Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 9 DIE Die jüdisch-nationale Studentenschaft Wiens drückt daher den ruthenischen Vorkämpfern für Freiheit und Gerechtigkeit ihre Sympathie aus und fordert sie auf, auszuharren und sich nicht zu beugen vor der Gewalt und dem Unrechte." Verschiedenes Wien. (Kommers 'der jüdisch-akademischen Verbindung „Unitas".) Die jüdisch-akademische Verbindung „Unitas" veranstaltete am 12. Februar im Kursalon einen Kommers. Vertreten war das zionistische Landeskomitee durch den Obmann Herrn Dr. Schalit, das innerösterreichische Distriktskomitee und der Wiener zionistische .Zentralverein durch die Herren Fabrikanten Böhm und Lederer, die jüdisch-akademischen Verbindungen „Ivria" (Wien), „Maccabäa" (Wien),„Barissia" (Prag), die jüdisch-akademischen Vereine „Rede- und Lesehalle der jüdischen Hochschüler" und „Theologia" (Wien), die Ferialverbindungen „Gamalah" (Göding), „Emunah" (Bielite), „Achiwah" (Ung. Hradisch), „Geulah" (Olmütz), „Massadah" (Weißkirchen), „Hasmonäa" (Friedek),„Hessianah" (Mähr.- Ostrau)'. Nach der Begrüßung durch den Senior der Verbindung cand. jur. Alex. Seelenfried stieg das Bundeslied der „Unitas" nach der Melodie des altjüdischen „Moaus zur jeschuossi". Hierauf hielt A. H. Dr. Richard Wagner die Festrede, in welcher er formvollendet und überzeugend die Renaissance des Judentums feierte. Er forderte die Anwesenden auf, stramm einzutreten für die hohen Ziele des Judentums mit dem Wahlspruch: „Mit Wort und Wehr für Judas Ehr'!" den die jüdischen Studenten auf ihre Fahne geschrieben haben. Mit einem ergreifenden jüdischen Liede „Pogrom in Kischinew" fesselte hierauf cand. med. Theodor Kohn die Zuhörer. Es sprach noch namens der A. H. A. H. E. B. Dr. Max Jerusalem, einer der Gründungsburschen der „Unitas", der einen beifällig aufgenommenen Rückblick über die abgelaufenen 25 Semester der Korporation hielt. Im inoffiziellen Teile ergötzte ein vorzügliches Quartett (die Herren med. Tischler, jur. Kolieb, phil. Schaffer und Schorr) durch gute Musik; in humorvoller Weise toastierte cand. jur. Ernst Silberknopf, und Frl. Lotte Rubin brachte einige Lieder und Arien zum Vortrag. Allen Darbietugenn folgte lebhafter Beifall. Das Fest war in jeder Weise gelungen. —s. Komotau. Am 3. Februar veranstaltete der Verein „Theodor Herzi" eine Festakademie im Adlersaale. Eingeleitet wurde das Fest durch einen Prolog von Alfred Nossig, vorgetragen von Fräulein" Camilla Dühren vom Stadttheater in Teplitz. Es folgten weitere Deklamationen derselben Künstlerin, sodann Liedervorträge von Frl. Klara Vogl aus Prag und Fräulein Else Ritter, die Herr Prof. Stein wen der aus Komotau begleitete. Nach weitern Liedervorträgen der Herren Ludwig Flaschner und Kapellmeister Günther vom Stadttheater in Teplitz hielt Herr Prof. Dr. Stern aus Saaz die weihevolle Tendenzrede. Den Schluß des Festes bildete ein animiertes Tanzkränzchen. Köln. In der zionistischen Ortsgruppe Köln sprach am verflossenen Samstag Herr Berthold Feiwel über „Gegen war ts arbeit im Zionismus". An den Vortrag schloß sich eine anregende Diskussion. Teplitz. Zwei kurz aufeinanderfolgende Veranstaltungen haben lebhaftes Interesse und starke Beteiligung erfahren. Der Vortrag des Schriftführers phil. cand. Freud über „Vergangenes und Gegenwärtiges im Judentum" war so anregend, daß sich hieran eine äußerst rege Diskussion anschloß. — Die zweite Veranstaltung war eine Abschiedsfeier für unseren lieben Freund und Gg. Dr. E m i l M a r g u 1 i e s. Sie zeigte so recht, was er uns war. Die Nachbarvereine Brüx und Komotau hatten Deputationen entsendet, Dux telegraphische Grüße gesandt. Die Obmänner des Rayons und Vereines, Gesinnungsgenosse E. Bechert und L. Stern er, der Vertreter der Prager akademischen Verbindung „Barkochba", Gg.Friedrich Stemer, feierten den Scheidenden in überaus warmen Worten. Dieser dankte zum Schluß in einer bewegten Rede. — An beiden Abenden wurden ca. 30 Kr. für den Nationalfonds gesammelt. — Anläßlich der Vermählung ihrer Tochter Helene übergab Frau Elise Perutz dem Obmanne des Vereines 200 Kr., die zu gleichen Teilen dem Bezalel und der Palästinakommission zufallen sollen. Leipzig. Zu unserer vorwöchigen Ankündigung tragen wir nach, daß die neue zionistische Lesehalle sich Peterskirchhof 5 1 befindet. Königsberg. Hier besteht ein Verein hebräisch sprechendre Gesinnungsgenossen namens „Ivria". In der am jüngsten Mittwoch abgehaltenen Sitzung dieses Vereins hielt Herr Krüger einen längeren Vortrag über „Nationalität". Herr Sambursky teilte mit, daß Frl. Sarah Wilkansky, ein Mitglied, das viel zur Förderung des Vereins beigetragen, aus dem Vereine scheidet, da sie nach Palästina reist, um dort ihren Beruf als Lehrerin auszuüben. Die Ortsgruppe wünscht ihr auf diesem Wege viel Glück. 