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Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 9 DIEME LT 15 samkeit bildet, durch ihr Verhalten hauptsächlich nur das eine Moment festzuhalten: daß die Juden kein Fremdkörper sind, daß ihre Interessen mit denen des Gesamtstaates zusammenfallen, daß sie durch Verwirklichung ihrer fortschrittlichen Grundsätze vollste Gerechtigkeit in der Handhabung der Administration erreichen wollen, daß sie vor allem in der strengen Einhaltung des Staatsgrundgesetzes, welches die Gleichheit aller vor dem Gesetze ausspricht, gleich ihren andersgläubigen Mitbürgern liberaler Gesinnung eine ihrer wichtigsten Forderungen erblicken. Und da sind wir eben beim springenden Punkt der Sache: Die jüdische Wählerschaft Wiens hat ihr Hauptaugenmerk darauf zu richten, wirklich freisinnige Kandidaten zu finden. Welcher Konfession sie angehören, muß ihr vollkommen gleichgültig sein; sonst bejaht sie den Standpunkt ihrer ärgsten Feinde. Im Arsenal jenes politischen Systems, das in der fortschrittlichen Entwicklung unserer öffentlichen Einrichtungen, in der strikten Einhaltung der Staatsgrundgesetze, in der Zurückweisung aller reaktionären Bestrebungen auf dem Gebiete der Schule und des öffentlichen Lebens überhaupt Österreichs Zukunft als Kulturstaat gesichert sieht in diesem Arsenal findet die jüdische Bourgeoisie alle Waffen, die sie im Kampf gegen die Vertreter des Rassenhasses, der religiösen Unduldsamkeit, der niedrigen Hetze braucht. Schon gelegentlich der Wahlreformberatung im Abgeordnetenhause hatte der Czernowitzer Abgeordnete Doktor Straucher in bewegten Worten Klage darüber geführt, daß keine speziell jüdischen Mandate geschaffen wurden; nur eine jüdische „Kurie" könne gewissen Teilen der österreichischen Judenschaft die ihnen gebührende Vertretung sichern. Die Klage des temperamentvollen Sprechers aus der Bukowina fand nirgends Gehör, am wenigsten bei den liberalen Elementen der verschiedenen nationalen Parteien. Mit Recht! Die Juden sind dem aufgezwungenen Ghetto entflohen, sie durften sich kein gewolltes schaffen. Das Judentum hat in Österreich keine nationalen oder staatsrechtlichen Interessen. Darum soll der Ruf nach jüdisch-konfessionellen Kandidaten — in der City! - möglichst bald wieder verstummen. Am wenigsten in der Zeit, da man von der vollzogenen Konzentration der freisinnigen deutschen Parteien spricht, da Deutschvolkliche und Fortschrittler Arm in Arm in die Wahlkampagne treten. Und da will sich die jüdische Intelligenz der Reichshauptstadt in einem Ghetto abschließen? Das neue, gewollte Ghetto, es ist nichts als die freiwillige Blamage der jüdischen Wählerschaft Wiens." Den Herren, die jahrzehntelang gewohnt waren, in der Judenheit ein Patronanzobjekt zu sehen, denen sich die Juden selbst als „Schutzjudentum" präsentierten, begreiflich zu machen, daß es spezifisch-jüdische Interessen gibt, das „ist eben der springende Punkt der Sache": Diese letzte Garde der liberalen Partei — schon lange nicht mehr liberal — möchte sich wenigstens mit Hilfe der Juden noch über dem Wasser halten und die Juden als deutsch-freiheitlichen Block mit den Antisemiten zu einer deutschen Konzentration zusammenschweißen. Über dieses Ansinnen, — wäre es nicht entschuldbar durch die zur Selbstverständlichkeit gewordene Gewohnheit, die Juden als res nullius, oder drastischer ausgedrückt, als Stimmvieh des deutschen Liberalismus zu behandeln, — könnte man sich empören als über das Ultra von politischem Zynismus. Wer aber wird sich über die alte abgestorbene Garde, die auch bei den Juden längst alles Prestige verloren hat, empören? Ihre Antwort haben übrigens die Herren bekommen, und zwar von einigen Männern, die wirklich ehrlich, wenngleich auf verlorenem Posten vergeblich liberal waren und die jetzt die weitere Gefolgschaft einer Partei verweigern, deren höchster Ehrgeiz es ist, sich an die große antisemitische Mehrheit der österreichischen Deutschen anzuschmiegen. Die früheren Abgeordneten Noske und Wrabetz erklären, diesen früher verschleierten, jetzt stolz angekündigten Kurs nicht mehr mitmachen zu wollen. Abg. Karl Wrabetz schreibt in einem Abschiedsbrief an seine Wähler: „Ich habe unentwegt die freisinnigen Grundsätze hochgehalten und betätigt, welche Zeit meines Lebens mein Leitstern waren und von denen ich — trotz vieler verlockender Beispiele — kein Jota aufgegeben habe, selbst wenn mich diese starre Haltung ab und zu von meinen fortschrittlichen Gesinnungsgenossen trennte. Durch diese Haltung bin ich aber auch ein derzeit unmoderner Politiker geworden; ich verschmähe alle Kompromisse hinsichtlich freiheitlicher Forderungen, denn sie führen nur zur Kompromittierung einer freisinnigen Partei. Man kann hinsichtlich der parlamentarischen Taktik sich zuweilen zu Kompromissen gedrängt, ja genötigt sehen; ein Zurückstellen der freiheitlichen Forderungen aber darf nie erfolgen, sie müssen das Ziel sein, dem unentwegt zugestrebt werden muß . . . . . . Der Klerikalismus war in Österreich zu unserem großen Unglück lange Zeit herrschend, immer bevorzugt und wird — wenn nicht alle Zeichen trügen — bald wieder der bestimmende Faktor unseres öffentlichen Lebens werden. Nur ein entschlossenes, echt freisinniges Bürgertum könnte sein Vordringen wesentlich erschweren; leider scheint es nicht in solcher Zahl vorhanden zu sein, um erfolgreich den Kampf aufnehmen zu können. Die Mehrheit scheint kampfesmüde, und von allen Seiten wird derzeit dem Bürgertum Mäßigung, ja selbst Verständigung mit der in Wien herrschenden christlich-sozialen Partei angeraten; die freiheitlichen Grundsätze sollen bis auf weiteres in zweite Linie, wenn nicht gänzlich zurückgestellt werden. Unter solchen Umständen wird es die geehrte Wählerschaft wohl begreiflich finden, daß ich den Entschluß gefaßt habe, mich nicht mehr um ein Abgeordnetenmandat zu bewerben." So spricht ein anständiger christlicher Liberaler zu seinen Wählern und seinen Fraktionsgenossen. Und da wagt es eben diese Fraktion, die Juden, die von ihr verraten und verkauft sind und die sich endlich auf sich selbst zu besinnen anfangen, Ghetto- Menschen zu nennen? Ein Ghetto, ein beschämendes, tief demütigendes Ghetto voll Stickluft und Moder, war die Parteistätte, wo die „Freisinnigen" um den Sarkophag des toten Liberalismus knechtselige Juden ihre Majufis-Tänze aufführen ließen. Und von der Schande dieses Ghettos werden sich die österreichischen Juden — wenn nicht alle Zeichen trügen — befreien. Ein Begräbnis Wie dem deutsch-liberalen Israelitentum in West- Österreich, so hat auch den galizischen „Polen mosaischer Konfession" das letzte Stündlein geschlagen. Die alten „Unentwegten" scheiden allmählich dahin, und mit ihnen ist auch ihr politisches System auf den Aussterbeetat gesetzt. . . . Jüngst hat man in Wien einen der ältesten, beharrlichsten Vertreter dieser Richtung zu Grabe getragen: den Hof- und Gerichtsadvokaten, ehemaligen Landtags- und Reichsratsabgeordneten Dr. Arnold Rapoport Edlen v. Porada. Es war ein Doppelbegräbnis, das den Korrespondenten des Petersburger „ Fraind" zu folgenden Betrachtungen gestimmt hat: „Der Verstorbene war einer der drei bekannten alten Judendeputierten Galiziens. Seine beiden Gefährten, mit denen man ihn stets zusammen zu nennen pflegte, waren Dr. Byk und Dr. Kolischer. Die drei waren die ergebensten „Hausjuden'4 des Polenklubs und die Hauptakteure der polnischen Assimilationspolitik. Vor einigen Monaten ist Dr. Byk gestorben, nun ist ihm Dr. Rapoport gefolgt, und Dr. Kolischer, dem überlebenden Triumvirn, fiel die Aufgabe zu, seinem Genossen am offenen Grabe den Nachruf zu halten. . . . Mir erschien dies als der traurigste Moment des Leichenbegängnisses. Denn ehe Dr. Kolischer das Wort nahm, konnte eine rechte Trauerstimmung wahrhaftig nicht aufkommen; dazu waren die „pompes funebres" zu verschwenderisch, die anwesenden Minister, Direktoren, Inspektoren und sonstigen Zelebritäten zu zahlreich, die Kränze zu prächtig, der Gesang der Kantoren und Oberkantoren zu harmonisch. Auch der Blumenkranz erlesener Worte, den der Rabbiner Dr. Bach dem Verstorbenen in seiner Leichenrede flocht, konnte nicht recht Gefühle der Wehmut erwecken. Traurig mochte einem erst zumute werden, als der Jude Dr. Kolischer den Tod des Juden Dr. Rapoport im Namen des Polen kl ubs beweinte. Jahrzehnte hindurch hat der Verblichene die Fahne des Polentums hochgehalten und seinen politischen Gesinnungsgenossen vorangetragen, Jahrzehnte hindurch hat er seine beste Kraft dem Dienste der Schlachta selbstlos geweiht, und nun, da er das Zeitliche gesegnet, hat sich kein autochthoner Pole gefunden, der die Verdienste des Verstorbenen gewürdigt, den Dank seines Volkes verdolmetscht hätte. . . . Dr. Kolischer erzählte mit erhobener Stimme, wieviel der Verstorbene für die Entwicklung der Industrie in Galizien, für die Hebung des Volkswohlstandes geleistet habe. . . . Plötzlich jedoch senkte sich seine Stimme, umschattete sich sein Auge, und er fuhr fort: „Der Verstorbene hat die Rechte der Juden stets nachdrücklich verteidigt. Doch hat er stets an seiner

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