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Die Welt · 1907-03-01 · 9 (1.3.1907) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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AUS MEINEM NOTIZBUCH (Purim-Capricen.) Uralt, aber nicht alternd; fern vom Alltagsgetriebe und doch so ganz gewöhnlich. Simpel benamset „Megillah" (Rolle), kurz, leichte Prosa, es ist aber eine Weltgeschichte. Ich hatte immer den Eindruck, daß in der Megillah das Ungeschriebene wichtiger als das Geschriebene ist. Das Geschriebene — du lieber Gott! — es ist doch gar so wenig jüdisch. Fast alles spielt sich zwischen Gelagen ab, und gesoffen wird wie unter russischen Matrosen. Es beginnt mit „Assah mischten" (eine Mahlzeit gemacht), dann war „Schethijah chadath" (programmmäßiges Trinken) 180 Tage lang! Es wird ferner sowohl gegen die Juden wie für die Juden getrunken: „Wehamelech w'Haman jaschwu lischtoth" (der König und Haman setzten sich, um zu trinken), und dann, als die liberale Epoche herangebrochen war. da saßen wieder derKönig und Hadassa-Esther „b'mischteh hajajin" (am Weingelage). Diese für unsern trocknen und nüchternen jüdischen Sinn so fremdartige Alkoholstimmung wird uns durch die Weibergeschichte nicht näher gebracht. Der Harem spielt ja bei dem Ereignis eine Hauptrolle: alberne, despotische Launen, — schon der Talmud sagte: „melech tipesch" —- mit Schönheitskonkurs und Jury in höchsteigener Person, samt Hofintriguen und Favoritentum. Ich pflegte in dieser altpersischen Serenissimusgeschichte Andeutungen politischer Ideen zu suchen. Bald kam es mir vor, Achaschverosch sei ein Anhänger nationaler Autonomien gewesen. Erteilte er doch einem jeden das Recht, „M'daber kil'schon amo" (die Sprache seines Volkes zu sprechen) —, und die Helsingforser Plattform antizipierend, schrieb er ja an die Juden auch „Kich'thawam w'chilschonam" (in ihrer Schrift und Sprache). Bald glotzt hingegen ein Ehemannsdespotismus aus dem „Schorer b'betho" (jedermann Herr in seinem Hause)-Befehl. Eine kleine Frauenemanzipationsbewegung, etwa Suffragistsdemonstrationen in dem Hydepark von Schuschan, von Waschti, — etwa nach der Art des Kronprinzenliberalismus — begünstigt und daraufhin — Reaktion und Gewaltmaßregeln. Auf die Frauenunterdrückung folgt die Judenhetze, ganz wie es Frau Moszcrenska, die Vorkämpferin der Frauenemanzipation, in einer öffentlichen Versammlung in Warschau sagte. So etwas russisch klingen die Finanzschwierigkeiten. Die 180-tägigen Bacchanalien und die Schönheitskonkursrevue scheinen die Staatskasse stark geleert zu haben; man trachtete wahrscheinlich, eine kurzfristige Anleihe irgendwo durchzusetzen, und da schlug Haman eine innere „Assereth-alafim-Kikar-Kesef" (10 000 Zentner Silber-)Anleihe vor. Er zählte wahrscheinlich auf die Hilfe der echt-persischen Leute und der medischen Lidwalls. Zuletzt standen ihm die Feldgerichtsgalgen zur Verfügung. Ja, Winke sind es, aber nicht genug, ein System aufzubauen. Es drängen sich wohl noch andere Assoziationen auf. Wir leben in einer politisch so durchwühlten Zeit, daß wir alles, auch das Alteste und das Naivste, modernisieren müssen. Ich habe einen Freund, der ein weltfremder Sanskritologe ist. Nun wurde er in die Politik hineingezogen: er kandidierte für die Duma. Ich sah ihn neulich — der Arme! Das Schlagwort verfolgt ihn überall; wenn er bei seiner Arbeit sitzt oder auf der Straße geht, könnte er plötzlich laut: „Das Recht der Minorität!" rufen; wenn er mit Kameraden spricht, mischt er ohne jeglichen Sinn: „Das wäre ein Block!" ins Gespräch; wenn er am Telephon steht, sagt er in der Zerstreuung dem Telephonmädchen: „Das alte Regime muß fort!"; er schläft schlecht, und wenn er endlich in Schlaf verfällt, träumt er von Wählerversammlungen und Plattformen. Als ich an seinen Formelkram mit leichtem Skeptizismus rührte, warf er mir einen Blick zu, der mir sagte: Du gottverlassener, urbaner, philiströser Bourgeois! Und doch merke ich zu meinem Entsetzen, wie sich die politische Tendenz meiner bemächtigt hat. Alles in der alten „Megillah" spielt mir in das Aktuelle und Augenblickliche hinüber. Daß Mordechai ein Kadett, ein nach rechts hinneigender Kadett war, — dieses Eindruckes kann ich mich nicht erwehren. Er konnte den Sozialrevolutionären Plan Bigthan's und Theresch's nicht gutheißen, aber ducken wollte er sich doch nicht. Als jüdischer Kadett war er ein bischen ä la Volksgruppe und befahl Hadassa, die er persisch „Esther" umgenannt hat, ihre Abstammung nicht kundzugeben. Nur ruhig bleiben, mit der Judenfrage nicht hervortreten, — bis die Katastrophe hereinbricht, und dann ist es mit dem Kadettentum aus, und eine „Seakah g'dolah urnarah" (großer und bitterer Schrei) wird ausgestoßen. Es wird nur kurz erwähnt, und darüber später. Und ein Kadett wird ja auch Minister. Popularität bei vielen Jaden, aber wie schon der Talmud bemerkte: nicht bei allen, -— ein Teil des Synhedrions ist ihm nicht gewogen. Furchtbar schwer, alle Juden zufriedenzustellen. Esther, — noch mehr nach rechts. Ein bischen oktobristisch angehaucht. Das ernste Hervorheben der Gesetzesstrenge bei den Audienzen klingt ,,pravoporiadok"(Gesetzesordnimg)-mäßig. Natürlich bis zur Pogromangst. Dann hört die Assimilation mit dem politischen Konservatismus, mit der Vorsicht auf, und ein revoltierendes Fasten beginnt. Der ruthenische Hungerstreik ist nur eine Nachahmung dieser passiven Widerstandsmethode. Zuletzt wird Esther ganz nationalistisch. Sie tritt für ihr Volk in die Schranken und identifiziert sich ganz mit ihrer Abstammung. Kein einziger Wink über Konfession; sie stellt die Nationalität (natio—moledeth) in den Vordergrund. Das Zerklüftete und Gelähmte, das Unsichere und Schwankende des Sichverstellens, die kläglich kleinen Diplomatenkünste der Nachahmung weichen vor dem Gebieterischen des nationalen Selbstschutzes. Es ist eine hervorstechende Eigenart des Buches Esther, daß dort nur vom jüdischen Volke, trotz des Mangels staatlicher Selbständigkeit und politischer Abgesondertheit, die Rede ist („Am Mordechai", „Jeschno am echad", „Lo higidah Esther eth am ah w'eth moladtah", „aini b'bhakaschathr't. Vielleicht weil nicht Juden die Megillah geschrieben haben . . . Und „unsere nichtjüdischen Freunde'4 — Charwonah-Typus, Philosemit, wenn er sieht, daß es zwischen Achaschverosch und Haman nicht mit rechten Dingen zugeht. Und die Historienleser während der schlaflosen Nacht! Sie konnten, ä la Ilovaiski. das Verdienst des Juden totschweigen. Nun, wir haben doch Freunde, — aber würden wir uns auf sie verlassen haben, so hätten wir keinen Purim. Und die Organisierung der Juden. „Lech Knoss eth kol ha-jehudim" (geh und versammle alle Judeni läßt Esther Mordechai sagen. Das war eine gefährliche Kühnheit. Hatte ja erst Haman denunziert: es gibt ein Volk, das zerstreut und abgesondert ist etc., - und nun sollen die Juden diese Anklage durch ihr Zusammentreten bestätigen? Die Selbstwehr hingegen ist zwar vor Hornel und Shitomir in Schuschan eingeführt worden, aber sie entbehrt der Romantik. In Schuschan war sie von Achaschverosch begünstigt; in Hornel und Shitomir kämpfte sie gegen Achaschverosch und Hainau, der noch immer die Macht besitzt. Der jüdische Volksgeist konnte, den Fasttag ausgenommen, dem Purimfeste keine ernste Seite abgewinnen. Ein frömmelnder Amhaarez mag humoristische Randglossen zur Megillah anstößig finden; aber jeder Kenner jüdischer Sitte und jüdischen Schrifttums wird wohl wissen, daß Purim das einzige Fest war, das, von moralisierender Homiletik losgerungen, sich ganz in Humor auflöste. Zahllose Megillah-, Hagadah- und Talmudparodien ■— die größte Sammlung ist in der Bibliothek Montesinis in Amsterdam zu sehen ,

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