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Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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von der bekannten „Massecheth Purim" bis zur platten „Hagadah l'lel Schikurim", wurden verfaßt. Die alten, griesgrämigsten Rabbiner, die schwersten Lastträger des Ritus, trieben allerlei Ulk; irgendein altes Wort aus uralter Sage pflegten sie zu einem Purimwitz zu verwenden, und die geflügelten Worte flatterten unter das Volk hinaus. Die blassen, zaghaften Gesichter brannten vor Übermut' und man hörte silberhelles Lachen; die Strahlen jüdischen Witzes zuckten. Man sang das kurze Lied (sonst sind die Pijutim und die Zemiroth sehr lang): Schoschanath Jakow (Rose Jacobs), und man sah brennende Rosen auf den bleichen Wangen der Frommen. Man profitierte von der „licentia alcoholica" — natürlich jüdisch-sittlich: ein Nippchen. „Chaiaw inasch lewassume b'furia" (es ist Pflicht, am Purim sich anzuheiterni. Einschärfen mußte man es als „Pflicht". Rührend ist die Schilderung, wie reb Awrehmel, der berühmte Ciechanower Rabbi, diese „Mizwah" ausübte. Der Greis pflegte während des ganzen Jahres keine geistigen Getränke zu genießen, nicht einmal zu „Kiddusch". Nur am Purinifeste füllte er sich einen Becher mit Wein, sprach mit großem Ernst die Formel: „Ich bin bereit, die Mizwah-d'rabanan: Est ist Pflicht etc. auszuüben", leerte den Becher, ward heiter, witzelte und sang, bis er in Schlaf verfiel. So wurde auch mit Masken nnd Verstellung allerhand Schabernack getrieben. Verkapptheit, Nachahmung, Zerrbilder, Satire, launige Kombinationen von Wort- und Kostümspiel standen in einem engen Zusammenhange mit der Achaschverosch-Waschti-Haman- Zereschgeschichte, die doch die Züge eines Marionettenspiels nicht verkennen läßt. Mordechai und Esther wurden mit mehr Schonung, aber nicht ganz rücksichtsvoll behandelt. Die statutarische Strenge, die die jüdische Volksanschauung den Patriarchen, den Propheten und den Weisen gegenüber bewahrt, wich im Verhältnis zu den episodischen jüdischen Gestalten Persiens einer launigen, fast ungebundenen Behandlung, die schon im Talmud ihren Ausdruck findet. Doch ist Purim ein bedeutendes Fest, beleuchtet und vertieft durch die Schicksalstragödie des jüdischen Volkes. Und nicht durch das Geschriebene, sondern durch das Ungeschriebene ist die Megiilah zu einem ewigen Buche geworden. Beim Verlesen werden ganz kurze Pausen zwischen den Kapiteln gemacht Der offizielle Bericht schweigt, und eben dort spinnt sich die Geschichte weiter aus. Die Juden sind angeschwärzt worden — was weiter? Daß jede ausgesonnene Lüge geglaubt wird und auf einen nur allzu fruchtbaren Boden fällt, — wird nicht erzählt. Und hier liegt eigentlich der Schwerpunkt. „Die Stadt Schuschan war in Verwirrung." Pause. Die Gemeinde hüstelt, und der Vorleser atmet auf. Was sich in der Verwirrung ereignete, — darüber schweigt die Megiilah, und dies ist vielleicht ihr Hauptinhalt. Es ist wie ein offizieller Bericht aus einer Pogromstadt, wo die Juden dem Untergange geweiht waren und zuletzt doch die Gefahr überwunden haben. Eine Welt von Verzweiflung, von Todesangst, von unsäglichem Unglück liegt in dieser Situation. Ein Bösewicht wird zum Liebling des Despoten; er will, daß alle Welt vor ihm auf die Knie fällt; ein Jude trotzt ihm, und er schwört Rache gegen das jüdische Volk. Ein Wunder geschieht, die Laune wurde von einer anderen überwunden, der Plan wurde vereitelt, aber inzwischen hing das Volk zwischen Leben und Tod. Über dieses fürchterliche Drama zieht das Buch Esther einen Schleier. Aber hinter dem Schleier hören wir das Stöhnen. Wir bitten euch, laßt uns leben! Wir sind arme, friedliebende Leute, die niemanden ein Leid tun. Niemanden ein Leid? höhnt man entgegen. Ist das kein Leid, wenn ihr lebt? So schildert ein sinniger Midrasch den entbrannten Kampf, als es schwül wie Gewitterluft über Schuschan lag. Und die „Freude" ist wegen eines nicht verwirklichten Ausrottungsplanes — nicht eine weihevolle Heldenfreude wie am Chanukkah, nicht ein Freiheitsjauchzen wie am Pessach, sondern ein ulkiger Taumel. Sie könnte nichts anderes sein. Es ist ein Halbfest und eine Belustigung und erfordert Wein und Verstellungskunst für die siegesfrohe, aber nicht siegessichere Stimmung. Denn die Hamansbrut lebt und wirkt, trotzdem die Mordechais sich oft ducken, die Schuschans sind noch immer in Verwirrung; die Wunder hingegen geschehen nicht immer, und ganz ausgeschlossen scheint die Möglichkeit zu sein, „alle Juden zu versammeln". Es ist also für eine richtige Purimstimmung besser, an dem geschriebenen Texte der Megiilah festzuhalten. N. S. -^J L/^ „Das gewollte Ghetto" Ein bewegliches Klagelied, — in Wort und Weise so anachronistisch, daß es wie ein ausgegrabenes Stück ex anno 1848 anmutet, — wird von der liberalen Wiener „Allgemeinen Zeitung" angestimmt, weil die Wiener Leopoldstadt-Juden einen Abgeordneten ihres Volkes ins Parlament senden möchten. Unter dem Schlagwort: „Das gewollte Ghetto" schreibt das Blatt: Während Christlichsoziale und Sozialdemokraten längst über die Hauptfragen der Wahlorganisation hinaus sind und schon kräftig für ihre Kandidaten arbeiten, hat sich die fortschrittliche Partei Wiens noch nicht einmal zur Bildung eines Zentralwahlkomitees aufschwingen können. Und doch hat sie in einigen der größten Bezirke der Hauptstadt, die durch die Steuerkraft ihrer Bewohner, durch deren geistige Bedeutung hervorragen, wichtige Interessen zu verfechten. Warum diese Saumseligkeit, warum dieses gemächliche Zuschauen, während die Gegner längst am Werke sind? Einige mehr oder minder intime Konventikel, die in den letzten Tagen in der Inneren Stadt und in der Leopoldstadt ihre Unterhaltung damit beschlossen haben, der Gesamtheit der Bürgerschaft jüdisch-nationale Kandidaten für den Reichsrat zu repräsentieren, geben vielleicht einige Erklärung für die Erscheinung, daß die Wiener Liberalen wieder einmal den Anschluß versäumen .... Die Herren Dr. Schalit und Dr. J. S. Bloch wurden von jenen Zusammenkünften zu Wahlwerbern proklamiert, aber nicht als Vertreter eines bestimmten politischen Programms, nicht als Repräsentanten des Freisinns, dem die Majorität jener Wählerschaften vermöge ihrer seit jeher betätigten fortschrittlichen Gesinnung, vermöge ihrer hauptsächlich kommerziellen Interessen angehört, sondern als Vertreter des Judentums. Als Juden wurden der Zionist Dr. Schalit und der Nicht-Zionist Dr. Bloch aufgestellt, zur Vertretung der „jüdischen*' Interessen, die im politischen Leben des westlichen Oestereich bis nun nie eine Rolle gespielt haben. . . Ist es nicht der gröI3te Widerspruch, in den eine liberale Wählerschaft verfallen kann, den Mann ihres Vertrauens nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession zu beurteilen, das religiöse Glaubensbekenntnis zu einem Kriterium für politische Gesinnung und Betätigung zu erheben? Wenn der Antisemitismus, nachdem er die letzten Jahre her ein im Grunde doch so faules, wahrhaftig nicht sehr ruhmreiches Leben geführt, nunmehr in seinen alten Tagen, da seine Agitationskraft zu versagen beginnt, die Genugtuung erlebt, daß seine Feinde seinen morsch gewordenen Prinzipien neue Kraft verleihen, dann wird er sich das Sterben wahrhaftig überlegen. Der Antisemitismus ist es, der die Juden als Fremdkörper im staatlichen Leben hinstellt, mit speziellen nationalen, wirtschaftlichen und konfessionellen Interessen, die denen der „eingeborenen" Bevölkerung widersprechen. Die Vertreter des Fortschritts hätten diesem Sonderstandpunkt gegenüber, der den Ursprung des traurigen Systems des Rassenhasses und fanatischer Unduld-

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