Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE ELT No. 9 tiefsten Überzeugung festgehalten, daß der einzige Platz derpolnischen Juden im Polentum sei. Und gerade in einem Zeitpunkte der größten Not und Bedrängnis mußten wir diesen bewährten Führer verlieren!" Der Augenblick, in dem diese Worte ertönten, war für mich der traurigste des Leichenbegängnisses. . . . Jedermann mußte fühlen, daß der Nekrolog des Dr. Kolischer an sich, nämlich der Umstand, daß dem einen Juden des Polenklubs der andere den Nachruf halten mußte, am besten beweise, wie problematisch der Platz des polnischen Juden im Polentum ist. . . . Die tiefe Mutlosigkeit aber, welche man dem Redner anmerkte, als er von seinem alten Ideal der Assimilation sprach, zeigte deutlich, daß ihm von der ehemaligen tiefen Überzeugung, von seinem Lebensinhalte, bloß ein paar tote Worte übrig geblieben sind. ... Es war ein zweifaches Begräbnis. . . ." Zionismus und Staatsbürgertum Auch in Amerika hat sich ein biederer jüdischer Amerikaner gefunden, der den Zionismus gegen den „Amerikanismus" auszuspielen versuchte. Ein Zionist wandte sich daraufhin an den Staatssekretär Root, um dessen Ansicht über die Frage einzuholen. Hierüber berichtet der „Maccabaean" folgendes: Mr. Julius Meyer, ein Zionist in Boston, richtete folgendes Schreiben an Staatssekretär Root: „Ich nehme mir die Freiheit, Sie um ihre Meinung zu befragen, ob Sie den Zionismus für unvereinbar mit dem Amerikanismus halten." — Staatssekretär Root erwiderte unter dem 9. Januar: „Geehrter Herr! In Erwiderung auf Ihren Brief vom 1. d. M. teile ich Ihnen mit, daß mir niemals der Gedanke gekommen ist, als wäre der Zionismus, wie ich ihn verstehe, mit dem Amerikanismus unvereinbar. Ihr ergebener Eli hu Root." Wiewohl die zionistische Bewegung die Gutheißung keines anderen als des jüdischen Pubikums nötig hat, ist Mr. Roots Antwort dennoch zumindest eine Entgegnung an die Adresse derjenigen furchtsamen Gemüter, die das Gespenst des Ameri- 3 kanismus heraufbeschwören, um den Zionismus zu verscheuchen. So z. B. bediente sich Mr. Simon Rosen dal aus Alb an y erst : r jüngst dieses Arguments gegen Dr. Schechters Darstellung des (Zionismus. Ii,. Als eine Antwort an Leute wie Mr. Rosendal ist Mr. Roots r Meinungsäußerung, verbunden mit der des verstorbenen Mr. Hay, j immerhin von Wert. Pogromatmosphäre In der letzten Zeit beginnt sich in Rußland die leider aus so vielen Expansionen gekannte Pogromstimmung wieder zu verdichten. Die Zeitungen bringen alarmierende Nachrichten von Pogromen einmal in Odessa, einmal in Kiew, einmal in Simferopol und so fort. Zum Glück haben sich bisher diese Nachrichten zum Teil als übertrieben erwiesen. Aber nur zum Teil, und was den andern Teil betrifft, so sieht die Zukunft in dieser Hinsicht ganz und gar nicht beruhigend aus. Daß nicht die Juden allein in dieser Hinsicht Schwarzseher sind, beweist folgende Bemerkung, die die „Rjetsch" in einem Artikel über den Verband der „echt-russischen Leute" macht: ... „Um so gefährlicher werden seine (des Verbandes) An- \ führer, je mehr sie, ihre ganze Ohnmacht als politische Partei (im Volke) fühlend, sich zu allem Möglichen entschließen können. ' Es genügt nur, den Artikel des wilden Fanatikers, des Mönches Iliodar, in einer der letzten Nummern von „Russkoe Snamja" zu lesen, worin er den „schwarzen Regimentern" zu ihren Aktionen den Segen gibt, um zu begreifen, daß nicht umsonst die Presse fortwährend Gerüchte über Pogrome bringt. Das fehlte uns allerdings noch in der gespannten Atmosphäre, die uns vor dem Zusammentreten der^ Duma umgibt. Und kann uns denn Stolypin die Garantie geben, daß das nicht geschehen wird, daß Rußland nicht mit neuem Blut geschändet und durch neues unerhörtes Unglück erschüttert werden wird? . . .