussion habe ich dann noch bemerkt: Wenn hier den Freisinnigen wegen ihres Verhaltens im Wahlkampfe, wo es sich um die Entscheidung zwischen Antisemiten und Sozialdemokraten gehandelt habe, Vorwürfe gemacht würden, so dürfe man zur Erklärung dieses Verhaltens doch auch nicht verschweigen, daß die Sozialdemokratie selbst, wie ihr jede Kampfes weise recht sei, vielfach mit antisemitischen Mitteln arbeite und selbst im Reichstage bei ihr antisemitische Tendenzen zutage träten. Fast täglich könne man bei erregten Debatten dergleichen hören, und noch in den letzten Tagen habe er einem Abgeordneten, der einen Berliner Wahlkreis vertrete, auf eine Bemerkung zugerufen: das sei der Antisemitismus in der Sozialdemokratie! Auch möchte er daran erinnern, daß er mal vor Jahresfrist einen Fraktionsgenossen, der aus jüdischem Blute