19 NACHRICHTEN Die Wahlergebnisse in Rußland Die Wahlen zur Reichsduma haben diesmal den Juden eine sehr bedauerliche Überraschung gebracht: Im ganzen sind bisher drei Juden (von uns bereits in letzter Nummer gemeldet) gewählt worden, und diese Zahl dürfte sich im besten Falle um einen oder zwei vennehren. In allen großen jüdischen Zentren sind die Juden unterlegen. Die Voraussetzung, daß die Juden bei den Endwahlen — wie im Vorjahre — die Unterstützung der Bauern finden würden, hat sich als ungerechtfertigt erwiesen. Die Bauern wurden diesmal von Gutsbesitzern und Klerikalen im entscheidenden Moment geschickt von den Juden abgesperrt und so gründlich bearbeitet, daß sie mit der anderen Seite Blocks bildeten. An andern Orten haben die Juden dem Zusammengehen aller nichtjüdischen städtischen Elemente gegen das jüdische den Verlust als sicher betrachteter Mandate zuzuschreiben. Wir behalten uns vor, auf das in mehrfacher Hinsicht bedeutsame und lehrreiche Ergebnis der russischen Wahlkampagne noch eingehend zurückzukommen, und registrieren für heute noch einige Einzelheiten. Die Wahlen in Warschau endeten mit einem Siege der nationaldemokratischen Partei. Doch muß konstatiert werden, dal.) bei der allgemeinen Zahl der Wähler, welche 80000 beträgt, die Nationaldemokraten nur eine Mehrheit von 5000 Stimmen zu verzeichnen haben. Das zeigt in schlagender Weise, daß bei einer anderen Verteilung der Wahlkreise die Progressive Vereinigung siegen könnte und daß in der Zukunft diese Eventualität sehr wahrscheinlich ist. i Der von den Nationaldemokraten mit so' großem Eifer und Fanatismus geführte Wahlkampf fand unter dem Zeichen der Judenfrage statt. Die Progressive Vereinigung hat nach der Bildung eines Blocks mit dem jüdischen Wahlkomitee die Kandidaturen zweier in Warschau sehr populären Persönlichkeiten, der Christen Swientochowski und Krzywicki, gestellt, deren aufrichtige, progressive Überzeugungen allgemein bekannt sind. Diese Kandidaturen bargen für die Nationaldemokraten eine große Gefahr in sich, weil ein durchschnittlicher Bürger offenbar eher für diese in Warschau so populären Persönlichkeiten als für die Proteges der Nationaldemokratie gestimmt hätte. Um diese Gefahr zu vermeiden, richteten die Nationaldemokraten ihre ganze Wahlaktion auf das Gebiet des Rassenkampfes und entfachten in den Volksmassen die in ihr schlummernden antisemitischen Instinkte. Mittels hunderter Kniffe, Insinuationen und Intrigen bemühte man sich., die Massen zu überzeugen, daß Swientochowski und Krzywicki nur fiktive Kandidaten der Progressiven Vereinigung seien und daß hinter ihnen zwei jüdische Separatisten stehen, die sich auf diese Weise als Vertreter der polnischen Residenz in die Duma einschmuggeln wollten. Nun wiederholten sich mit einer bis in die Details gehenden Exaktheit die Episoden aus dem vorjährigen Wahlkampfe. Auf den Straßen wurden Tausende hooliganscher Aufrufe verteilt, welche die Bürger aufforderten, das Vaterland von der Judengefahr zu retten und ihre Stimmen für die Liste der N.-D. zu geben. Sehr interessant und charakteristisch war folgender Aufruf: „Landsleute! Schwöret, daß, wenn die Juden siegen werden, kein Christ bei ihnen je etwas kaufen wird! Wir werden keine Pogrome machen, aber wir werden es verstehen, die Dreistheit zu bestrafen. Der Hunger wird die Juden nötigen, aus unserem Lande auszuwandern!" Welche Folgen diese Aufrufe hatten, ist ersichtlich aus dem ganzen Verlaufender Wahlen, aus der die ganze Stadt beherrschenden Pogromstimmung. Die Roheit der nationaldemokratischen Banden ging so weit, daß der Kandidat der Progressiven Vereinigung, der Sozialist Krzywicki, von den nationalistischen Banditen überfallen wurde und nur durch Zufall einer schweren Verletzung entging. Die entfesselten Gewalten des Rassenhasses feierten ihren Sieg. Den ganzen Tag bis spät in den Abend wüteten die nationalistischen Banden in den Straßen und zwangen die Bürger, für die nationaldemokratischen Listen zu stimmen. Mit solchen Waffen kämpfte die N.-D. und hat gesiegt. Und Warschau sendet in die Duma den Antisemiten Dmowski, welcher, wie bekannt, den Juden mit einer „Lektion" drohte, „wenn sie der N.-D. nicht folgen werden", -und den in der vorigen Duma so lächerlich gewordenen Nowodworski,