** fr\ QD^^j ÖB^ o o o!l —-^Oo KORRESPONDENZEN o Q fr ~ iiQO°.Q DG! 2P; □ O (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Herr stud. phil. A. W., der in der letzten Nummer der „Welt" die deutschen Zionisten kritisiert, meint es mit dem Zionismus in Deutschland sehr gut; mit der Tendenz seiner Beschwerden werden auch die leitenden Stellen sehr einverstanden sein, aber er kennt weder die tatsächlichen Verhältnisse des deutschen Zionismus noch die des deutschen Judentums im allgemeinen zur Genüge. Daß praktisch in Deutschland weniger für Palästina gearbeitet wird als anderswo, ist durchaus unrichtig. Außer Odessa und der Anglo Palestine Company ist es ausschließlich der Kreis um Professor Warburg — und das sind eben deutsche Zionisten —, der überhaupt etwas tut. Daß dabei weniger Tamtam geschlagen wird als in anderen Ländern, ist höchstens ein Vorzug. Der Bezalel ist eine ausschließlich in Deutschland subventionierte Institution. Die Mehrzahl der Anteile des Palästina-Industrie-Syndikats wie der Palästina Landgesellschaft ist in Deutschland placiert, für Ölbäume und Palästinaverein und Palästinaschekel, die alle drei von Deutschland ausgehen, wird hier mindestens so viel gesammelt wie anderwärts. „Altneuland" und die neue Zeitschrift „Palästina" waren deutsche Zeitschriften. An Palästinainformationen in der Presse und Lichtbildervorträgenfehlt es in der deutschen Bewegung durchaus nicht. Und einen neuen Palästinaverein wie in Wien und London brauchen wir nicht mehr; was aus den Kreisen der Assimilanten zu holen ist, erhält der Esra, und die beste jüdische Arbeit in Palästina leistet schließlich der Hilfsverein der deutschen Juden. Auch der persönliche Konnex der deutschen Zionisten mit Palästina wird von Jahr zu Jahr enger. Unsere deutsche Organisation ist, wie allseitig anerkannt wird, mit die beste und brauchbarste überhaupt — das darf nicht vergessen werden --, trotzdem außer der englischen keine auch nur annähernd so unter der Ugandakrisis zu leiden hatte. Was bei uns in allgemein-jüdischen Dingen geleistet wird, zeigen die in Deutschland blühenden Vereine für Statistik der Juden und die zur Förderung jüdischer Kunst, denen die anderen Länder nichts an die Seite zu stellen haben. Was aber die politische Betätigung der deutschen Juden und das Wachstum des Zionismus anbelangt, so darf zweierlei nicht außeracht gelassen werden: einmal haben wir in Deutschland nirgends mehr — auch nicht in Berlin und den ehemals polnischen Landesteilen — eine jüdische Masse, sondern eine sozial sehr zerklüftete, religiös differenzierte, über das ganze Land verstreute, zusammenhanglose Menge. Zweitens wurden die deutschen Juden so spät emanzipiert, und der Antisemitismus erwachte so bald wieder vom Halbschlummer zweier Jahrzehnte, daß die große Mehrzahl der deutschen Juden nie zum Bewußtsein ihrer Freiheit und Menschenwürde sich durchrang und das Interesse für die großen und gemeinsamen Angelegenheiten der Gesamtjudenheit hier auch später und schwerer Eingang fand. Die Folge dieser beiden historisch gegebenen Bedingungen ist, daß die deutschen Juden viel schwerer gerade für den Zionismus zu gewinnen sind, daß hier der Widerstand und die Furcht der Assimilanten viel größer sind als in anderen Ländern, und daß die deutsch-jüdische Partei ein Wahnwitz ist. Trotz dieser überaus ungünstigen Umstände ist in Deutschland von zionistischer wie von allgemein jüdischer Seite sehr viel gearbeitet worden. Daß es lange nicht genug ist, daß es das Zehn-, ja Hundertfache sein könnte, wenn alle die noch untätig abseits Stehenden mit die Hand ans Werk legen, wird niemand lieber zugeben als ich. Auch die Frage der politischen Organisation der deutschen Juden, die durch den Verband der deutschen Juden schon wesentlich gefördert worden ist, sieht langsam ihrer Beantwortung entgegen. Hoffen wir, daß diese Aussprache mit dazu beitragen wird, die deutschen Juden an eine immer bessere Erfüllung ihrer Ehrenpflicht zu gemahnen. Mit Zionsgruß hochachtungsvoll Dr. H. G. Hey mann. Amsterdam, 20. Februar 1907. Geehrte Redaktion! Den Gesinnungsgenossen möchte ich folgendes zur Erwägung vorlegen: