Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316253--49072-3343994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dessen antisemitische Stimmung kaum einem Zweifel unterliegen kann. Auf diese Weise wird die 300 000 Einwohner < zählende jüdische Bevölkerung Warschaus von den Verfechtern des 5 polnischen Chauvinismus und Antisemitismus in der Duma vertreten werden. Auch die zweitgrößte Stadt des Königreichs Polen ist in die Hände der Nationalen Konzentration gefallen. Lodz hat den Kandidaten der Konzentration, Rechtsanwalt Babicki gewählt. Noch gestern hieß es, der jüdische Kandidat der Extremen, Herr Rubinstein, habe eine gesicherte Mehrheit für sich. Heute jubelt der polnische Nationalismus über seinen unerwarteten Sieg. Denn der Sieg war wirklich auch für die Polen eine große Überraschung. Zwar hat Lodz auch im vorigen Jahre einen polnischen Nationalistengewählt, doch muß man den Unterschied zwischen der vorjährigen undder diesmaligen Situation in Betracht ziehen, um das Absurde des Wahlergebnisses richtig zu bewerten. Im Laufe der letzten Monate hatte sich die progressiv-demokratische Partei zu einer großen Propaganda aufgerafft; die große Mehrheit der Juden hatte sich dieser Partei angeschlossen. Der verabscheuungswürdige Verrat, den ein Teil, zum Glück nur ein ganz geringer Teil der Warschauer jüdischen Assimilanten, an der jüdischen Sache durch den Anschluß an die Polnische Nationale Konzentration begangen hat, fand in Lodz keine Nachahmung. Es muß noch hinzugefügt werden, daß Lodz keine eigentlich polnische Stadt, sondern eine deutschjüdische industrielle Kolonie ist. Lodz wurde von Deutschen Begründet und von Juden weiter entwickelt. In der Industrie dieses ..polnischen Manchester'* stehen die Polen in letzter Reihe; es gibt weder polnische Großindustrielle noch beträchtliche Massen echt polnischer Arbeiter. Man könnte also annehmen, daß wenigstens diese Stadt mit den über 100000 industrietüchtigen und tatkräftigen Juden einen jüdischen Kandidaten aufstellen und durchbringen werde. Erst in den letzten Tagen ist der Name eines jüdischen Kandidaten aufgetaucht — nicht jüdischerseits, sondern seitens der extremen Parteien. Herr Rubinstein ist ein junger Schriftsteller und Volksredner, der sich in seinen Kreisen einer gewissen Popularität erfreut. Ei* ist keine Autorität, aber der Gegenkandidat, Herr Babicki, ist es noch viel weniger. Es kam überhaupt nicht auf die Person, sondern auf die Partei an. Die Juden mußten für den extremen Kandidaten stimmen, weil sie mit der Nationalen Konzentration nicht gehen konnten. Die Kandidatur war also ursprünglich eine sozialistische, hat sich aber unter den obwaltenden Umständen zu einer jüdisch-freiheitlichen entwickelt. Daß die' Kandidatur Rubinsteins schließlich aber doch zu Fall gebracht worden ist, liegt vor allem an der Haltung des deutschen Teiles der Bevölkerung. Die meisten Deutschen in Lodz sind konservativ; sie predigen nicht offen den Antisemitismus, doch sind sie den Juden aus Konkurrenzrücksichten nicht gewogen. Politisch stehen sie ungefähr auf dem Standpunkte der Oktobristen und der nationalverwandten Baltischen Konstitutionellen Partei. Der Grund ihres Antisemitismus liegt noch tiefer. Die jüdischen Industriellen haben durch ihre Geschäftsreisenden den Lodzer Fabrikaten im fernen Rußland Bahn gebrochen. Es liegt daher nicht im Interesse der deutschen Fabrikanten, daß den Juden die Gleichberechtigung erteilt werden soll, denn Gleichberechtigung bedeutet Freizügigkeit. Dennoch wollte man nicht annehmen, daß sich die Deutschen der Polnischen Nationalen Konzentration anschließen werden, weil die nationalen Polen einen unversöhnlichen Haß gegen die Deutschen nähren und weil jeder Deutsche von ihnen als Hakatist geächtet wird. Es ist das unnatürlichste Bündnis. Und doch ist das unnatürliche Bündnis zustande gekommen, weil die Deutschen es nicht über sich gewinnen konnten, einen Juden und noch dazu einen jüdischen Sozialdemokraten zu wählen. Wir glauben übrigens auch nicht daß die Juden selbst ganz geeint und mit wirklich großem Eifer für diese Kandidatur eingetreten sind. Es hätte zu diesem Zwecke eine jüdische Volkspolitik getrieben und ein richtiger jüdischer Kandidat aufgestellt werden müssen. Leider sind die polnischen Juden bis jetzt weder politisch reif, noch organisatorisch vorbereitet. Sie täuschten sich durch das Phantom einer quasi-christlichen progressiven Partei. Tatsächlich ist die Zahl der progressiven Polen sehr gering; bedeutend stärker ist die polnische sozialistische Partei; aber diese ist, wie gesagt, bei den Wahlen untätig. Und nachdem die Deutschen in das Lager der Polen hinübergegangen waren, standen die Juden der Polnischen Nationalen Konzentration fast isoliert gegenüber. Es wäre unter diesen Umständen schon viel ehrenvoller gewesen, mit einer volkstümlichen jüdischen Kandidatur als mit dieser Kombination durchzufallen. Ausstellung Pilichowski Im Kölner Kunst verein befindet sich zurzeit eine Ausstellung von etwa 20 größern Gemälden L. Pilichowskis. Die prächtige Kollektion, die das reiche Können des Künstlers trefflich zur Geltung »bringt, enthält eine stattliche Reihe von Bildern, denen jüdische Motive zugrunde liegen. Der Künstler gedenkt die Kollektion auch in andern Städten (demnächst in Frankfurt) auszustellen, und wir möchten nicht verfehlen, unsere Freunde in den größeren deutschen Städten auf diese Gelegenheit, die ihnen die Bekanntschaft mit einem reichbegabten jüdischen Künstler vermitteln wird, aufmerksam zu machen. Auf das künstlerische Werk Pilichowskis wollen wir in einer unserer nächsten Nummern zurückkommen. Sitzung der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der „Alliance Israelite Universelle" hat am 19. Februar in Frankfurt am Main unter dem Vorsitz der Herren Geheimrat Goldberger, Berlin, und Charles L. Hallgarten, Frankfurt a. M., ihre vierte Tagung abgehalten. Der erste Gegenstand der Tagesordnung war der von Geheimrat Goldberger erstattete Rechenschafts- und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1906. Der Bericht konstatierte das Aufblühen der Alliance in Deutschland. Der Gesamtbericht des Präsidiums wurde durch die Einzelberichte der Vorsitzenden der Bezirks- und Landeskomitees ergänzt. Der Arbeitsplan für das Jahr 1907 fand allgemeine Zustimmung. Ferner wurde als einhelliger Ausdruck der Wünsche der Deutschen Konferenzgemeinschaft festgestellt, daß deren Organisation im Deutschen Bureau, Berlin, endgültig zu zentralisieren ist. Die von der Deutschen Konferenzgemeinschaft nach Paris zu richtenden Anträge hatten die Allianceschulen und die Ausbildung der künftigen Allianceschullehrer zum Gegenstand. Das Zentralkomitee hatte bereits Ende vorigen Jahres beschlossen, in Zukunft eine Anzahl der von dem Lehrerseminar in Paris ausgebildeten künftigen Lehrer der Allianceschulen zur Erlernung der deutschen Sprache für einige Zeit nach Deutschland zu senden. Die neuen Wünsche gehen dahin, daß der deutsche Sprachunterricht weiterhin ausgedehnt und da, wo er noch nicht erteilt wird, aber ein Bedürfnis hierfür vorliegt, eingeführt werde. Das gilt besonders für die Allianceschulen in Marokko. Eine andere Forderung geht dahin, daß für den deutschen Sprachunterricht geeignete Lehrkräfte nach dem Vorschlag des Präsidiums der Deutschen Konferenzgemeinschaft angestellt werden sollen. Endlich wurde vorgeschlagen, das Zentralkomitee der „Alliance Israelite Universelle" möchte darauf Bedacht nehmen, allmählich die Ausbildung einiger Allianceschullehrer in Deutschland zu bewirken. Inhalt der Nr. 8 von „Haolam": Kaleb ben Jephune: Die polnischen Juden und die russische Duma. — Rubin Fahn: Die karäische Niederlassung in Galizien. — Rab Zair: Die Ordnung Nesikin des Talmud. — R. Brainin: Der kleine Messias. Ch. D. Nomberg: Die Versprengten Israels (II). — A. Hermoni: Daniel Osiris. — D. Magid: Die drei Könige (Gedicht).—S. Schneor: Hexameter (III). - J. Lubezky: Literarische Plaudereien. —N. S.: Federstriche. Briefkasten der Redaktion W. O—r, Maler in Berlin: Wir danken für Ihr frdl. Anerbieten, von dem wir leider keinen Gebrauch machen können. A.B., Dioszeg: Wenden Sie sich an die Palästinakommission, Berlin W., Uhlandstr. 175. M. B.: Dr. A. M., Paris, 6 rue Freycinet. Hadassa: 1. Das Werk können Sie in Jargon durch die Buchhandlung Hazefirah in Warschau beziehen. 2. Ermäßigung bedauern wir nicht einräumen zu können. Hedwig Loewenstein Salomon Enker - VERLOBTE.- CÖLN, Februar 1907. Als Verlobte empfehlen sich: Meta Friedlaender * Willy Nothmann COLMAR i. E. GR. STREHLITZ. - Statt Karten. -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.