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Die Welt · 1907-03-08 · 10 (8.3.1907) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XI. JAHRG. Köln, 8. März 1907 pnr6 rfcnn"** "dd No. 10. □I 10 1 REVUE DER WOCHE □1 DI Nicht mit dem elementaren Jubel, der der Die Eröffnung der Duma ersten Session der Gossudarstwennaja. Duma entgegen brauste, nichtmitdem Triumphgefühl der Sieger auf den Barrikaden,wird diesmal die Eröffnung der Duma begrüßt. Es ist nicht geradezu pessimistische Resignation, aber es ist auch nicht zuversichtliche Hoffnung, die in diesen Tagen die Herzen der freiheitlichen Männer Rußlands erfüllt. Niemand wagt, der Duma Dauer zu prognostizieren, aber man will doch denen nicht glauben, die sie als ein kurzlebiges Geschöpf ansehen, bestimmt, morgen oder übermorgen vom Staatsstreich oder von der Diktatur erdrosselt zu werden. Die entnervende Unsicherheit, das Elend des politischen Kriegszustandes hat die Leidenschaften gedämpft. Die Ansprüche an die Duma sind bescheidener geworden: Arbeitsmöglichkeit, Gelegenheit zur mählichen Aufrichtung staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung das ist der Wunsch, der jetzt den Oberton im vielstimmigen politischen Chor zu gewinnen scheint. Wird die Duma diese Möglichkeit stetigen parlamentarischen Schaffens finden? Darauf ist noch keine Antwort zu geben. Das heutige Rußland ist das Land der unbegrenzten Zufälligkeiten und — Sinnlosigkeiten. Für die Juden und ihr Schicksal sind diesesmal die Auspizien nach einer Richtung wesentlich ungünstiger: Sie haben nur drei, bisher in der jüdischen Öffentlichkeit kaum erprobte Vertreter, wohingegen die antisemitische Rechte sich ansehnlich verstärkt und ihre fanatischsten Verfechter in der Duma sitzen hat. Die berüchtigtsten Pogrom Verbrecher, Kruschewan und Purischkewitsch,] sind die Führer der absolutistischen Partei, und zwei Bischöfe sind zu dem ausgesprochenen Zweck in die Duma entsandt worden, mit dem Kreuz auf die Bauern zu wirken und sie nach rechts zu den Antisemiten zu ziehen. Andererseits aber darf man mit Bestimmtheit voraussetzen, daß die Majorität einen gerechten Standpunkt gegenüber Juden und Judenfrage gleich der ersten Duma zu vertreten wissen wird. Freilich, ob diese Gerechtigkeit weitherzig genug sein wird, auch die speziellen national-jüdischen Interessen zu berücksichtigen, die jüdisch-kulturellen Ansprüche und den Schutz ihrer Volksindividualität, die Gefahr läuft, politisch von andern Völkern erdrückt zu werden, wenn man nicht für die Minderheit spezielle Rechte statuiert — ob der Liberalismus den Juden gegenüber so vorurteilslos-liberal seinwird, das kann man nicht unbedingt bejahen. Da fehlen eben die jüdischen Vertreter der Juden. Kruschewan, der Bluthund, in Kischinew im Triumphzug mit militärischer Ehrensuite zum Bahnhof geleitet und wie ein Fürst umjubelt, da er in dem Salonwagen des Extrazuges, den ihm die Bahnverwaltung zur Verfügung stellte, die Reise nach Petersburg antrat, — und in Petersburg selbst ausgepfiffen und angespieen von den Tausenden, die die Dumaabgeordneten auf der Straße erwarteten, und von einer Gendarmeneskorte gegen die Wut der Menge geschützt, — zwischen diesen scharfen Kontrasten bewegt sich der jüdische Stimmungsgehalt des Präludiums. Und die Regierung? Sie kündigt die „Gleichberechtigungs"- Vorlage für die Juden, die in den anleihelüsternen Zeiten des Interregnums so oft auftauchte und verschwand, als eine der Materien an, die zunächst die Duma beschäftigen sollen. Was man bis jetzt über die Vorlage hört, ist allerdings recht armselig und nichts als das alte, für die neue Gelegenheit aufgeputzte Stückwerk: Daß die Wohnrechtsfrage der jüdischen Handwerker außerhalb des Ansiedelungsrayons, die Vergrößerung der Zahl der Dörfer, in denen den Juden zu wohnen gestattet ist, wiederkehren würden, war bekannt. Die Milderung der sogenannten Maigesetze entspricht gleichfalls dem äußersten Minimuni der allgemeinen Erwartung. Auch das, was sich speziell auf die jüdischen Steuern \Fleisch- und Lichtsteuer) bezieht, ist eine alte „Reform". Der Abschluß bildet die Vergünstigung, daß den Angehörigen der privilegierten Kaufleute die Erleichterung gewährt werden soll, bei ihren Verwandten wohnen zu dürfen. AU diese kleinen Mittelchen werden natürlich nicht im geringsten dazu beitragen, die Judenfrage zu lösen. Und bezeichnend genug ist, daß die Regierung die Vorlage erst den Reichsrat, der natürlich ihren Intentionen weit geneigter ist, passieren lassen will, ehe sie der Duma präsentiert werden soll. „Der Ansiedelungsrayon soll erhalten bleiben" — das ist die Basis die Regierungsvorlage. „Der Ansiedelungsrayon muß fallen" -- wird die Duma zu antworten haben, wenn sie wahrhaft freiheitlich ist. Aber wird die Duma dazu kommen, diese Antwort zu erteilen? Und würde nicht vielleicht gerade diese Antwort selbst wenn die Duma die Agrarfrage glücklich passiert, ihr Todesruf sein? Vor einigen Tagen fand in Berlin eine Versammlungdeutscher Studenten statt, die sich mit der Frage der ausländischen Studenten an den reichsdeutschen Universitäten befaßte. Die Versammlung endete mit der Annahme der Resolution des Prof. Samassa, die dem Wunsch der Studentenschaft,, „kulturellminderwertigen Elementen aus dem Osten Europas" den Zutritt zu den deutschen Hochschulen zu verwehren, Ausdruck gab. Den nächsten Anlaß zu dieser Kundgebung bot die Teilnahme mancher russischer 1* Jüdische Studenten im Ausland

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